Kulturgeschichte

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

In Mythen, Märchen und Fabeln gehört Isegrim sozusagen zum Inventar. Kein Wunder: Im kulturellen Gedächtnis verkörpert das wilde Tier seit jeher die Nachtseiten der menschlichen Psyche.
29.04.2017, 00:00
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Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Von Hendrik Werner
Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Im Märchen ist der Wolf häufig böse.

Imago

In Mythen, Märchen und Fabeln gehört Isegrim sozusagen zum Inventar. Kein Wunder: Im kulturellen Gedächtnis verkörpert das wilde Tier seit jeher die Nachtseiten der menschlichen Psyche.

Wer hat Angst vorm bösen Wolf? Der kleine Pionier namens Peter jedenfalls nicht. Denn dieser verspielte Knabe ist – unter anderem – mit einer Ente und einem weiteren kleinen Vogel im Bunde. Und überdies so couragiert, dass ihm der Eindringling mit dem magischen Blick, der ohne Rücksicht auf bewährte Grenzen durch das Gartentor spaziert, nicht nachhaltig gefährlich werden kann.

So steht es geschrieben. So wurde es vertont. Und so ist es derzeit sporadisch zu erleben, wann immer das in Bremen ansässige Figurentheater „Mensch, Puppe!“ Sergej Prokofjews musikalisches Märchen „Peter und der Wolf“ in den Spielplan hebt. Dann zeigt der Puppenspieler Leo Mosler, unterstützt von der Musikwerkstatt der Bremer Philharmoniker, wie fragil und also überwindbar die Grenzen zwischen Zivilisation und Wildnis sein können. Und noch etwas zeigt die sehenswerte Produktion: Sie führt lehrbuchhaft vor, wie sehr sich der Wolf als Fabeltier eignet, als zeitlose Allegorie, der zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Bedeutungen zuwachsen.

Im Mai 1936, als „Peter und der Wolf“ an einem Kinder- und Jugendtheater in Moskau uraufgeführt wurde, betraf die wölfische Maskerade des tierischen Protagonisten den Nationalsozialismus und, auf einer zweiten Bedeutungsebene, den Stalinismus. Prokofjew, seinerseits heillos ins Regime verstrickt, übte mit diesem raffiniert gewirkten Kunststück nämlich auch verhohlene Kritik am stählernen Säuberungsmann Stalin, der – Ironie der Diktaturgeschichte – am gleichen Tag starb wie sein zwischen Opportunismus und Aufbegehren mäandernder Starpianist und -komponist: am 5. März 1953.

Sergej Prokofjews Leben endete 50 Minuten vor dem des Sowjetschlächters, dessen Pervertierung der sozialistischen Idee einige Künstler in Form von Krebsgeschwüren, andere in Bestiengestalt würdigten.

Wölfin säugte Romulus und Remus

Kaum ein anderes Tier scheint so gut geeignet, menschliche Ängste und Dispositionen zu symbolisieren, wie der Wolf, dessen Mensch-Mutation in der Mythologie nicht von ungefähr ein großes Gruselthema ist (Werwölfe bevölkern Horrorfilme wie auch literarische Schauderwerke). Eine entsprechend zentrale Rolle spielt die wilde Kreatur seit jeher in der kulturellen Überlieferung. Man denke nur an die mythischen Stadtgründer Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt werden (diese Konstellation echot auch in Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“, in dem das Menschenkind Mowgli sozusagen behütet unter Wölfen aufwächst).

Die Bibel warnt erwartungsgemäß vor der vermeintlichen Bestie, deren Reißzähne friedlich grasenden Lämmern gefährlich werden können. Die altgermanische Mythologie hingegen stilisiert den Wolf oftmals zu einem aggressiven Wegbegleiter der Götter. Nicht ohne Grund spielte der Wolf in der Terminologie des Nationalsozialismus eine furchteinflößende Rolle (vgl. „Wolfsschanze“, „Wolfsrudel“); Adolf Hitler ließ sich von engen Gefährten Wolf nennen.

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Wirkungsmächtig in unserem Kulturkreis ist bis in die Gegenwart die Thematisierung des Tieres in lehrbuchhaften Erbauungsgeschichten geblieben, die auf Moral zielen. Vielleicht deshalb, weil Wölfe allenfalls im Reich der Fabel zu domestizieren sind. Entsprechend feiert die fabelhafte Textgattung vermehrt fröhliche Urständ‘, seit das gierende Tier statt in der freien Wildbahn wiederholt in der freien Wirtschaft gesichtet worden ist. „The Wolf of Wall Street“ heißt nicht von ungefähr ein Blockbuster aus dem Jahr 2013. Leonardo DiCaprio verkörpert in diesem Martin-Scorsese-Film einen rücksichtslosen Börsenmakler. Die Finanzkrise, soll das heißen, habe zur Vertierung des Menschen geführt. Es gilt ein Bonmot des Komödiendichters Plautus, nach dem der Mensch dem Menschen ein Wolf sei („Homo homini lupus“).

