Serie „Spieltrieb“

Warum Bremer Senioren Videospiele spielen

Videospiele kannten die Senioren nur von ihren Enkeln, jetzt zocken sie selbst. Im Johanniterhaus in Horn nehmen fünf Bewohner an einer Studie teil: Ein Jahr sollen sie spielen – und gucken, was passiert.
25.01.2020, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Warum Bremer Senioren Videospiele spielen
Von Katharina Frohne
Warum Bremer Senioren Videospiele spielen

Annemarie Weigt, 93 Jahre alt, steuert mit den Schultern ein Motorrad, das auf dem Bildschirm über die Autobahn rast. Dreimal pro Woche trifft sie sich mit vier anderen Senioren zum Videospielen. Es wird viel gelacht, manchmal auch geflucht. Vor allem bei Annemarie Weigt. Sie sagt: "Ich bin ein sturer Bock – wenn das Ding nicht will wie ich, werde ich böse."

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Annemarie Weigt muss schimpfen. Schon wieder. Weil der Typ auf dem Bildschirm nicht so will wie sie. Die 93-Jährige spielt ein Videospiel: Über ihren rechten Arm steuert sie einen Mann in Jeans und T-Shirt, der am Ende einer Kegelbahn steht. Holt sie aus, holt auch er aus, bewegt sie die Faust nach vorne, tut auch er das. Eigentlich. Denn der Mann klemmt, irgendetwas funktioniert nicht, er steht da wie eingefroren, egal wie oft sie ausholt, schwingt, ausholt, schwingt.

„Der Lümmel“, sagt Annemarie Weigt. Die anderen lachen. Sie kennen das, nicht das Klemmen, sondern das Fluchen. Die anderen, das sind Margret Warnken, Claus Lehnert und Günther Schlesinger. Zusammen daddeln die vier auf der Konsole, dreimal die Woche, dienstags, mittwochs, sonntags. Eigentlich sind sie dabei zu fünft, Helga Holtkamp gehört auch dazu, aber der geht es nicht so gut, sie ist heute auf dem Zimmer geblieben.

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Die Senioren leben im Johanniterhaus, einem Altenheim in Horn. Videospiele gehören hier nicht zum normalen Unterhaltungsprogramm, die fünf sind Probanden einer Feldstudie. Drei Berliner Forschungseinrichtungen – die Humboldt-Uni, die Alice-Salomon-Hochschule und die Charité – wollen herausfinden, wie sich Daddeln auf die Gesundheit auswirkt. 100 bewegungsgesteuerte Spielekonsolen haben sie dafür an Alten- und Pflegeheime in ganz Deutschland vergeben. Eine davon an die Johanniter in Horn.

Der Mann auf dem Bildschirm klemmt immer noch, Annemarie Weigt wird ungeduldig. „Verflixt und zugenäht!“, ruft sie, und Claus Lehnert bemerkt trocken: „wahrscheinlich die Bandscheiben.“ Mit 59 ist er der Jüngste der Tester. Vor drei Jahren erlitt der frühere Zollbeamte einen Schlaganfall, seine rechte Körperhälfte ist seither vollständig gelähmt. Mitten aus dem Leben gerissen habe ihn das, sagt Pflegedienstleiterin Sabine Stubbe. Sie kennt Lehnert, seit er vor zweieinhalb Jahren ins Heim zog. Er sei immer Einzelgänger gewesen, einer der gerne allein war, still, meistens sehr ernst. Bis jetzt. „Das Spielen hat ihn aufblühen lassen“, sagt sie. Sie sagt das und man merkt, dass sie sich aufrichtig freut. Für ihn, für alle fünf.

