Am Stadttheater Bremerhaven zeigt Matthias Oldag Wagners „Fliegenden Holländer“ mit viel Bildgewalt Wenig Licht, viel Atmosphäre

Bremerhaven. Auf das Stadttheater Bremerhaven ist Verlass: Auch Richard Wagners für ein Haus dieser Größe nicht leicht zu realisierende Oper „Der fliegende Holländer“ wurde souverän auf die Bühne gebracht. Das Premierenpublikum bejubelte vor allem die Solisten und den Chor, auch die bildgewaltige Inszenierung wurde mit Beifall bedacht.
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Von Markus Wilks

Bremerhaven. Auf das Stadttheater Bremerhaven ist Verlass: Auch Richard Wagners für ein Haus dieser Größe nicht leicht zu realisierende Oper „Der fliegende Holländer“ wurde souverän auf die Bühne gebracht. Das Premierenpublikum bejubelte vor allem die Solisten und den Chor, auch die bildgewaltige Inszenierung wurde mit Beifall bedacht. Von wegen romantisches Seefahrerleben. Schon immer haben die unberechenbaren Meeresgewalten den Menschen zu schaffen gemacht.

Flucht, Vertreibung, Schmuggelei

Auch war das Meer der Ort für Flucht, Vertreibung und Schmuggelei. Diese Aspekte hat Matthias Oldag für seine Inszenierung des „Holländer“ aufgegriffen und in die Handlung integriert. Neben der eigentlichen Geschichte vom verfluchten Holländer, der nur alle sieben Jahre an Land darf, um auf die Erlösung durch eine Frau zu hoffen, rücken damit andere Aspekte in den Mittelpunkt. Deutlich negativer als üblich wird die Rolle der Gemeinschaft um Daland gezeigt.

Es könnten moderne Menschen- und Warenschmuggler sein, die das Meer für sich nutzen. Familienoberhaupt Daland wirkt wie ein Mafia- oder Schlägergruppenboss, seine Tochter Senta ist der einzige Mensch in diesem Machtgefüge, der eine gewisse Natürlichkeit und die Fähigkeit zur Empathie bewahrt hat. Sie ist es auch, die dem Holländer nahe kommt, doch sollte es laut Wagner kein glückliches Ende geben. In Bremerhaven stürzt sie sich nicht „einfach nur“ vom Felsen, sondern beklagt als lebende Fackel die Gleichgültigkeit der Menschen.

Matthias Oldag, Anna Kirschstein (Bühne) und Ulrike Melnik (Kostüme) zeigen eine düstere Geschichte, farbige Lichtblicke gibt es kaum. Offenbar ist Dalands Schiff in Seenot: Die weiß geschminkten, verängstigten Gefangenen sind nur mit Unterhosen bekleidet und tragen Rettungswesten, einige sind sogar gestorben. Obwohl Oldag den Matrosenchor zu diesem gruseligen Szenario umdeutet, inszeniert er kein aktuelles Stück über Flüchtlingsdramen im Mittelmeer oder Piraterie.

Das ist die Stärke seiner Arbeit und zugleich ihre Schwäche: Einerseits hält sich Oldag trotz diverser Eingriffe an die grobe Handlung, andererseits wirken die konzeptionellen Entscheidungen manchmal eher dekorativ und nicht optimal mit dem Stück verbunden. Und dennoch: Dem Regieteam gelingen (auch dank der technischen Möglichkeiten des Stadttheaters) starke Bilder. So sind die Hebebühnenelemente häufig in Bewegung, um die Naturgewalten auszudrücken oder Blicke in das Innere von Schiffen zu bieten. Ein die Bühnenrückwand ausfüllendes Wellengemälde, das in dämonische Rottöne gefärbt werden kann, gibt ebenso maritimes Flair wie die vielen an Segel erinnernden Platten, die die Bühne füllen.

Obwohl die Bremerhavener Philharmoniker am Premierenabend nicht in Bestform spielten, konnte man sich akustisch an der gut einstudierten und gestalteten Wagner-Oper erfreuen. Generalmusikdirektor Marc Niemann nahm sich ebenso Zeit für die lyrischen Momente wie er aus der Partitur die rhythmischen Energien herausarbeitete. Dass in einem kleinen Haus wie dem Stadttheater der Platz für eine angemessene Streicherbesetzung fehlt, ließ Marc Niemann durch geschickte dynamische Abstufungen zumeist vergessen; das tiefe Blech blieb dennoch klanglich überrepräsentiert.

Glänzender Einstand für Chordirektorin

Aufhorchen ließen Chor- und Extrachor, da sie erstaunlich sicher und oft mit bemerkenswerter Klangqualität sangen – ein glänzender Opern-Einstand für die neue Chordirektorin Anna Milukova. Aus dem Ensemble ragte Leo Yeun-Ku Chu mit seinem ungewöhnlich klangvollen Bass heraus. Allerdings verließ er die Gesangslinie (regiebedingt) oft, um Daland als „dauerböse“ guckenden Menschenhändler darzustellen. Tobias Haaks glänzte als Erik mit kraftvollen, zugleich auch kultivierten tenoralen Tönen, so wie Thomas Burger (Steuermann) mit lyrischen, hellen Klängen für akustisches Licht sorgte. Carolin Löffler war als Mary szenisch und stimmlich in der Mittellage präsent.

Zwei erfahrene, im positiven Sinne routinierte Gäste trugen wesentlich zum Gelingen der Produktion bei. Joachim Goltz wirkte als bleicher, komplett schwarz gekleideter Holländer wie ein teuflischer Mensch aus dem Jenseits (und ein wenig wie der legendäre Wrestler „The Undertaker“). Sein heller Heldenbariton war textdeutlich, ausdrucksstark und zumeist raumfüllend. Agnieszka Hauzer (Senta) hatte zwar gewisse Mühen, ihren Sopran im Piano zurückzuhalten, doch agierte sie sehr präsent und gesanglich souverän, sodass man die Ballade der Senta und das große Duett Senta-Holländer vollauf genießen konnte.

Die nächsten Termine: 5., 19., 23. November, 16. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr. Theaterkasse: 04 71 / 490 01 oder per E-Mail an kasse@stadttheaterbremerhaven.de.
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