Film des Monats: „Anker der Liebe“

Wenn zwei sich streiten

Kinder oder nicht? Das einfühlsam erzählte Drama „Anker der Liebe“ erzählt von einem lesbischen Paar, dessen Liebe durch den Kinderwunsch einer der Frauen auf die Probe gestellt wird.
01.08.2019, 20:57
Lesedauer: 2 Min
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Wenn zwei sich streiten
Von Katharina Frohne
Wenn zwei sich streiten

Eva (Oona Chaplin) und Kat (Natalia Tena) führen auf ihrem Londoner Hausboot ein unbeschwertes Leben. Bis Eva ihrer Partnerin ein Ultimatum stellt: Sie will ein Kind – jetzt.

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Der Film „Anker der Liebe“ macht es sich unnötig schwer. Erst mal ist da der Titel. „Anker der Liebe“ (im Original kaum besser: „Anchor and Hope“), das klingt schwer nach Schnulze, nach seichtem Drama mit erwartbarem Happy End. Zweitens ist da der Plot, der sich wie folgt skizzieren ließe: Zwei homosexuelle Frauen leben glücklich zusammen, bis die Kinderfrage aufploppt. Zum Glück ist da gerade Roger in der Nähe, der beste Kumpel einer der Frauen. Ein potenzieller Samenspender also. Was soll schiefgehen?

Name und Handlung lassen also ein Klischeeminenfeld vermuten, einen Film, der Gefahr läuft, sehr viel falsch zu machen. Das ist schade – denn tatsächlich macht das Drama des spanischen Regisseurs Carlos Marques-Marcet eine Menge richtig.

Mit Eva (Oona Chaplin – ja, verwandt mit Charlie Chaplin; er ist ihr Großvater) und Kat (Natalia Tena) erzählt er von einem Paar fernab aller Stereotype. Die beiden führen eine gleichberechtigte Beziehung, leben gemeinsam auf Kats Hausboot, mit dem sie durch Londons Kanäle schippern, mal hier, mal dort anlegen. Eva gibt Tanzstunden, Kat kellnert in einem Pub und restauriert Schiffe.

Es geht nicht um Drama, sondern um Kommunikation

Marques-Marcet gibt dem Zuschauer viel Zeit, ein Gespür für das Verhältnis dieser beiden Frauen zu entwickeln. Oft zeigt er ihre Gesichter sekundenlang in Großaufnahme, verharrt auf Blickwechseln, konzentriert sich ganz auf das Zusammenspiel seiner sehr vertraut miteinander umgehenden Protagonistinnen. Marques-Marcet gelingt es so, große Intimität abzubilden; ein Paar zu zeigen, dessen Glück auf völlig unkitschige Weise anrührt.

Es geht nicht um Drama in diesem Drama, sondern um Kommunikation. Darum, wie wichtig es ist, Träume und Ängste in Worte zu fassen, wenn aus zwei Lebensentwürfen einer werden soll. Als Eva den Wunsch äußert, Mutter zu werden, ist Kat schockiert. Ein Kind war nie Teil ihres Plans. Aber Eva ist das – also gibt sie nach. Ihr Freund Roger (David Verdaguer), der praktischerweise aus Barcelona zu Besuch ist, soll seine Spermien stiften. Roger, Typ überentspannter Schluffi, willigt ein. Eva wird schwanger. Alles gut also?

Nein – denn Marques-Marcet umschifft auch das Klischee, dass Menschen ihre Dämonen in Sekundenschnelle hinter sich lassen können, wenn sie nur unbedingt wollen. Auch darum geht es in „Anker der Liebe“: dass manche Entscheidungen zu groß sind für Kompromisse. Und dass Liebe mehr sein kann, als Hollywood auch anno 2019 noch viel zu oft glauben macht.

Weitere Informationen

„Anker der Liebe“ läuft zu verschiedenen Zeiten im City 46. Das genaue Programm gibt es unter www.city46.de.

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