Für Abwechslung sorgen

Die Idee, die Senioren Videospiele spielen zu lassen, gefiel Stubbe von Beginn an. Sie mag das: für Abwechslung sorgen, damit nicht jeder Tag wie der andere ist. Die Bewohner hingegen waren skeptisch. Erst mal zumindest. „Ich war nie eine Spielerin“, sagt Margret Warnken. Anfangs sei es ihr deshalb peinlich gewesen, wenn sie etwas nicht konnte, vor allem, weil sie die anderen Teilnehmer nicht kannte. Die anderen pflichten ihr bei: ihnen auch.

Als die fünf vor Monaten zum ersten Mal zusammensitzen, sind sie Fremde. Jetzt wirken sie vertraut; sie helfen einander, lachen mit- und übereinander, wie man es nur unter Freunden kann. Auch außerhalb der Spielzeiten verbringen sie Zeit zusammen, Weigt trägt für den Besuch der Presse ein Outfit, das ihr die anderen zu Weihnachten geschenkt haben. Und wenn einer Geburtstag hat, entwirft Lehnert eine Grußkarte am Computer.

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Die Spiele hätten viel verändert, sagt Sabine Stubbe. Sie alle seien offener geworden, körperlich fitter und geistig wacher. Lehnert könne seinen linken Arm besser heben, Weigt, die an Demenz erkrankt ist, sei kommunikativer. Warum das so ist, kann Martin Korte erklären. Der 55-Jährige ist Neurowissenschaftler an der Technischen Universität Braunschweig, seit Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich das Gedächtnis trainieren lässt.

Bewegungsgesteuerte Videospiele, wie sie im Johanniterhaus zum Einsatz kommen, stimulierten auf besondere Weise: „Für die meisten Senioren ist das etwas völlig Neues – und etwas Neues zu lernen, gerade im Alter, ist eine riesige Herausforderung für das Gehirn“, sagt Korte. Im Hippocampus – jener Hirnregion, in der das Gedächtnis verortet wird – würden neue Nervenzellen gebildet. Dem natürlichen Zelltod könne so entgegen gewirkt werden. „Versuche zeigen, dass sich das Volumen des Hippocampus sogar vergrößern lässt, wenn wir aktiv lernen, uns körperlich betätigen und mit anderen Menschen austauschen.“

Eigens für den Einsatz in Altenheimen entwickelt

Das wissen auch die Entwickler der Spielekonsole. Die wurde eigens für den Einsatz in Altenheimen entwickelt. Gesteuert wird die sogenannte Memore-Box über Bewegungen, die ein Sensor erfasst und auf den Bildschirm überträgt. Sechs Spiele lassen sich auswählen: Wer nicht kegeln will, kann mit dem Motorrad über die Autobahn düsen und dabei Absperrungen und anderen Autos ausweichen. Oder als Briefträger eine Straße entlang radeln und Post austragen.

So wie jetzt Günther Schlesinger. Der steht aufrecht vor dem Fernseher, auf dem Gepäckträger des Briefträger-Fahrrads tauchen immer neue Briefe auf: gelbe und blaue. Damit sie in die richtigen Kästen fliegen, muss Schlesinger die Arme heben. Die anderen helfen ihm dabei. Schlesinger sieht nicht mehr gut, die Zuordnung fällt ihm schwer. Lehnert sagt deshalb an: „Blau rechts, blau links, gelb rechts.“ Ein bisschen sei das wie Sport, sagt Schlesinger. Nicht so anstrengend natürlich. Aber die Glückshormone danach, die seien die gleichen.

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Er will weiterspielen, auch dann noch, wenn das Testjahr rum ist. Die anderen wollen das auch. Nur die Spiele, sagt Margret Warnken, die dürften so langsam mal wechseln. Ein Flugzeugsimulator, das wäre schön. Lehnert will lieber Auto fahren. Oder Skispringen. „Neue Herausforderungen jedenfalls“ sagt Warnken. „Wir sind ja jetzt quasi Profis.“ Einen passenden Namen haben sie sich schon gegeben, unter dem kennt man sie, im Johanniterhaus in Horn. Sie nennen sich: die Zockerrunde.

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