60 Fotojournalisten zeigen ihre Reportagen auf dem Expo-Gelände / Trend geht zur Erzählung im Internet Warten auf den magischen Moment

Schaumpartys in Nordnorwegen, Druckbetankung Jugendlicher in Scheeßel, der Abriss des Atomkraftwerks Stendal, Baden in der Mittelmeerkloake vor Gaza-Stadt und der tote libysche Staatschef Gaddafi in einem Kühlraum eines Gemüsemarktes von Sirte. Das dritte Lumix-Festival für jungen Fotojournalismus zeigt noch bis Sonntag auf dem Expogelände in Hannover 60 Reportagen junger Fotojournalisten aus 23 Ländern.
15.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Warten auf den magischen Moment
Von Stefan Dammann

Schaumpartys in Nordnorwegen, Druckbetankung Jugendlicher in Scheeßel, der Abriss des Atomkraftwerks Stendal, Baden in der Mittelmeerkloake vor Gaza-Stadt und der tote libysche Staatschef Gaddafi in einem Kühlraum eines Gemüsemarktes von Sirte. Das dritte Lumix-Festival für jungen Fotojournalismus zeigt noch bis Sonntag auf dem Expogelände in Hannover 60 Reportagen junger Fotojournalisten aus 23 Ländern.

Hannover. Der Fotograf Rémi Ochlik kommt nicht zum Lumix-Festival. Am 22. Februar stirbt der 29-jährige Franzose mit seiner Kamera in der Hand im Granatenhagel des syrischen Homs. Wenige Stunden zuvor hatte er sich für das Festival in Hannover angemeldet, mit seiner Reportage über den arabischen Frühling.

Für die Bilder ist Ochlik Wochen und Monate in Nordafrika unterwegs, immer wieder. Er zeigt Betende vor Panzern, weinende Mütter toter Kinder, knüppelnde Polizisten, Flüchtlinge, Hungernde und ist im Auftrag einer französischen Nachrichtenagentur auf der Suche nach Gaddafi. Vier Tage nach dessen Ermordung findet er ihn – die Leiche immer noch auf einer schmuddeligen Matratze liegend im Kühlraum eines Gemüsemarktes von Sirte. Es ist eines der wenigen Bilder des toten Staatschefs. Viele Stunden hatte Ochlik vorher gebraucht, um das Vertrauen der Libyer zu gewinnen, um überhaupt in diesen Kühlraum zu kommen.

"Der Fotojournalist muss vor allem Vertrauen gewinnen", sagt Rolf Nobel, Festivalchef und Leiter des Studiengangs Fotojournalismus an der Hochschule Hannover. Nur so könne es gelingen, die authentische Geschichte zu erfahren, sie seriös im Bild und mit wenigen Zeilen Text zu erzählen und damit den Menschen die Menschen zu erklären – von der Tragödie bis zur Komödie. Nobel: "Dabei muss der Fotograf vor allem Geduld haben, er muss warten auf den magischen Moment, der nicht nur ein gutes Bild möglich macht, sondern ein Bild, das den Betrachter später in die Geschichte hineinzieht und sie erzählen kann."

1170 Bewerbungen für Hannover

60 solcher Fotografen haben Nobel und sein Team für diese fünf Tage nach Hannover geholt, 1170 aus 73 Ländern hatten sich beworben. Denn inzwischen gilt das Lumixfestival als renommierter Ort für Qualität. Die Hochschule selbst ist nach Nobels Worten mit seinen 170 Studenten der weltweit größte Studiengang für Fotojournalismus. Und das, obwohl Fotoreportagen immer seltener in gedruckten Medien zu finden sind, zumeist aus Kostengründen.

Der Trend geht auch hier ins Internet, wo es ohne Druckkosten möglich ist, Bilderstrecken zu präsentieren und sie multimedial zu verknüpfen. Nobel: "Da können Sie zum Beispiel ein Foto anklicken und kommen auf das Interview mit der gezeigten Person, oder ein Film führt Sie in die Familie der Geschichte." Der Nachteil: Ohne Abdruckmöglichkeiten gingen auch die Einnahmequellen für Journalisten verloren. Viele scheuen die Gefahr der brotlosen Kunst dennoch nicht.

Jonas Wresch ist ein weiterer von ihnen. Er campiert auf einem Zeltplatz bei Gifhorn und gewinnt das Vertrauen eines jungen Mannes, der vor seiner Gewaltvergangenheit in Berlin geflüchtet ist und nun in aller Ruhe lebt. Zelt an Wohnwagen sozusagen mit einem Ehepaar, das sich mit den Unzulänglichkeiten des Alters herumplagt und die alte Partyhütte nur noch zum Wäschetrocknen nutzt. Wresch gelingen Einblicke in Welten, die dem normalen Stadtbewohner ansonsten verborgen bleiben.

Oder Peter DiCampo, der in Nordghana das Leben ablichtet an Orten, an denen es keinen Strom gibt. Von Taschenlampen schwach beleuchtete Gesichter von Köchinnen, Kindern und Kämpfern. Andrew McConnell zeigt von der Meeresseite aus, wie die Menschen von Gaza mit und ohne ihre Pferde im Wasser planschen und surfen – in dem Meer, in das auch die Exkremente fließen. Oder Christopher Capozziello, ein kerngesunder junger Mann, der seinen Zwillingsbruder mit der Kamera durchs Leben begleitet. Der Bruder ist an Zerebralparese erkrankt, leidet unter schlimmen Anfällen und bekommt schließlich einen Hirnschrittmacher. Capozziello fragt sich in seinen Bildern, warum es den Bruder getroffen hat, warum er selbst verschont ist.

Es sind meist schlimme Geschichten, es sind aber auch schöne Geschichten. Es ist oft Krieg und Armut, es ist Schicksal. Vielleicht manchmal zuviel Schauer, zu wenig Heiterkeit. Aber vor allem an vielen Stellen Skurrilität. Wie bei den Männern, die in einem Musterhaus auf dem Kraftwerksgelände in Stendal leben und das AKW zerkloppen. Den Stahl im Beton verkaufen sie und leben davon. Reden tun sie wenig, schon gar nichts Privates. Ein Privatleben haben sie auch gar nicht. Nur die Arbeit draußen und das Ballern mit dem Gewehr auf leere Bierflaschen.

Der WESER-KURIER ist übrigens die einzige Tageszeitung in Deutschland, die regelmäßig eine Fotoreportage druckt, und zwar am Sonntag in der Lust am Lesen.

Das 3. Lumixfestival auf dem Expogelände dauert noch bis Sonntag, 17. Juni, und ist von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Die 60 Fotoreportagen sind in mehreren leerstehenden Pavillons der Expo, im Skywalk und der Hochschule an der Expoplaza zu sehen. Eintritt sieben Euro, ermäßigt fünf Euro. Internet: www.fotofestival-hannover.de

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