Twittertrend als Buch

Von wegen brotlos

Im Sommer 2018 fluteten Gemälde aus Wurst, Käse und Marmelade das Internet. Gestartet hatte den Trend die 31-jährige Marie Sophie Hingst. Jetzt hat sie ein Best-of als Buch herausgebracht.
06.04.2019, 20:12
Lesedauer: 4 Min
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Von wegen brotlos
Von Katharina Frohne
Von wegen brotlos

Salami und Avocado auf Ciabattabrot statt Öl auf Leinwand: Ein Twitternutzer schuf diese essbare Variante von Edward Hoppers „Nighthawks“.

Torsten Woywood

Ein Sommertag in Berlin, sieben Uhr morgens. Frühstückszeit. Marie Sophie Hingst macht sich ein Brot. Nicht irgendeines, kein stinknormales Käsebrot – obwohl: Käse ist drauf, in kleinen, eckigen Stücken, daneben quadratisch zugeschnittene Tomatenscheiben, tiefblaue Heidelbeeren, darunter Ziegenfrischkäse, an den Rändern lugt die dunkle Vollkornkruste hervor.

Hingsts Brotarrangement erinnert an irgendetwas, und wer schon einmal die Werke des niederländischen Malers Piet Mondrian gesehen hat, jene so charakteristischen, durch schwarze Linien rechtwinklig gegliederten Rasterbilder in bunten Farben und Grautönen, der wird auch dieses erkennen: das Gemälde „Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz“ von 1921.

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Hingst beißt nicht rein in ihr Brotkunstwerk, zumindest nicht sofort. Sie macht ein Handyfoto davon, veröffentlicht es auf Twitter. „Auf eine Stulle mit Piet Mondrian“ schreibt sie dazu, dahinter setzt sie den Hashtag „KunstgeschichteAlsBrotbelag“. Fast 800 Menschen schenken dem Post in den Stunden darauf ein Twitterherz, mehrere Hundert gehen selbst unter die Brotkünstler. Eine Nutzerin imitiert Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis mit Bernsteinkette“; Wurst, Käse und Senf auf Toast statt Öl auf Leinwand. Ein anderer bastelt Jan Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ nach: aus Birne, Aubergine und Fleischwurst.

In der letzten Juliwoche des Jahres 2018 ereignet sich etwas Historisches; etwas, mit dem wohl niemand gerechnet hat: Kunstgeschichte trendet auf Twitter. Mehrere Tage ist der Hashtag einer der meistverwendeten der Plattform. Hingst ist gerührt – und fühlt sich bestätigt. Denn ein bisschen, sagt sie, sei ihr Brot auch ein Protestbrot gewesen. Brotest, gewissermaßen.

Zweifellos schön ­anzusehen, geschmacklich wahrscheinlich gewöhnungsbedürftig: Gustav Klimts „Der Kuss“ aus Nutella, Senf und Lakritz.

Zweifellos schön ­anzusehen, geschmacklich wahrscheinlich gewöhnungsbedürftig: Gustav Klimts „Der Kuss“ aus Nutella, Senf und Lakritz.

Foto: Claire Larsson

Warum sich irgendetwas merken, wenn man googeln kann?

„Es heißt ja immer, das Internet mache die Kunst kaputt“, sagt sie. Besonders die sozialen Netzwerke verteufelten die Kulturkritiker gern, Plattformen, auf denen, wie Hingst sagt, vermeintlich „viel geschrien, aber wenig geschaffen wird“. Ihre Nutzung bringe „digitale Schlafwandler“ hervor, unkreativ und desinteressiert. Auch mit kultureller Bildung wisse die Generation Facebook wenig anzufangen. Warum sich irgendetwas merken, wenn man googeln kann?

Alles Quatsch, findet Hingst. Ihr Mondrian auf Brot sollte das Gegenteil beweisen. „Auch das Netz kann ein Raum für Kunst und Kultur sein“, sagt die 31-Jährige. Die Aktion gab ihr recht. Twitter wurde zur Galerie; wer nach dem Hashtag sucht, kann sich durch die vielen verschiedenen Kreationen scrollen, vorbei an essbaren Kopien der ganz Großen der Kunstgeschichte: da Vincis „Mona Lisa“ aus Bohnen und Lauchzwiebeln auf Graubrot oder van Goghs „Sternennacht“ aus Gurke, Paprika und Marmelade auf Toast.

