Familienkonzert am Theater Bremen Wenn Instrumente sich verlieben

Was macht eigentlich ein Orchester, wie funktioniert klassische Musik? Am Theater Bremen möchte die Reihe #Familienkonzert das für Kinder ab vier Jahren ergründen.
29.11.2018, 16:41
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Wenn Instrumente sich verlieben
Von Iris Hetscher

Bremen. Das Stück? Zwischen 1918 und 1920 entstanden. Der Komponist? Erich Wolfgang Korngold, vor 61 Jahren gestorben. Ziemlich weit weg von der Erfahrungswelt der 180 Mädchen und Jungen, die kurz vor 10 Uhr über die Bühne des Theaters am Goetheplatz wuseln. Auch die Bremer Philharmoniker sind da, nicht alle, aber genug, um „Viel Lärm um nichts“, so heißt das Stück, zu spielen, den Kindern die Arbeit eines Orchesters und die Welt der klassischen Musik nahe zu bringen.

Ein paar Minuten ist noch Zeit, ehe es losgeht. Die Kinder – die meisten sind im Grundschulalter, einige gehen noch in den Kindergarten – finden ihre Plätze auf Filzmatten in Gespensterform, in unterschiedlichen Farben gehalten und passend zu den kleinen Filzaugen, die als Eintrittskarten gelten. Hinter den beiden Hornisten Matthias Berkel und Stefan Fink sitzt man auf sattem Grün, um das Dirigentenpult sind graue Geistermatten ausgelegt. Blau, gelb, rot, orange gibt es noch, je nachdem, um welche Instrumentengruppe es sich handelt. Eltern und Lehrerinnen müssen mit eher langweiligen Stühlen vorlieb nehmen, die um das Geschehen herum gruppiert sind. „Wir brauchen jetzt mal zwei Minuten Ruhe, wir müssen stimmen“, sagt Konzertmeister Reinhold Heise in das Geplapper hinein. Tatsächlich ist schlagartig Ruhe. Volle zwei Minuten lang.

Augen zu und hinhören

Dann kommt der Mann auf die Bühne, der sich diese sehr direkte Form von Musikvermittlung namens #Familienkonzert ausgedacht hat: Yoel Gamzou, Dirigent und Generalmusikdirektor des Theaters. Vierzig Minuten Musik, fünf Sätze. Gespielt wird mit langen Pausen, in denen das Orchester und die Instrumente vorgestellt werden. Die Philharmoniker intonieren die Ouvertüre. Auf den Gespenstermatten setzen sich einige etwas aufrechter hin und lauschen, andere stehen auf und dirigieren einfach ein bisschen mit. Wieder andere hören zwar zu, lassen sich von Korngolds Musik aber nicht weiter stören. Mitschüler ärgern ist ja auch ganz lustig.

Das ändert sich, als der letzte Ton des ersten Satzes verklungen ist und Simon Zigah von Yoel Gamzou begrüßt wird. Zigah hat weder Taktstock noch Instrument dabei, nicht mal ein Filzauge. "Ich bin Schauspieler", stellt er sich vor, heute ist er zudem Moderator, und er geht gleich in die Vollen: "Wie nimmt man Klang denn eigentlich wahr?" Über die Ohren" schallt es zurück. Klar. "Sehen" ruft eine junge Zuhörerin – das ist ungewöhnlich, aber warum nicht? Manchmal kribbelt es auch ganz schön im Bauch. "Jetzt mal alle die Augen zu!" ruft Zigah, heiteres Instrumenteraten folgt, die Lösungen: Harfe, Geige, Triangel. Alle freuen sich, dass sie richtig gelegen haben, da will Zigah schon wieder etwas wissen. Die Querflötistin Wen-Yi Tsai hebt ihr Instrument in die Höhe, es glänzt golden. Trotzdem gehört es zu den Holzbläsern. Verrückt. Oder doch nicht? Ella weiß warum: "Querflöten waren früher aus Holz." Zigah ist beeindruckt. Mit Oboe, Klarinette und Fagott stellen sich weitere Holzbläser vor, dann müssen alle die Matten und zu einer anderen Instrumentengruppe wechseln: zweiter Satz, "Mädchen im Brautgemach".

Die Kinder lernen unterschiedlich große Streicher – Geige, Bratsche, Cello – kennen, immer wieder ist mitmachen angesagt: Wer die Trompete aus dem dritten, marschähnlichen Satz heraushört, hebt den Arm. Erklingt die Klarinette, bitte beide Beine in die Luft strecken. Die zarten Töne von Harfenistin Amandine Carbuccia beeindrucken so stark, dass kurzzeitig eine fast unheimliche Stille herrscht. Gleich darauf „verlieben sich zwei Instrumente ineinander“, behauptet Yoel Gamzou. Tatsächlich: Cello und Bratsche umschmeicheln sich im vierten Satz, der „Gartenszene“. Über die Musiker und die Instrumente wissen inzwischen alle ganz schön viel, auch, dass ein Horn so lang ist wie ein Gartenschlauch, wenn man es ausrollen würde.

Aber was macht eigentlich Yoel Gamzou? Gleich sechs Kinder trauen sich zu, die Bremer Philharmoniker zu dirigieren, laut und leise, schnell und langsam vorzugeben. Da muss man ja sowieso nur irgendwie mit den Armen wedeln. Eine gräßliche Kakophonie ist das Ergebnis, wedeln reicht doch nicht. Yoel Gamzou übernimmt wieder, und simsalabim erklingt der fünfte Satz, die Hornpipe. So munter und schalkhaft, wie es sich gehört.

Weitere Informationen

#Familienkonzert: Sonntag, 2. Dezember, um 10 und um 11.30 Uhr, Theater am Goetheplatz.

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