17 Jahre Sinfonia concertante

Harmonie der Gegensätze

1992 siedelte die Deutsche Kammerphilharmonie von Frankfurt nach Bremen über kurz danach gründeten die Mitglieder gemeinsam mit Laien ein weiteres Orchester, die Sinfonia concertante.
02.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Harmonie der Gegensätze
Von Iris Hetscher

Irgendwie ist die Idee zur Gründung der Sinfonia concertante indirekt auch in Frankfurt entstanden, und zwar sehr lange vor dem Jahr 2003. Die Deutsche Kammerphilharmonie hatte bekanntlich ihre Anfänge in der Stadt am Main, doch „wir wurden zwar finanziell gefördert, aber wir waren eigentlich nicht in der Szene vernetzt und verankert“, erinnert sich Friederike Latzko. Latzko, die Bratsche in dem Ensemble spielt und zu dessen Gründungsmitgliedern gehört, war damit nicht glücklich.

Das sollte sich ändern, als die Kammerphilharmoniker 1992 nach Bremen übersiedelten. „Die Stadt ist einfach stark geprägt von Musik und der Begeisterung dafür. Man hat fast den Eindruck, jeder hier spielt ein Instrument“, sagt Friederike Latzko. Es reifte also die Idee, gemeinsam mit Laien ein weiteres feines kleines Orchester aufzubauen – und die vertiefte sich bei Seminaren, die Mitglieder der Kammerphilharmonie für Amateurmusiker gaben. „Ratzfatz hatten wir ein Orchester zusammen“, sagt Friedrike Latzko und schmunzelt bei dem Gedanken daran noch 17 Jahren später.

Lesen Sie auch

Doch warum wollen Profi-Musiker eigentlich überhaupt gemeinsam mit Laien spielen? Außer Latzko sind von den Kammerphilharmonikern dabei: Oboist Rodrigo Blumenstock, der als studierter Schulmusiker das Ensemble dirigiert, Stefan Latzko als Konzertmeister und Günther Schwiddessen als Stimmführer der zweiten Geigen. Auch Gäste der Deutschen Kammerphilharmonie tun mit: die Cellistin Lynda Anne Cortis und die Geigerin Marijke Tjoelker. Es könne nie schaden, einen frischen, unverstellten Blick auf das eigene Tun zu werfen, um vielleicht eine andere Perspektive für musikalische Werke zu bekommen, findet Friederike Latzko und verweist auf die lange Tradition derartiger Kombi-Ensembles.

Sprechendes Logo

Vor allem Lehrer, Ärzte und Juristen spielen mit bei der Sinfonia concertante – ein großes Lob gibt‘s von der Bratscherin für die technischen Fähigkeiten der Laien-Mitglieder, die sehr beeindruckend seien. Was vielleicht auch daran liege, dass es in Bremen mit seiner sehr regen Musik-Szene einfach auch viele gute Lehrerinnen und Lehrer gebe, mutmaßt sie. Das Profil des Orchesters leitet sich dabei von seinem Namen ab. Das Zusammenklingen der „Sinfonia“ koppelt sich wahlweise mit „wetteifern“ oder „planen/einstimmen“.

Je nachdem, ob man das Wort „concertante“ aus dem Lateinischen oder aus dem Italienischen übersetzt. Man könnte es also eine fruchtbare Auseinandersetzung nennen, die sich aus (scheinbaren) Gegensätzen ergibt – abgesehen von den Paaren Profi/Laie und jung/alt sind dies Repertoire/neu oder ernst/unterhaltsam. Und schon im Logo des Orchesters ist dies zu erkennen: Das „Sinfonia“ erinnert an Jugendstilembleme, das „concertante“ in seinen eckigen Klammern an die erste Generation von Computerschrift.

Lesen Sie auch

Diese Kombination schlägt sich in den Programmen nieder. Das erste Werk, das eingeübt wurde, war tatsächlich Wolfgang Amadeus Mozarts „Sinfonia concertante in Es-Dur“. Einen Ruf in Bremen hat das Ensemble aber dafür, bei jedem seiner zwei Benefizkonzerte pro Jahr auch ein zeitgenössisches Stück zu spielen.

Viele davon sind mit finanzieller Unterstützung durch die Waldemar-Koch-­Stiftung eigens für die Musiker geschrieben worden: Der in Berlin lebende Bremer Mark Scheibe hat genauso etwas beigesteuert wie der Hannoveraner Thorsten Encke oder die Russin Polina Medyulyanova. Für ein Ensemble zu schreiben, in dem auch Laien mittun, sei auch für die Komponisten lehrreich, findet Friederike Latzko: „Oft ist zeitgenössische Musik technisch sehr anspruchsvoll, bei ­unseren Aufträgen müssen die Komponisten sich da etwas anpassen“. Was langfristig ­wiederum dazu führe, mehr Menschen für neuere Musik zu interessieren, quasi ein Win-win-Situation.

Zwei Konzerte pro Jahr

Geprobt wird sehr intensiv. Es gibt kein wöchentliches Treffen, das erlaubt der Terminkalender der Kammerphilharmoniker nicht. Steht ein Konzert an, wird mindestens ein Wochenende lang durchgeübt. Zwei Konzerte sind es mittlerweile pro Jahr, eins davon findet seit 2011 in der Kunsthalle Bremen statt. Zuletzt spielte die Sinfonia concertante dort am 4. Februar in der Ausstellung „Ikonen. Was wir Menschen anbeten“ Werke von Gesualdo di Venosa, Johann Sebastian Bach, Olivier Messiaen, Gustav Mahler, Arvo Pärt sowie eine Uraufführung des italienischen Zeitgenossen Carlo Boccadoro.

An weitere öffentliche Auftritte ist derzeit wegen der Corona-Krise nicht zu denken. Geplant war eigentlich noch „das große Konzert“, wie Friederike Latzko es nennt, mit der „Alt-Rhapsody“ von Johannes Brahms und der Komposition „Der Gesang der Geister über den Wassern“ von Franz Schubert. Irgendwann, da ist Friederike Latzko optimistisch, wird die Sinfonia concertante damit zu hören sein.

Weitere Informationen

Kontakt Sinfonia concertante: info@sinfoniaconcertante.de; Website: www.sinfoniaconcertante.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+