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Einige dieser Kreationen sind kleine Meisterwerke, auf den ersten Blick als Kopien ihrer Originale zu erkennen. Gustav Klimts „Der Kuss“ zum Beispiel, eine filigrane Anordnung aus Lakritz, Gurkenkernen und Brombeeren. Andere Werke sind eher freie Interpretationen. Auf da Vincis „Das letzte Abendmahl“ werden Jesus und seine Apostel zu gelben, grünen und roten Gummibärchen.

Genau dieser entspannte, humorvolle Umgang mit Kunst sei es, der sie am meisten gefreut habe, sagt Hingst. „Das Ganze hätte auch in einen Wettstreit um das beste, schönste Brot ausarten können. Das hätte ich schade gefunden.“ Kunstgeschichte, findet sie, sollte viel häufiger spielerisch angegangen werden. Sie hofft, dass ihre Aktion Appetit macht. Nicht nur auf Brot, auch auf Kunst.

Ein Selbstbildnis Frida Kahlos von 1940 aus Backpflaumen, Zuckerstreuseln, Avocado und Erdnussbutter.

Ein Selbstbildnis Frida Kahlos von 1940 aus Backpflaumen, Zuckerstreuseln, Avocado und Erdnussbutter.

Foto: missmegaphon (Twitter)

„Mit Essen spielt man nicht“

Von fast allen sei ihre Aktion sehr positiv angenommen worden, sagt sie. Kritik habe sie sich trotzdem anhören müssen. „Mit Essen spielt man nicht“, kommentierten die einen, "Blasphemie!", schimpften die anderen. Hingst versteht das nicht. Sie findet: „Auch eine Leberwurststulle kann Picasso sein. Kunst darf das, Kunst bedeutet immer Grenzüberschreitung." Und zumindest ihren Mondrian habe sie nicht nur geknipst, sondern auch gegessen.

Eine Auswahl der schönsten Werke hat Hingst jetzt als Buch herausgegeben. Auf 112 Seiten finden sich mehr als 30 Butterbrotkunstwerke, Doppelseiten zeigen jeweils Original und Kopie, Zutatenliste inklusive. Hingsts Buch ist nicht nur eine sehr unterhaltsame Reise durch die Kunstgeschichte, es ist, ganz nebenbei, auch eine Liebeserklärung an das Brot.

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„Brot und die Deutschen, das ist die Geschichte einer besonderen Beziehung“, schreibt Hingst im Vorwort. 3200 Sorten gebe es hierzulande, das Brot sei „Teil regionaler Identität“. Recht hat sie. Trotzdem gilt Brot oft als langweilig, als schnöder Notnagel unter den Mahlzeiten. Wer keine Lust zu kochen hat, der macht sich „nur ein Brot“. Brot ist meistens da, irgendwas an Aufstrich findet sich garantiert. Brot geht immer.

Das Brot soll mehr gewürdigt werden

Das Brot, es muss fehlen, um zu glänzen. Das anständige Käsebrot ist das Sehnsuchtsmahl des deutschen Urlaubers. Sonne, Strand und Meer, schön und gut, aber nach Wochen mit Ciabatta, Croissant oder Weißbrot wünscht er sich das gute alte Schwarzbrot zurück. Es sei an der Zeit, sagt Hingst, das Brot mehr zu würdigen – als Ressource und als Kulturgut. Auch dazu lädt ihr Buch ein.

Doch nicht nur ihr Blick auf die Stulle habe sich durch ihre Aktion verändert, sagt sie. Auch Kunst sieht sie heute anders. „Wenn ich ins Museum gehe und mir die Gemälde angucke, denke ich mir jetzt oft: ein tolles Bild. Aber noch schöner wäre es auf Brot.“

Weitere Informationen

Marie Sophie Hingst (Hg.): Kunstgeschichte als Brotbelag. Dumont, Köln. 112 Seiten, 15 Euro.

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