Wenn Influencer mit ihren Babys werben

„Eine Sorglosigkeit, die gefährlich sein kann“

Immer mehr Influencer posten über ihre Kanäle Fotos ihrer Babys. Im Interview spricht die Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, Cornelia Holsten, über die Gefahren, die das mit sich bringt.
21.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Eine Sorglosigkeit, die gefährlich sein kann“
Von Alexandra Knief
„Eine Sorglosigkeit, die gefährlich sein kann“

Ein gefährlicher Trend: Immer mehr Influencer teilen zum Teil sehr persönliche Bilder ihrer Babys und Kinder mit der Welt.

Jens Büttner

Frau Holsten, immer mehr Influencer posten Bilder von ihren Babys in sozialen Netzwerken, nutzen sie auch, um Werbung zu machen. Der Medienrat der Bremischen Landesmedienanstalt hat sich nun zu diesem Thema positioniert. Warum war das notwendig?

Cornelia Holsten: Das Ganze ist noch ein recht neues Phänomen. Es ist wichtig, dieses Thema bekannter zu machen, damit es diskutiert werden kann und eventuell auch Konsequenzen daraus gezogen werden können. Wenn Influencer auf Instagram Babyfotos posten, wird das zwar innerhalb einer digitalen Bubble diskutiert. Ein kritisches Bewusstsein in der Breite der Gesellschaft fehlt bisher.

Das heißt, es handelt sich hier um ein neues, aber wachsendes Phänomen?

Nach unseren Beobachtungen wächst das gleichzeitig damit, dass die Influencer der ersten Generation gerade häufig Eltern werden und Familien gründen. Viele werden zu Mum- und Family-Bloggern. Es werden Inhalte geteilt, und die Babys kommen häufig mit aufs Foto.

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Wo sehen Sie die Gefahren?

Darin, dass das Internet nie vergisst. Die Posts werden immer irgendwo auffindbar sein. Wer von uns würde wollen, dass es online heute Bilder gibt, auf denen wir auf dem Töpfchen oder in unserem Kinderzimmer sitzen? Das ist ja eher eine sehr persönliche Situation. Eine weitere große Gefahr liegt darin, dass die Privatsphäre nicht geschützt wird, weil bei Influencern häufig klar ist, wie sie heißen und wo sie leben.

Fehlt es den Eltern an Wissen, oder ist der Wunsch, die Kinder zu vermarkten und damit Geld zu machen, größer als die Sorge?

Da müsste man die Influencer selbst einmal fragen, ob sie das sehenden Auges in Kauf nehmen. Es gab in der Vergangenheit aber auch immer mal wieder Kampagnen gegen das Posten von bestimmten Fotos, zum Beispiel durch die Influencerin Toyah Diebel. Wir wissen aus der Forschung, dass Klicks und Reichweite eine Art Glücksgefühl auslösen können. Und Babyfotos klicken eben gut.

Das Ganze gilt ja nicht unbedingt nur für Influencer. Sollte man nicht grundsätzlich vorsichtig damit sein, Bilder seiner Kinder online zu stellen?

Aus der fachlichen Perspektive heraus kann das jedes Elternteil selbst entscheiden. So ist es auch rechtlich. Bei Influencern ist es nur eben mehr als ein Babyfoto auf der privaten Facebookseite. Es geht oft darum, mit Klicks Geld zu verdienen.

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Aber im Fernsehen sind doch in der Werbung auch andauernd Kinder zu sehen. Wo liegt der Unterschied?

Der größte Unterschied liegt darin, dass Fotos von Babys, die im Influencer-Marketing gepostet werden, häufig in den eigenen vier Wänden aufgenommen wurden. Wenn ich ein Baby in einem TV-Spot sehe, weiß ich in der Regel nicht, wie die Eltern heißen und wo sie leben. Wenn ich aber bei Instagram zum Beispiel #dmglückskind eingebe, kann ich ganz viele Kinder unter drei Jahren sehen, die mit ihren Eltern und einem Paket Windeln abgebildet sind. Und oft sehe ich auch, woher sie kommen. Den Kindern wird der Rückzugsort weggenommen, und das Zuhause eines Kindes sollte einfach sein Rückzugsort bleiben.

Welche gesetzlichen Regelungen gibt es überhaupt, um die Kinder zu schützen?

Es gibt den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Danach darf Werbung keine direkten Kaufappelle an Kinder beinhalten. Das passt hier aber nicht, weil in der Regel nicht die Kinder, sondern ihre Eltern die Zielgruppe sind. Außerdem gibt es das Jugendarbeitsschutzgesetz, das regelt, wie viele Stunden und zu welchen Uhrzeiten Kinder arbeiten dürfen. Es gilt grundsätzlich für Jugendliche ab fünfzehn, hat aber zahlreiche Ausnahmevorschriften, sodass mit einer behördlichen Ausnahmeregelung sogar Drei- bis Sechsjährige bis zu zwei Stunden täglich arbeiten dürfen. Für Null- bis Dreijährige gibt es hier keine Regelung. Was heißt: Sie dürfen gar nicht arbeiten.

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Aber ist es Arbeit, wenn ich ein Foto von meinem Kind mache, während es mit einer Kuscheldecke auf dem Sofa liegt?

Das ist das Problem: In der Branche der Family-Influencer herrscht genau diese Denke vor: Mein Kind hat doch Spaß daran, das sind doch tolle Erinnerungen! Aber vielleicht möchte das Kind einfach nicht, dass in zwanzig Jahren, wenn es sich um einen Ausbildungsplatz bewirbt, noch Töpfchenfotos auffindbar sind. Und vielleicht hat ein Fünftklässler es auch gar nicht gerne, wenn seine Mitschüler sich über die alten Babyfotos mit Windel auf Mamas Arm lustig machen.

Was fordert der Medienrat?

Dass das Gesicht von unter Dreijährigen nicht gezeigt und kein echter Name angegeben wird. Außerdem, dass es keine Aufnahmen aus dem Kinderzimmer gibt und keine Fotos in kompromittierenden Positionen veröffentlicht werden dürfen. Ich wünsche dem Thema, dass es breit diskutiert und endlich angegangen wird. Wichtig sind Orientierung gebende Leitplanken zum Schutz der Kinder. Bei vielen Eltern steckt sicher keine böse Absicht dahinter, sondern eher eine Sorglosigkeit, die gefährlich sein kann.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Cornelia Holsten wurde 1970 in Bremen geboren. Sie war als Rechtsanwältin für Medienrecht tätig, bevor sie 2009 den Posten der Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt (Brema) übernahm.

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