Hurricane-Festival 2019 in Scheeßel

Wenn Zehntausende Rock- und Pop-Fans in die Provinz strömen

Wenn zehntausende Rock- und Pop-Fans in die Provinz strömen, kann der Verkehr schon mal ins Stocken kommen. Aber die meisten Einheimischen haben sich an die Auswirkungen des Hurricane-Festivals bereits gewöhnt.
20.06.2019, 19:47
Lesedauer: 5 Min
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Wenn Zehntausende Rock- und Pop-Fans in die Provinz strömen
Von Marc Hagedorn
Wenn Zehntausende Rock- und Pop-Fans in die Provinz strömen

Ankunft der Massen: Die Einheimischen sind an die temporären Verkehrsprobleme weitgehend gewöhnt – einige aber sind genervt.

Fotos: Bernd Kramer

Für Martin Dreyer ist am Donnerstag schon ab Mittag Wochenende. Keine Kunden und Patienten mehr. Sie kommen nicht mehr zu ihm durch. Die Straße ist verstopft. Normalerweise ist in seiner Praxis um diese Zeit jede Menge los, aber jetzt hat er bis Dienstag geschlossen. Wegen Hurricane. Oder besser: wegen der Gäste des Festivals. Dreyer ist Physiotherapeut, ihm gehört die „Physio-Schmiede“ an der Ortsdurchfahrt in Westervesede, und jetzt sitzt er mit seiner Frau und den beiden Kindern vor seinem Geschäft. Ein Alster in der Hand, den Blick auf die Straße gerichtet. Verkehr gucken. Er hat den besten Platz. Von hier kann er wunderbar sehen, wie die Massen nach Scheeßel strömen.

Wobei von Strömen nicht so ganz die Rede sein kann. Die Invasion der Hurricane-Gäste findet eher im Stop-and-Go-Modus statt. Stoßstange an Stoßstange. Die Nummernschilder deklinieren das komplette Alphabet durch. Autokennzeichen mit SFA, CUX, K, HH, DH, WST, LER, BM, KS schieben sich durch die Dorfmitte. Weil es zwar nicht besonders schnell, dafür aber stetig vorangeht, ist die Stimmung unter den Reisenden gelöst. Fenster runter, Ellenbogen raus, Boxen aufgedreht. „Mr. Boombastic“, „Enter Sandman“, „Mama Lauda“, je nach Geschmack und Temperament.

Alle haben nur ein Ziel: Scheeßel. Und nur einen Vorsatz: eine gute Zeit haben. Westervesede heißt die letzte Station, bevor die Feierwütigen den Ort der Verheißung, den Eichenring, erreichen. Knapp 750 Einwohner hat Westervees, wie die Einheimischen sagen. In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht in diesen Stunden eine Kleinstadt, die für vier Tage über 60 000 Einwohner beherbergen wird.

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Ein paar Zahlen, die die Dimension dessen illustrieren, was da mitten zwischen Wald und Wiesen herangewachsen ist: 32 Kilometer Bauzaun rahmen das 134 000 Quadratmeter große Veranstaltungsgelände ein. Zelt- und Parkplätze nehmen 172 Hektar Fläche in Anspruch, das ist die Größe von 240 Fußballfeldern. Es gibt Gastronomie im Großstadtmaßstab: 50 Bars, 47 Foodstände, Burger, Pizza, Pommes, Döner, Brote auf die Hand. Und das ist nur das Catering für die Besucher. An die Crews, freiwilligen Helfer und Künstler gehen noch mal 41 000 Mahlzeiten raus. In Westervesede kann man die Verkehrsschilder normalerweise an zwei Händen abzählen. Die Zahl der Schilder, die auf das Hurricane hinweisen, beziehungsweise rund ums Gelände den Verkehr regeln: 1200.

Zu jeder funktionstüchtigen Stadt gehört eine intakte Infrastruktur: Auf dem Hurri­cane-Areal sind 950 Mülltonnen verteilt, 1000 Dixie-Klos, 600 wassergespülte Toiletten und 380 Duschen aufgestellt. Und wer die aufgebrauchten Bier- und Grillvorräte auffüllen muss, der findet im Supermarkt, was er braucht. Martin Dreyer lässt sich derweil prächtig unterhalten von den Vorbeifahrenden. Einige Besucher haben mit Klebestreifen HURRICANE auf ihre Windschutzscheiben geschrieben. Alle paar Minuten amüsieren sich die meist männlichen Wagenbesatzungen mit einem altbekannten Spielchen: Immer wenn einer der Jungs vom Wildpinkeln aus den Büschen zurückkehrt und zum Türgriff langt, fährt das Auto los. Gelächter im Wagen, neuer Versuch, „war nur Spaß, komm’ schon“. Wieder hat der Pinkelbruder die Autotür fast erreicht, wieder fährt der Wagen los. Noch lauteres Gelächter. Das geht noch ein paar Mal so. Ein paar Meter neben der „Physio-Schmiede“ kniet Wolfgang auf dem Boden. Er ist dabei, ein Carport aufzubauen. Schraubenzieher, Hammer, Flex, im Radio läuft NDR 2. Songs aus den Charts. „Da ist eher so mein Ding“, sagt er. Die Musik, die auf dem Hurricane gespielt wird, ist ihm etwas zu rau und unkonventionell. Deshalb wird er dem Festivalgelände auch nur einen kurzen Besuch abstatten. Mit dem Fahrrad. Denn mit dem Auto käme er nicht weit.

