Was guckst du

„Da habe ich geheult wie ein Schlosshund“

Honorarkonsul Til Assmann erzählt, was er gerne zu Hause so guckt: ein Gespräch über seine Leidenschaft für Hörbücher und Bergbau.
08.09.2020, 11:46
Lesedauer: 2 Min
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Von Gerald Weßel

Herr Assmann, was gucken Sie so zu Hause?

Til Assmann: Eine gute Frage, worüber ich selbst eine Weile nachdenken musste. Streaming ist für mich auf jeden Fall ganz neu. Wegen Corona haben meine Frau, meine drei Töchter und ich uns ein Netflix-Abo zugelegt, so richtig konnte mich noch nichts fesseln. Aber ich habe vor, mir in den kommenden Monaten vermehrt Klassiker anzusehen.

Was zum Beispiel?

„Buena Vista Social Club“ oder „Paris Texas“ von Wim Wenders zum Beispiel. Ich mag einfach Filme, die tiefgründig sind, die mehr zu sagen haben, als man beim ersten Anschauen mitnimmt.

Und klassisches Fernsehen?

Eher weniger, wenn, dann wirklich nur zufällig oder sehr beiläufig. Eher Kino. Mir ist beim Fernsehen das Risiko zu hoch, einen schlechten Film zu sehen. Aber ein Film, der mir bis heute sehr gut in Erinnerung geblieben ist, das ist „Die brillante Mademoiselle Neïla“, den habe ich gar nicht im Fernsehen, sondern im Flugzeug gesehen. Ein ganz toller Film, der mich zutiefst beeindruckt hat.

Um was geht es?

Eine Rhetorik-Studentin, Mademoiselle Neïla, kommt in Paris zu spät zu einer Vorlesung und wird daraufhin von dem Professor rassistisch beleidigt. Die Situation eskaliert, und der Professor wird vor die Wahl gestellt: Entweder gibst du dieser jungen Frau Einzelunterricht, oder du fliegst aus dem Amt. Die beiden Schauspieler spielen das zwischen Duell und Annäherung.

Reizt Sie der nächste große Kinoblockbuster?

Nur sehr selten. Aber den neuen James Bond, den werde ich mir auf jeden Fall anschauen.

Wie stehen Sie zu Cliffhangern bei Filmen?

Gern, ich mag offene Enden sehr. „Mademoiselle Neïla“ hat auch eins, da lässt sich nur erahnen, wie es wohl weitergehen wird.

Gibt es Filme, die sie zum Weinen bringen können?

Ja, das war sogar im Fernsehen, als die letzte Tonne deutsche Steinkohle gefördert wurde. Da gab es eine Liveübertragung aus Bottrop. Ich habe einst Bergbau studiert. Das war hart anzusehen, da habe ich geheult wie ein Schlosshund und mindestens drei Schnäpse getrunken.

Lesen Sie viel?

Ja, ich lese neben Zeitungen meist mehrere Bücher parallel, immer je nach Stimmung und Tageszeit ein anderes. Momentan sind es drei: „Keyserlings Geheimnis“ von Klaus Modick, „Frieden oder Krieg: Russland und der Westen“ von Fritz Pleitgen und Michail Pawlowitsch Schischkin, und dann lausche ich noch einem Hörbuch: „Ostfriesenhölle“ von Klaus-Peter Wolf. Hörbücher sind auch eine große Leidenschaft, ich bleibe manchmal extra vor der Tür stehen, um ein Kapitel zu Ende zu hören.

Hören Sie auch Musik oder machen sogar welche?

Ich singe immer wieder gerne im privaten Rahmen. Und: Das estnische Sängerfest 2014, bei dem ich Teil eines Chors von 22 000 Menschen gewesen bin, ist neben den Geburten meiner Kinder und meiner Hochzeit wohl der beeindruckendste Moment meines Lebens gewesen. Ich höre außerdem gerne Musik von Frank Sinatra, Dire Straits und auch mal Udo Lindenberg, weil ich ihn authentisch finde. Und allgemein gerne Klassik, Jazz und Soul.

Wer würde ihre Biografie schreiben, wenn Sie es sich aussuchen könnten?

Hier kann ich mir Klaus Modick vorstellen. Mit der wunderbaren, eine Atmosphäre schaffenden Sprache, würde eine Biografie sicher sehr treffend werden. Seine elegante feine Ironie passt zu meinem Humor.

Das Interview führte Gerald Weßel.

Info

Zur Person

Til Assmann (52)

ist hauptberuflich internationaler Manager und ehrenhalber Honorarkonsul der Republik Estland in Bremen und Niedersachsen.

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