Neues Stück des Moks-Theater thematisiert publizistische Befangenheit

Von Pressefreiheit und Diktatur

Bremen. Am Theater Bremen ist eine spannend inszenierte Moks-Produktion zu sehen, die Pressefreiheit und publizistische Befangenheit unter brisanten politischen Umständen thematisiert: Konradin Kunzes Stück „Weißes Papier“.
28.04.2014, 06:00
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Von Hendrik Werner
Von Pressefreiheit und Diktatur

Wenn Gewalt spricht, pausiert pluralistisches Sendungsbewusstsein: Chefredakteur Viktor (Guido Gallmann) und seine Mitarbeiter Grazia (Anna-Lena Doll), Nassir (Walter Schmuck) und John (Simon Zigah) beugen sich notgedrungen dem General (Siegfried W. Maschek; von links).

joerg landsberg, Theater Bremen / Jörg Landsberg

Uraufführung am Theater Bremen: Im Brauhauskeller ist eine spannend inszenierte Moks-Produktion zu sehen, die Pressefreiheit und publizistische Befangenheit unter brisanten politischen Umständen thematisiert: Konradin Kunzes Stück „Weißes Papier“, das sich besonders an junge Zuschauer (15 +) richtet, ist – einer Zeitung gleich – reich an Text. Und spielt doch mit der Urangst von Journalisten, Teile des Blattes könnten leer, ohne Worte, entstellt sein. Denn nicht nur in Diktaturen ist die sogenannte vierte Gewalt oft machtlos.

Das faszinierend morbide Bühnenbild von Léa Dietrich bedient sich farblich jener beiden Töne, derer Printjournalismus bedarf, um sichtbar und wirksam zu sein. Doch unter politischem Druck kann es heikel bis lebensgefährlich sein, unliebsame Tatbestände schwarz auf weiß zu nennen. Das erfährt im zur provisorischen Redaktion umgewidmeten Brauhauskeller ein idealistisches Quartett, das die zaghaft keimende (und bald wieder kassierte) Demokratie in einem postdiktatorischen Staat durch Gründung einer bürgernahen, meinungsstarken Zeitung unterstützen will.

Da stehen die vier Unbestechlichen nun in den heruntergekommenen Räumlichkeiten des aus der Taufe zu hebenden Moralmediums „Pionier“. Chefredakteur Viktor (engagiert und gravitätisch: Guido Gallmann mit Haargel, Brille und Springer-Manager-Blauhemd à la Kai Diekmann) hat drei Mitarbeiter angeworben, um etwaige Altseilschaften und ruchbare Korruption aufzudecken: Nassir (agil: Walter Schmuck als Junge für alles Technische) sowie die beiden Jungredakteure Grazia (in einer Männerdomäne zusehends durchsetzungsstark: Anna-Lena Doll) und John (ein Hitzkopf wie der junge Genosse in Bertolt Brechts „Maßnahme“: Simon Zigah).

Glückloses Kleeblatt

Weil die publizistischen Novizen die Zeit der Diktatur denkbar unterschiedlich verbracht haben – auf Seiten der Rebellen der eine, in einem Internat im befriedeten „Nachbarland“ die andere – sind redaktionelle Konflikte programmiert; politische sowieso. Denn das trotz Aufbruchseuphorie zunehmend glücklose Kleeblatt eckt mit seinem Aufdeckungsfuror bei Regierungsgetreuen an. Nach dem ersten Enthüllungsartikel, der die perfide bemäntelte Selbstbedienungsmentalität der Regierung betrifft, betritt ein Vasall (gekonnt maliziös: Siegfried W. Maschek) die Redaktion, um das Kollektiv mit Worten und Waffe einzuschüchtern. Derweil umflort ein immer bedrohlicher wirkender Klangteppich (Musik: Octavia Crummenerl) das Szenario.

Konradin Kunze, findiger Stückautor und Regisseur mit einem ausgeprägten Gespür für Spannung und Spannungen, hat für sein als Kammerspiel inszeniertes Lehrstück zwar im Südsudan recherchiert, belässt die Fabel jedoch im Allegorisch-Allgemeingültigen. Das ist durchaus sinnvoll, obwohl es die formidable Versuchsanordnung der Möglichkeit beraubt, zwei Aspekte schärfer zu konturieren, die postkoloniale Gesellschaften in besonderer Weise auszeichnen: den Clinch von Revolution und Konterrevolution, der das ambitionierte Zeitungsprojekt massiv gefährdet, und die vom Befreiungstheoretiker Frantz Fanon beschriebene fatale Dialektik von schwarzer Haut und weißen Masken. Ohnedie ist das gewählte Thema – fast – komplexer als jede Aneignung.

Und ohnehin ist Kunze und seinen trotz zu stemmender Textberge spielfreudigen Akteuren ein intensiver Abend geglückt, der zumal der jugendlichen Zielgruppe viel Diskussionsstoff bietet. Löblich zudem, dass der Wille zur Didaktik die im Aufführungsverlauf gehäuften Thrillerelemente kaum beschädigt. Dass die Einheit des Ortes in diesem von Flüchen bis Gewehrsalven hyperrealistischen, passagenweise sehr filmisch anmutenden Arrangement klug gewählt ist, merkt man der einzigen Szene an, die einen zweiten Ort sozusagen zuschaltet: Die beklemmende Suggestivkraft der Inszenierung, die ein ums andere Mal mit den Schrecken des Nicht-Sichtbaren spielt, schwindet prompt, als im Hintergrund des redaktionellen Geschehens eine Folterszene eingeblendet wird, die außerhalb des Schauraums angesiedelt sein soll.

Dass der Journaille-Jargon oft konstruiert klingt, gleicht der Umstand aus, dass die verdiente Kolumne Papierstau mehrfach erwähnt wird. Herzlicher Beifall für eine intelligente, couragierte Darbietung.

Nächster Termin: 29. April, 20 Uhr.

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