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Die Menschen in Westervesede haben sich im Laufe der Jahre mit den meisten Einschränkungen arrangiert, die das Festival mit sich bringt. Parkverbote für die nächsten vier Tage, na gut. Nebenstraßen, die plötzlich Einbahnstraßen sind, „das geht alles schon“, sagt Wolfgang, „man kennt hier ja die Schleichwege.“ Eine Sache aber, die ärgert die Westerveseder schon: Gleich hinterm Ortsausgangsschild Richtung Scheeßel ist die Straße gesperrt, in den vergangenen Tagen galt ab hier bereits Tempo 20, wo sonst 100 km/h erlaubt sind. Das ist als Sicherheitsmaßnahme während der Bau- und Abbauzeiten des Festivals gedacht, aber viele Anwohner nervt es, dass sie zuletzt für die fünf Kilometer bis Scheeßel zum Einkaufen fünf Mal solange gebraucht haben. „Demnächst gilt hier vielleicht noch Schritttempo“, sagt Wolfgang. Aber er sagt das mit einem Lächeln, wirklich nerven lassen will er sich nicht.

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Gut ist die Stimmung auch im angrenzenden Schützenhaus, das zum Counter umfunktioniert worden ist. Im Radio läuft „Seven Nation Army“ von den White Stripes. Sonst messen hier die örtlichen Schützen auf einer der sieben Bahnen ihr Können, jetzt werden hier Bändchen für die Festivalbesucher ausgegeben. Für die VIPs, für die Journalisten und für die Camper, die vorbestellt haben und im Osten untergebracht sind. So wie Michael. Er ist mit acht Freunden aus Schleswig-Holstein angereist.

„Also für mich dann erst mal ein Frischgezapftes“, sagt er. Bekommt er hier natürlich nicht, aber als er sein Bändchen hat, strahlt er. Ein paar hundert Meter noch, dann kann er seinen Campingwagen parken. Er mache „Festival Ü40“, sagt er und lacht. Zum achten oder neunten Mal, so ganz genau weiß er das gar nicht mehr, ist er hier. Sonst immer mit Zelt, „aber man wird ja nicht jünger“. Er kommt aus der Nähe von Wacken, also dorther, wo ein Festival in gleicher Größenordnung stattfindet, „mein Heimfestival“, sagt er. Bier, Würstchen und Grillfleisch hat er für die kompletten vier Tage dabei. Er kennt das nicht anders, „als wir angefangen haben, gab’s noch keine Festival-Supermärkte und so’n Schickimicki.“

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Gegenüber vom Schützenhaus hat Heinz Position bezogen. Er hat seinen Kleinbus direkt vor Hanschen Harm geparkt, dem örtlichen Gasthaus mit Kornbrennerei und Spirituosendestillation. Heinz wartet darauf, dass der Schulbus kommt, damit er die Kinder übernehmen und im Dorf verteilen kann. Aber er muss sich gedulden. Da der Verkehr nur eine Richtung kennt, nämlich Richtung Scheeßel, muss der Schulbus Umwege fahren. Wenigstens wird auch er gut unterhalten.

Schräg gegenüber, auf Röpers Hof, steht ein Snackautomat. Viele der Vorbeifahrenden haben so etwas offenbar noch nicht gesehen. Zehn echte Landeier für drei Euro auf Knopfdruck. Oder fünf eingeschweißte Bratwürstchen für 5,50. Oder drei abgepackte Nackensteaks für 6,50 Euro direkt aus der Maschine. Als ein Auto mit Dortmunder Kennzeichen die Stelle passiert, fallen den vier Mädchen, die darin sitzen, fast die Augen aus dem Kopf. „Ey, wo gibt’s denn sowas?“, ruft eine und dann lachen alle. Wo es das gibt? Hier im Dörfchen Westervesede, gleich neben der Kleinstadt Hurricane.

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