Film des Monats im City 46 Wenn der Rand zum Abgrund wird

Das City 46 zeigt im November als „Film des Monats“ den Dokumentarfilm „An den Rändern der Welt“ über indigene Völker, die ums Überleben kämpfen.
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Wenn der Rand zum Abgrund wird
Von Iris Hetscher

Immer und immer wieder stellt sich der Fotograf und „Greenpeace“-Aktivist Markus Mauthe diese eine Frage. Wie kann man Traditionen in die Moderne hinüberretten? Eine Antwort darauf findet er nicht, eigentlich ergeben sich daraus nur weitere Fragen. Der Regisseur Thomas Tielsch hat Mauthe bei seinen Reisen zu indigenen Völkern in Afrika, Asien und Südamerika begleitet; das Ergebnis ist der ebenso faszinierende und bildsatte wie auch bedrückende Dokumentarfilm „An den Rändern der Welt“, den das City 46 im November als „Film des Monats“ präsentiert.

Die Reise startet in Afrika. Das Volk der Suri hat sich auf einen abgelegenen Berg zurückgezogen, weit entfernt von jeglicher Zivilisation und möglichen Bedrohungen. Die Menschen leben im Einklang mit der Natur, die sie auch als Gottheit verehren. Mauthe inszeniert bewusst schöne Bilder, um die Würde und Anmut dieser Menschen und ihrer Kultur zu zeigen. Manchmal will er das Authentische allerdings auch erzwingen, dann passt es nicht so recht ins und zum Bild, wenn ein junger Mann eine Armbanduhr trägt. Das wirkt nicht nur kleinlich, sondern auch manipulativ.

Kleine Erfolge zu feiern

Für die Suri gibt es weder Bildung noch medizinische Versorgung auf dem Plateau, und die Regierung des Süd-Sudan kümmert sich auch nicht darum. Das prägt alle (Bilder-)Geschichten der Minderheiten, zu denen Mauthe und Tielsch gereist sind, wobei das Nicht-Kümmern sich abwechselt mit Verdrängung oder dem Zwang, sich anzupassen. In Äthiopien wird ein Fluss für eine Zuckerrohrplantage gestaut; ein Volk, das jahrhundertelang auf das Ökosystem angewiesen war, ist bei den Plänen übergangen worden.

Ihre Nachbarn, einst Nomaden, sind sesshaft geworden und haben auf den Plantagen Arbeit gefunden. Ob ihre Gemeinschaft das überleben wird, wissen sie nicht. Wieder andere haben sich angepasst und präsentieren ihre indigene Kultur gegen Geld als Fotomotiv für die Touristen. Die Bajau in Indonesien sind ebenfalls vom Tourismus umgeben und haben reiche Asiaten, die von ihnen tauchen lernen wollen, als Einkommensquelle entdeckt. Früher haben sie als Seenomaden auf dem Wasser und vom Fischfang gelebt, was durch die Ausbeutung der Meere mittlerweile unmöglich geworden ist.

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Die packendsten Bilder sind Tielsch bei Indigenen im brasilianischen Regenwald gelungen, die selbstbewusst ihre Traditionen bewahren wollen, aber Motorräder fahren und Computer nutzen. Auch eine kleine Schule gibt es. Ihre Heimat ist trotzdem ständig bedroht. Holzwirtschaft, der Anbau von Soja und Weideflächen für die riesigen Rinderherden, mithin für den Fleischhunger der ganzen Welt, reduzieren den Amazonas-Regenwald immer drastischer.

Manchmal gibt es kleine Erfolge zu feiern, wenn ein Gericht nach einer kräftezehrenden Widerstandskampagne den Bau eines Staudamms verbietet. Doch gleich darauf können Mauthe und Tielsch ein anderes Volk gar erst nicht besuchen, weil dessen Stammesführer die Weiterfahrt nur nach hohen Mautgebühren gestatten wollen. Aus Jägern und Sammlern sind Männer geworden, die an Straßenposten Geld eintreiben.

Der Film ist lange vor den brasilianischen Präsidentschaftswahlen gedreht worden. Inzwischen ist klar: Den Indigenen Brasiliens und ihren Reservaten im Regenwald droht eine neue, große Gefahr. Der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro hat angekündigt, das Amazonasgebiet komplett für die wirtschaftliche Nutzung freizugeben.

Weitere Informationen

„An den Rändern der Welt“, City 46. 3. November, 18 Uhr (Regisseur Thomas Tielsch ist anwesend) sowie 8., 11., 19., 21. November, 18 Uhr; 5., 7., 9., 14., 20., 24. November, 20.30 Uhr.

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