Vorschlaghammermusik

Duo Mantar brachte den Bremer Metal in die Welt

Eigentlich wollten die Bremer Hanno Klänhardt und Erinc Sakarya nur eine Demo-Kassette für Freunde aufnehmen. Heute touren sie mit ihrer Metal-Band Mantar um die Welt.
28.06.2020, 05:49
Lesedauer: 4 Min
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Duo Mantar brachte den Bremer Metal in die Welt
Von Katharina Frohne
Duo Mantar brachte den Bremer Metal in die Welt

Seit sieben Jahren machen Erinc Sakarya (links) und Hanno Klänhardt als Mantar Musik. Gerade ist ihre neue Cover-EP "Grungetown Hooligans II" erschienen, eine Hommage an die Helden ihrer Jugend.

Christoph Eisenmenger

Wenn Hanno Klänhardt in seinem Arbeitszimmer in Gainesville, Florida, sitzt, dann ist er immer noch irgendwie in Bremen. Links von ihm, oben an der Wand, hängen zwei Schals, einer unverkennbar grün-weiß, der andere dunkelblau-gelb. „BSC Hastedt“ steht darauf, und darunter: „Osterdeichkicker.“ Drumherum Gitarren, Bandposter, Skateboards. „Manchmal, wenn ich Besuch aus der Heimat bekomme“, sagt Klänhardt, „dann fragen meine Freunde: Dafür bist du hierher gegangen? Hier sieht‘s aus wie früher, als du 15 warst.“ Klänhardt, inzwischen 38, erzählt das alles während eines Telefonats über seine Band Mantar, die Bremer Metal nach Japan brachte, nach Finnland, nach Südafrika. Und ihn hierher, nach Gainesville, USA, eine, wie Klänhardt sagt, „kleine, kreative, verschlafene Stadt“, ein „liberaler Fleck im republikanischen Süden des Landes“.

Klänhardt schaut hier aus allen Fenstern auf grüne Wiesen, im Garten wohnt ein zahmes Eichhörnchen: Chippy. In seinem Garten. Dass Klänhardt hier lebt, dass er dieses Haus hat, dieses Leben, hat er sich erarbeitet. Oder vielmehr: erspielt.

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Acht Jahre ist es her, dass Klänhardt „es noch mal wissen“ wollte. Er war durch Südostasien gereist, um die dortige Metalszene kennenzulernen, durch Malaysia, Thailand, Singapur. „Ich habe Menschen getroffen, die kein Geld haben, eine Platte aufzunehmen, und die trotzdem großartige Musik machen, einfach so, für sich.“

Ihn habe das an seine eigenen Anfänge erinnert, an Zeiten, in denen auf der Bühne zu stehen nichts als Spaß war, in der die Erwartungen der anderen keine Rolle spielten. „Als ich zurückkam“, erzählt Klänhardt, „habe ich zu Erinc gesagt: Lass uns zusammen was aufnehmen, und lass uns diesmal keine Kompromisse machen.“

Im Wehrschloss am Osterdeich

Erinc Sakarya, der kurz darauf zu seinem Bandkollegen werden wird, kennt er da schon sein halbes Leben. Ende der 90er-Jahre lernen sich die beiden im Wehrschloss am Osterdeich kennen, heute Wirtshaus, damals Jugendheim und Konzertschuppen. „Mit 14 oder 15 Jahren habe ich Erinc, damals Anfang 20, in seiner Band Schlagzeug spielen hören. Da wusste ich: Mit dem will ich irgendwann mal auf der Bühne stehen.“

Irgendwann, das ist knapp 15 Jahre später. Klänhardt und Sakarya leben und arbeiten inzwischen in Hamburg, Klänhardt als Musik-Promoter, Sakarya als Türsteher. Nach seiner Asienreise sagt Klänhardt zu seinem Freund: „Wir machen jetzt seit Ewigkeiten Musik, die keiner hören will – warum legen wir wert darauf, was andere denken?“