Nicht nur der Wolf übrigens wird rhetorisch gern bemüht, seit der Volksmund die Handelsplätze dieser Welt als verderbte, geldgeile, ruchlose Orte wahrnimmt: Seit der Finanzkrise, die in den Jahren 2007 ff. die westlichen Industrienationen bis in die Fundamente erschütterte, ist in den Medien, an Stammtischen und vorgeblich progressiven sozialwissenschaftlichen Fakultäten verstärkt die Rede von Raubtierkapitalismus, Heuschrecken und Immobilienhaien. All das zweifellos in allegorischer Absicht, sozusagen als neoliberale Spielart einer Fabel neuen Typs, von der sich literarische Gattungsfachleute wie Aesop und Lessing naturgemäß noch keinen Begriff machen konnten.

Natur als rohe Realität

Bei diesen Versuchen, die Schrecken einer aktuellen Krise durch deren tierische Maskerade zu bannen oder zumindest fassbarer zu machen, gerät bisweilen in Vergessenheit, dass Natur kein redensartliches Abstraktum ist, sondern eine rohe Realität. Deren kulturelle Modellierung in Gestalt von moralischen Lehrstücken über Wölfe und Vögel, Löwen und Lämmer darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Fangzahn wie auch eine Pranke mehr ist als eine Metapher. Einerseits.

Andererseits eignet sich spätestens seit dem Mittelalter die tierische Figur Ysengrimus (Isegrim) ganz hervorragend, um die Gleichzeitigkeit von Gier und Einfalt herauszuarbeiten, die den Wolf in zahlreichen Überlieferungen im Duell mit dem smarten Fucks Reinardus (Reineke) zum notorisch unterlegenen Gegner macht. Weitere Necknamen für den Wolf, darunter Graugesicht und Eisenmaske, bezeugen zwar Respekt. Und doch ist der Wolf dem kulturellen Unbewussten offenbar so suspekt, dass dem Gierschlund in kanonischen und kindgerechten Schriften wie „Rotkäppchen“ besonders gründlich das Wildern ausgetrieben werden muss.

Apropos Bewusstsein: In der Geschichte der Psychoanalyse spielt der Wolf ohnedies eine große Rolle. Prägend ist er im berühmten Fall, der den sogenannten Wolfsmann betrifft, einen Patienten Sigmund Freuds, der im Alter von vier Jahren von weißen Wölfen träumte, die übereinander herfallen. Der Patient, ein russischer Aristokrat, litt seit diesem Nachtmahr unter einer Wolfsphobie. In der Studie „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“ (1918) liest Freud diese Szene als unbewussten Wunsch, der Vater des Patienten möge über diesen herfallen, wie er vermeintlich schon über dessen Mutter hergefallen war. Der Albtraum vom Wolfsmann verschiebt nach dieser Interpretation in prototypischer Manier das Trauma des elterlichen Beischlafs in der frühkindlichen Perspektive des Patienten.

Wie sehr das Wölfische, diese verdrängte dunkle und animalische Seite des ach so zivilisierten Menschenlebens, das kollektive Unbewusste inspiriert, ist nicht nur an kindgerechten Werken wie „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“, „Die drei kleinen Schweinchen“ sowie der Figur Lupo im populären Comicstrip „Fix und Foxi“ ablesbar, sondern auch an mündlichen Üblichkeiten: Wer anderen nach dem Mund redet, heult mit den Wölfen. Und auch vor Wölfen im Schafspelz nimmt man sich tunlichst in Acht. Man ahnt: Der faszinierende Schrecken, der vom Wolf ausgeht, soll zumindest durch dessen sprachliche Domestizierung ge bannt werden.

Dem der Wolf aus der Hand frisst

Denn ansonsten sind Zähmungsversuche des Tieres nicht nur zäh, sondern zum Scheitern verurteilt. Das lehrt auch die größte popkulturelle Wolfsromanze aller Zeiten: Selbst John Dunbar (Kevin Costner) darf sich der wilden Kreatur in dem mit sieben Oscars prämierten Film „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) nur mit äußerster Vorsicht nähern, die Respekt, ja Ehrfurcht einbegreift. Immerhin spielt das ungleiche Paar gelegentlich miteinander; freilich ohne Körperkontakt. Das höchste der Gefühle: Socke, so Dunbars Neckname für den Wolf, frisst seinem Kumpanen aus der Hand.

Mehr geht kaum; selbst in der Fiktion nicht. Das zeigt auch „Wild“, ein Kinodrama der deutschen Regisseurin Nicolette Krebitz aus dem vergangenen Jahr: „Wild“ zeigt die Folgen einer surrealen Begegnung. In einem Stadtpark steht die Hauptfigur, eine Frau namens Ania, einem Wolf gegenüber. Mensch und Tier sehen einander direkt in die Augen. Ania wähnt nach diesem Auf­einandertreffen, ihr bisheriges Leben sei sinnlos gewesen. Ihr bald in eine Manie mündender Wunsch, sich vollumfänglich mit dem Wolf zu vereinigen, führt zu einer Wesensänderung: Ania fängt die Kreatur, macht sich zu deren Geliebter – und lebt mit ihr in einer vermüllten WG.

Die Moral von der Geschicht‘: Tu‘ derlei besser nicht. Tiere sind Tiere. Der Mensch, dieses abgefallene, entfremdete Stück Natur, sollte sich dem Tier nicht ungebührlich anheischig machen, sondern verantwortungsvoll dafür sorgen, dass es klar abgesteckte und sichere Lebensräume für alle Kreaturen gibt.

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