Geisterstunden am Theater Bremen

Wenn die Zombies Trauer tragen

Im Kleinen Haus macht Armin Petras aus Henrik Ibsens „Schloss Rosmersholm“ eine deutsche Schauermär.
09.11.2019, 14:33
Lesedauer: 3 Min
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Wenn die Zombies Trauer tragen
Von Hendrik Werner
Wenn die Zombies Trauer tragen

Gespenstisches Personal mit entsprechend aus den Fugen geratenen Visionen (von unten): die untote Beate Rosmer (Lisa Guth), Rebekka West (Annemaaike Bakker), Madame Helseth (Julischka Eichel) und Peder Mortensgård (Alexander Angeletta).

JÖRG LANDSBERG

Bremen. Kein Schelm, wer Poröses dabei denkt, wenn Armin Petras, Regisseur mit DDR-Vergangenheit, am Vorabend des hierzulande historisch ambivalent besetzten 9. November ein von der zeitgenössischen Kritik unisono geschmähtes Spuk-Stück eines alten Schweden zur Premiere bringt. Tatsächlich tröpfeln wiederholt deutsch-deutsche Reminiszenzen in Henrik Ibsens dramaturgisch zwar misslungenes und zudem ziemlich handlungsarmes, ideologisch und psychologisch indes massiv aufgeladenes Gespensterdrama „Rosmersholm“, das 102 Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs im norwegischen Bergen uraufgeführt wurde.

Entsprechend materialisieren sich auf der von Peter Schickart ausgestatteten Bühne des Kleinen Hauses (Auswahl): Schwenkfahnen und Revolutionslieder – darunter Rio Reisers „Ich will Rot!“, innig interpretiert von Annemaaike Bakker –, diverse Mauer-Modellierungen und zuverlässig mehrdeutige Formen der Wiedervereinigung („Jetzt sind wir eins“), Karl Marx‘ wirkungsmächtiger Albtraum toter Geschlechter (bühnentauglich in Szene gesetzt als Leiche im Genick der Lebenden) sowie der im real versagenden Sozialismus gehegte Traum von der Schaffung einer anderen, einer besseren Spezies, den Henrik Ibsen dem Apostel Paulus abgelauscht hat („Jetzt will ich einen neuen Menschen anziehen“).

Erogene Zonen

Vor allem aber interessiert sich Hausregisseur Petras, der im September vergangenen Jahres am nämlichen Ort das Geschichtstableau „Love you, Dragonfly“ seines schreibenden Alter Ego Fritz Kater inszeniert hat, naturgemäß für Ibsens zentrale Frage, ob und – falls – inwiefern schuldhaft besetzte Vergangenheit bearbeitet, bewältigt, gar überwunden werden kann. Dieser Aspekt des delikaten Dramas reizte auch Sigmund Freud, der aus „Rosmersholm“, wenig überraschend, eine Sexualtypologie entwickelte.

Doch obwohl Petras vor allem die Eingangsszenen zu erogenen Zonen umwidmet – schwülen Anteil daran haben vor allem Annemaaike Bakker (als aufstiegs- und amüsierwillige Rebekka West) und Simon Zigah (als Rechtsaußen-Rektor Kroll) mit beachtlichen Balztänzen –, liegt ihm in dieser Phantomschmerz-Produktion weniger an Ökonomie und Dynamik der Libido als vielmehr daran, wie sich unerlöste Vergangenheit und uneingelöste Zukunft zueinander verhalten.

Ein Satz aus Bertolt Brechts „Fatzer“-Fragment, den Petras‘ Säulenheiliger, der Dramatiker Heiner Müller, gern im Munde führte, könnte Pate für diese horrende Show stehen, die zweieinhalb Geisterstunden (eine Pause inbegriffen) währt: „Wie früher Geister kamen aus Vergangenheit / So jetzt aus Zukunft ebenso.“ In der Lesart des Regisseurs thematisiert Ibsens Vierakter, den er in Danse-Macabre-Manier in einen schlaglichtartig illuminierten Szenenreigen überführt (Beleuchtung: Norman Plathe-Narr), eine historische Schwellensituation, in der sich – schlag nach bei Shakespeare – gespenstische Epiphanien zuverlässig häufen, weil noch so viel Unerledigtes und Unabgegoltenes in der Welt ist, die Änderungen braucht (siehe wiederum Brecht).

Das bemerkenswerteste Gewand des Abends hat Kostümbildnerin Cinzia Fossati der Schauspielerin Lisa Guth auf den teils aufgedunsen modellierten Leib geschneidert. Ein weißes, nicht nur dank üppiger Schleppe fließendes Kleid trägt die Darstellerin der Selbstmörderin Beate Rosmer, die ihren Mann, den Schlossherrn Johannes (Manolo Bertling), allein zu Haus lässt. Als Wasserleiche hat Ophelias Nachfahrin zwar keinen Sprechanteil, dafür aber hartnäckige Präsenz auf der Bühne und in den Dialogen der Hinterbliebenen. Als Memento mori dümpelt sie abwechselnd in einer Lache, hängt in den Seilen einer Schaukel, windet sich bravourös am Boden.

Körperlich geraten auch die Auftritte der anderen Akteure: Mit blutunterlaufenen Augen und auch stimmlich eminent kraftvoll spielt Ferdinand Lehmann den vom Anarchisten zum Säufer verkommenen Rektor Brendel, der als Revenant im Hause Rosmer umgeht. Sehr vergnüglich sind die Szenen mit Julischka Eichel, die als überkandidelte Hausdame, Madame Helseth, ein beeindruckendes Gastspiel gibt. Furios geraten auch die Fahnenläufe von Alexander Angeletta in der Rolle des Peder Mortensgård, der als linksliberaler Publizist und Antipode des radikalen Reaktionärs Kroll Flagge zeigt.

Manolo Bertling als Geisterhausherr und zentrale Bezugsperson der Sektiererbande, agiert bis zum verheerenden Finale, das sich ein bisschen zieht, verhalten bis gravitätisch, was ihm gut steht. Umso nachhaltiger bleiben Sätze von ihm in Erinnerung, die das allegorische Potenzial von Petras' Aneignung unterstreichen. Etwa jener, nach dem die Zerrissenheit des Landes durch jedes Individuum geht.

Multi-Instrumentalist Miles Perkin, der im Januar die Bremer Fassung von Petras' aus Stuttgart importierter „Lulu“ adelte, führt live einen satten, schlüssigen Soundtrack vor, dem Stücke von Prince und The Hives unterlegt sind. Vorzugsweise düstere Ware. Dass man in Rosmersholm lange an den Toten hängt, die Toten aber noch länger an Rosmersholm, wie es im Stück heißt, erschließt sich dem Publikum in einer solchen Requiem-Stimmung unmittelbar. Freundlicher Beifall.

Weitere Informationen

Nächste Aufführungen:10. und 17. November sowie 18. Dezember, 18.30 Uhr; 15. und 27. November sowie 11. und 20. Dezember, 20 Uhr.

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