Sonntagskolumne „Müßiggang“ Walross, Jogginganzug, Hockwende

Um besonders antriebsarme Kreaturen geht es in Hendrik Werner jüngster Betrachtung über Taugenichtse und Faulpelze.
22.02.2019, 15:23
Lesedauer: 1 Min
Zur Merkliste
Walross, Jogginganzug, Hockwende
Von Hendrik Werner

Durch einen Zufall entdeckte der Müßiggänger unlängst in der zweiten Reihe seines bildhübschen Billy-Regals ein Buch, das er längst entsorgt wähnte: „Die Enzyklopädie der Faulheit“ (2003), vom Eichborn-Verlag kühn als „Anleitungsbuch“ bezeichnet, versammelt titanische Texte über Taugenichtse, Faulpelze und Müßiggänger. Das Werk ist ein schier unerschöpflicher Fundus, der Stoff für 293 thematisch einschlägige Kolumnen – mindestens! – abwerfen dürfte. Und das ist keine Drohung, sondern eine realitätsnahe Einschätzung.

Beachtung verdient neben der Betrachtung besonders antriebsarmer Tiere – darunter Siebenschläfer, Zikaden und Walrosse – ein aparter Abschnitt, der Sprichwörter von Völkern auflistet, denen Trägheit als erste Bürgerpflicht gilt. Von schlagender Logik ist ein Bonmot, das den Niederländern zugeschrieben wird: „Wer den ganzen Tag zu Hause bleibt, kann nicht in die Gracht fallen.“ Hunderte Redensarten hadern mit Hast und Hektik: „Wer schnell läuft, läuft nicht lange.“ „Eile ist nur zum Flohfang gut.“ „Eile ist des Teufels; nur schlechte Menschen rennen.“

Schon mal ein Walross im Jogginganzug gesehen? Oder eine Zikade? Offenbar handelt es sich um Tiere, denen an der Kontrolle über ihr Leben gelegen ist. An ihrer Würde sowieso. Denn so gravitätisch stolziert kein Walross, dass es auf einem Laufsteg oder einer Tartanbahn eine gute Figur machen würde. „Als Molch holt man kein Gold“ schrieb vor nunmehr 19 Jahren der als Gossen-Goethe verrufene Boulevardjournalist Franz Josef Wagner einer verdienten Schwimmerin ins Stammbuch, die er keck Franzi van Speck nannte. Dabei trug die nicht mal Jogging-, sondern Badeanzug, also sozusagen Dienstkleidung.

Und damit zum Sport, von dem meine Oma sagt, er sei ein Tort für ungelenke Menschen, denen die Wahrung ihrer Würde wichtig ist. Schließlich musste sie ihrem Enkel zu dessen Grundschulzeiten im Turnunterricht dabei zusehen, wie er beim Bocksprung stürzte, beim Versuch einer Hockwende den Sprungkasten umwarf – und sich am Barren bei einer Kehre zum Außenquerstand (oder so ähnlich) Leisten und Lenden lädierte.

Als Walross holt man kein Silber, nicht einmal Bronze. Warum sollte man auch? Schließlich verbringt dieser tierische Müßiggänger 66,9 Prozent seines Lebens ruhend. Für strapaziöse Sprints bleibt ihm da keine Zeit.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+