Bremer Filmpreis

Waldburgers Liebe ist das europäische Kino

Die Schweizer Produzentin Ruth Waldburger ist am Donnerstag für „ihr feines Gespür für Entdeckungen und interessante Stoffe“ mit dem Bremer Filmpreis ausgezeichnet worden.
15.01.2015, 00:00
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Waldburgers Liebe ist das europäische Kino
Von Iris Hetscher

Die Schweizer Produzentin Ruth Waldburger ist am Donnerstagabend im Rathaus mit dem Bremer Filmpreis 2015 ausgezeichnet worden.

Sie erhält die mit 8000 Euro dotierte Ehrung, die von der Gut-für-Bremen-Stiftung der Sparkasse Bremen finanziert wird, für „ihr feines Gespür für Entdeckungen und interessante Stoffe“, so die Jury. Mit Waldburger ist zudem eine Produzentin ausgewählt worden, die sich seit mehr als 30 Jahren unermüdlich für die europäische Filmkunst einsetzt.

Da muss sie schmunzeln. Wie man denn mit als schwierig verschrienen Regisseuren wie Jean-Luc Godard überhaupt klarkommen könne bei einem Filmdreh, wird Ruth Waldburger beim Pressegespräch gefragt. Nun ja, sagt Waldburger, sie stamme aus dem Schweizer Kanton Appenzell, da begegne man allen Menschen mit Respekt und ohne Berührungsängste. Außerdem habe sie Godard nicht auf einen Sockel gehoben, sondern: „Ich bin ganz normal mit ihm umgegangen.“ Manchmal sei sie sogar schwer genervt gewesen vom Altmeister der Nouvelle Vague: „Einmal wollte ich ihm eine Bierflasche an den Kopf werfen.“ Dazu ist es nicht gekommen, aber es sagt viel über Ruth Waldburger: Die Frau ist bereit, viel zu investieren, aber sie vertritt eine klare Linie.

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Anders hätte die Bilanz von mehr als 80 Filmen, die die 63-Jährige seit Anfang der 1980er-Jahre produziert hat, wohl auch nicht zustande kommen können. Das komplette Spätwerk von Godard ist darunter, Werke von Alain Resnais („Smoking/Non Smoking“), Gianni Amelio („Lamerica“), Silvio Soldini („Was will ich mehr“) und dem Bremer Filmpreisträger von 2013, Béla Tarr („Satantango“, „Das Turiner Pferd“). Waldburger ist dabei eher spät und auf Umwegen zum Film gekommen – in dem kleinen Ort Herisau, aus dem sie stammt, hat es lange gar kein Kino gegeben. In St. Gallen, während ihrer Ausbildung zur Kauffrau, und später in Zürich habe sie sich dann politisch engagiert, erzählt sie im Gespräch mit dem WESER-KURIER. 1968 und die Folgen gab es auch in der Schweiz. Waldburger entdeckte über den Einsatz für das Recht auf Abtreibung und gegen den Vietnam-Krieg die gesellschaftskritischen Filme der französischen Nouvelle Vague, in den 1970er-Jahren kommt der Neue Deutsche Film hinzu und natürlich New Hollywood: Sie organisiert Vorführungen dieser Filme. 1977 macht Ruth Waldburger dann ein Praktikum bei Alain Tanner, einem der wichtigsten Schweizer Regisseure der damaligen Zeit, dem sie bei „Messidor“ assistiert. Tanner und Godard prägen ihre Vorliebe für eine Filmsprache abseits des Mainstream-Kinos: „Ich hab es nicht so gerne, dass man am Anfang schon weiß, was genau passieren wird, mit der klaren Struktur: Jetzt kommt der Höhepunkt, dann muss das Happy End folgen.“ Zunächst versucht sie sich als Regisseurin, schwenkt aber auf den Beruf der Produzentin um, weil sie die „breiten kreativen Möglichkeiten“ schätzt. Wer denkt, Produzenten sorgten vor allem dafür, dass das Budget eines Films stimmt, muss sich von Waldburger eines anderen belehren lassen. Ja, klar, „man sollte schon gut in Buchhaltung sein“, sagt sie mit der ihr eigenen verschmitzten Bescheidenheit. Aber es gehe eben auch darum, zwischen dem Regisseur und der Crew zu verhandeln, dem Regisseur Schauspieler für die Besetzung einer Rolle vorzuschlagen, Drehbücher auszusuchen und überhaupt die komplette Equipe eines Films zusammenzustellen. Und unermüdliche Mittlerin zu sein, an vielen Orten, zu vielen Zeiten.

1983 gründet sie mit zwei Partnern die Xanadu Film AG, fünf Jahre später ihre Firma Vega-Films, die sie allein leitet und die heute zu den bedeutendsten Produktionsgesellschaften der Schweiz gehört. Waldburgers Herz schlägt weiterhin für das europäische Kino, doch wie jeder echte Filmfan ist sie nicht dogmatisch, sondern passioniert. 1991 macht sie Geld für den ersten Film des Amerikaners Tom diCillo locker, dem Kameramann von Jim Jarmusch. „Johnny Suede“ heißt der Streifen, und ein junger, unbekannter Schauspieler haut Waldburger bei den Probeaufnahmen derart vom Hocker, dass sie seine 29 Konkurrenten nach Hause schickt und ihm die Hauptrolle gibt. Brad Pitt verdankt „Johnny Suede“ den Start seiner Weltkarriere; noch im selben Jahr dreht er „Thelma und Louise“ – sein endgültiger Durchbruch.

Mit einem Star des europäischen Kinos hat sie im vergangenen Jahr zwei Projekte gestemmt. Der Schauspieler Bruno Ganz – Landsmann, erster Träger des Bremer Filmpreises 1999 und Laudator der gestrigen Verleihung – spielt mit in „Amnesia“ (Regie: Barbet Schroeder) und in „Un juif par l’exemple“, der den Mord an einem Juden in der Westschweiz durch nationalsozialistisch gesinnte Bauern im Jahr 1942 thematisiert. Sie sehe das Finanzieren als Mittel zum Zweck, Filme herzustellen und nicht als Einnahmequelle, lobte Ganz am Donnerstagabend und nannte Waldburger eine „Unbeirrbare, eine große Produzentin und einen wunderbaren Menschen, beides zur gleichen Zeit und ohne Wenn und Aber.“ Das Preisgeld von 8000 Euro will Ruth Waldburger übrigens sofort wieder in ein neues Projekt investieren.

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