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Nach Jahren in verschiedenen Bandprojekten tun sich die beiden zusammen, suchen nach einem Bassisten. Und finden keinen. „Niemand hatte Zeit oder Bock“, sagt Klänhardt. Die anfängliche Notlösung sieht er heute als Erfolgsrezept: „Die Magie zwischen Erinc und mir hätte eine dritte Person nur verwässert.“

Doom-Metal zu zweit, ohne Bass, dafür mit Klänhardts brutalem Gebrüll, einfachen Melodien, treibendem Schlagzeug-Geprügel. „Unsere Songs sind wie Boxkämpfe, bei denen wir uns gegenseitig aufs Maul hauen“, sagt Klänhardt. Vorschlaghammermusik, „ohne Message, ohne Liebeskummer-Selbsthilfe-Anspruch“. Wenn Sakarya und er auf der Bühne stünden, dann wollten sie „einfach kloppen“, „totale Katharsis“. Er wisse, dass er kein großer Gitarrist sei, sagt Klänhardt. „Ich habe nie in meinem Zimmer gesessen und mir gesagt: Heute übe ich mal mein Instrument. Gitarrensoli interessieren mich nicht sonderlich. Uns geht‘s um den Spaß am Abriss.“

„Auf einmal wurde das Ganze viel, viel größer.“

Den Fans gefällt das. Den Kritikern auch. Als „Krawall-Meisterwerk“ bezeichnete das Musikmagazin „Visions“ die dritte Veröffentlichung der Band, die erste Platte „Death By Burning“ kürt es zu einem der „66 besten Metal-Alben des neuen Jahrtausends“. „Wir wollten eigentlich erst mal nur eine Demo-Kassette aufnehmen und sie an Freunde verteilen“, sagt Klänhardt. „Und auf einmal wurde das Ganze viel, viel größer.“

2014, nur ein Jahr nach der Gründung, kommen verschiedene Plattenfirmen auf Klänhardt und Sakarya zu, sie spielen in England und ganz Europa, haben Auftritte in den USA. 2015 kündigen die beiden ihre Jobs, setzen alles auf die Musik; Ende des gleichen Jahres unterschreiben sie einen Vertrag bei dem bekannten deutschen Label Nuclear Blast.

„Völlig absurd“, diese Worte sagt Klänhardt immer wieder, wenn er über die vergangenen Jahre spricht, darüber, was sie erreicht haben, dass sie heute „human von Mantar leben“ können. Gleichzeitig betont er, dass der Erfolg hart erarbeitet ist: „Wir geben wirklich alles, haben zwischendurch zwölf Monate durchgetourt. Ich kenne kaum jemanden, der sich so reinhängt wie wir.“

Eine Hommage an die Helden der Jugend

An diesem Freitag ist die neue EP erschienen: „Grungetown Hooligans II“, eine Hommage an die Helden ihrer Jugend. Songs von Mazzy Star, Babes in Toyland, Sonic Youth oder The Jesus Lizard werden darauf zu Metal nach Mantar-Art. Aufgenommen wurde das Minialbum bis auf die Drums, die in Hamburg im Studio eingespielt wurden, in Klänhardts Wohnzimmer in Florida.

Wann sie das nächste Mal live zu sehen sind? Das weiß Klänhardt auch noch nicht. Corona hat auch ihre 2020-Pläne zerschlagen, gerade basteln sie an ihrer Tour fürs kommende Jahr. „Ich hoffe sehr, dass wir auch eine Bremen-Show einbauen können“, sagt Klänhardt. Er hängt an der Stadt, das zeigen nicht nur die Fußball-Schals an der Wand, das betont er auch, immer wieder. Und dann sagt dieser Mann, dem man so gar keinen Kitsch zutraut, etwas doch ziemlich Romantisches: „Wie sagt man so schön? Es gibt viele Orte, an denen man sich zu Hause fühlen kann – aber nur eine Heimat.“

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