Rainer Maria Rilke und Bremen

Was die Schwiegereltern über den Dichter dachten

In der Oberen Rathaushalle hat die 38. Tagung der Rilke-Gesellschaft begonnen. In Vorträgen und einem kulturellen Rahmenprogramm geht es um die Frage, inwieweit Bremen den Schriftsteller inspiriert hat.
20.09.2018, 16:09
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Was die Schwiegereltern über den Dichter dachten
Von Hendrik Werner
Was die Schwiegereltern über den Dichter dachten
Jürgen Nogai

Mit einem Festakt in der Oberen Rathaushalle hat am Mittwochabend die 38. Tagung der Rilke-Gesellschaft begonnen, die bis Sonnabend über Bremen als Schauplatz eines Dichterlebens konferiert. Denn Bremen, so heißt es auf der Homepage der Vereinigung, die den Nachruhm des Schriftstellers mehren möchte, "war ein Fixpunkt in Rilkes unstetem Leben von 1898 bis 1910“.

Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (SPD), die den Mitgliedern der 1971 gegründeten Gesellschaft Willkommensgrüße entbot und kundig das schmucke Rathaus-Interieur erläuterte, befand den Untersuchungsgegenstand des Symposiums für „wunderbar“ – und erinnerte an die innige Verbindung des Dichters zu Bremer Kulturprominenz wie Anton Kippenberg, dem langjährigen Leiter des Insel-Verlags, und Gustav Pauli, der von 1905 bis 1914 als Direktor der Bremer Kunsthalle wirkte.

Ähnlich angetan über die Wahl des Tagungsortes gab sich in seinem Grußwort der Literaturwissenschaftler Erich Unglaub, zu dessen Spezialgebieten Vita und Werk Rilkes zählen. Es sei „Zeit für einen eigenen und unverstellten Blick auf Rilke und Bremen“. Umso mehr, als es etliche Berührungspunkte gebe, wie die Rilke-Experten Torsten Hoffmann und Ivo Theele zum thematischen Geleit ausführten. Schließlich wurde die Ehe mit Clara Westhoff am 28. April 1901 in Bremen geschlossen, und ihre – acht Monate später geborene – Tochter Ruth lebte zeitweilig in Oberneuland bei Claras Eltern, die ihren lyrischen Schwiegersohn indes nicht sonderlich schätzten. Das Haus seiner Schwiegereltern sei „bis unter das Dach voll mit Vorwürfen“, schrieb Rilke 1903 an Lou Andreas-Salomé.

Sonderlich viel Poesie, darin waren sich die Redner einig, hat Rilke in Bremen zwar nicht zustande gebracht; dafür seien in die Zeit seiner Aufenthalte bedeutsame ästhetische Neuorientierungen gefallen. Deren wichtigste: das Bekenntnis zur Künstlerexistenz. Nicht unbedingt das beste Zeugnis dafür ist jene dialogische Festspielszene, die der Dichter im Jahr 1902 zu Papier brachte – anlässlich der Eröffnung des Erweiterungsbaus der Kunsthalle. Dieses Werk trugen Petra-Janina Schultz und Markus Seuß von der Bremer Shakespeare Company am Eröffnungsabend mit gebotener Inbrunst vor. Die bekannteste Passage ist ein Hohelied auf ästhetische Bildung: „Hier wachsen Menschen, hier in diesem Haus / wird mancher sehend für sein ganzes Leben / der sich als Blinder durchs Gedränge wand; / und hier ist Kirche, hier wird Gott gegeben, / und wo Du stehst, da ist geweihtes Land!“

Anno 1902 hielt sich Rilke während der Deklamation übrigens in der Damengarderobe verborgen. Erst zum Applaus der etwa 1000 Einweihungsgäste zeigte er sich; im Nachhinein erhöhte er die Besucherzahl in einem Brief an seine Mutter signifikant; von Tausenden war die Rede. Vielleicht hatte ihm die Atmosphäre in der Stadt, die er als „über alle Beschreibung romantisch“ pries, den Zählsinn verwirrt; womöglich war der Mann einfach nur hoffärtig.

Nähere Erkenntnisse darf man sich von den Vorträgen des Symposiums erhoffen, die – akademische Mühlen mahlen langsam – schon zu Beginn des kommenden Jahrzehnts in Gestalt eines Tagungsbands vorliegen könnten. Thematisch soll es unter anderem um die zeitlebens einzige Theaterinszenierung gehen, für die Rilke verantwortlich war (Maurice Maeterlincks „Schwester Beatrix“), um Rilkes Blick auf die zeitgenössische Pädagogik – und auf die zahlreichen Rezensionen, die er zwischen 1901 und 1903 für das „Bremer Tageblatt“ verfasste. Darunter war auch eine Besprechung von Thomas Manns „Buddenbrooks“. Diese begann mit einer Würdigung des Romanciers Mann, die nur bedingt nach dem hochmögenden Stilisten Rilke klang: „Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren müssen.“

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