Walle, ein Wintermärchen

Wer sich auf Glatteis begibt

Um saisonalem Kufensport unter freiem Himmel zu frönen, reicht die Frostperiode in Bremen und umzu noch nicht aus. Wie schön, dass es witterungsunabhängigen Ersatz gibt!
24.01.2019, 11:22
Lesedauer: 5 Min
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Wer sich auf Glatteis begibt
Von Hendrik Werner
Wer sich auf Glatteis begibt

Wetterunabhängig lässt sich indoor im Paradice Schlittschuh fahren.

Christina Kuhaupt

Bremen, ein unterkühltes Wintermärchen mit viel Sonne – und noch mehr Bibberpotenzial: Auf der Weser häuft sich dieser Tage das Treibeis, ihre kleine Schwester in der Neustadt ist bereits teilweise zugefroren, und auf der zuverlässig zugigen Teerhofbrücke, wo der Wind besonders kalt und penetrant weht, sind Passanten gut beraten, sich tunlichst mollig einzumummeln. Mehrere Tage Dauerfrost haben Mitte vergangener Woche sozusagen eine sportive Sehnsucht befeuert, die sich alle Jahre wieder um diese Zeit epidemisch ausbreitet: auf Seen und Teichen, Bächen und Fleeten zu schlittern. Doch noch begibt sich auf deutlich zu dünnes Eis, wer in naturbelassenem Ambiente Bahnen ziehen und Runden drehen möchte.

So lange die Gewässer in der Stadt und im Umland behördlicherseits noch nicht für das Lustwandeln auf Kufen freigegeben sind, müssen sich Schlittschuhfahrer anderweitig behelfen. Schließlich soll die Semkenfahrt nicht zum Himmelfahrtskommando werden. In Bremen gibt es neben ambulanten Saisonangeboten – wie zuletzt beim sogenannten Eislaufvergnügen in Vegesack – eine verlässliche Adresse für Schlittschuhfahrer: das Paradice in Walle. Im vergangenen Jahr – genauer: am 25. April 1998 – wurde der 20. Geburtstag der Eislaufhalle am Bremer Westbad gefeiert. Einer zur Traditionsinstitution gereiften Einrichtung, die witterungsunabhängigen Wintersport ermöglicht. Und ganz nebenbei zu einem sozialen Andockpunkt für mannigfache Altersgruppen avanciert ist.

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Wenig paradiesisch müssen dem unerfahrenen Besucher die ersten akustischen Eindrücke des weitläufigen Areals vorkommen: Während auf dem vis-à-vis gelegenen Waller Friedhof naturgemäß Totenstille dominiert, herrscht in der Halle teils ohrenbetäubender Lärm. Zum einen wegen der zahlreichen Heranwachsenden, die sich an diesem Vormittag gleich schulklassenweise auf der Eisfläche tummeln und dabei lautstark ihre Freude an der forcierten Mobilität artikulieren. Zum anderen aufgrund der Beschallung der hallenden Halle mit Popsongs, deren Rhythmus im Idealfall die Läuferinnen und Läufer beflügelt. Gerade läuft „Just Give Me A Reason“, ein Duett von P!nk und Nate Ruess, offenkundig ein guter Grund für ein Pärchen jenseits der Schulpflicht, ein Eistänzchen auf das glatte Parkett legen zu wollen.

Meister fallen nicht vom Himmel

Doch ach – Pardauz! –; Meister mögen nicht vom Himmel fallen, Amateure indes straucheln ein ums andere Mal, um sich alsbald fröhlich zu berappeln und ihr gleitendes Glück ein weiteres Mal zu versuchen. Merke: Ein Sturz im Paradice ist kein Sündenfall, sondern im Idealfall die Motivation zu einem weiteren Versuch in einer existenziellen Disziplin, die auch im Alltag nützlich sein kann: Hinfallen, Aufstehen, Pudelmütze richten, Weiterschlittern.

Apropos Ausstattung: Wer sich als Eishallennovize in Spezialkleidung gewandet hat, um der erwarteten Kälte zu trotzen, dürfte überrascht sein. So jedenfalls geht es dem Reporter, der extra Funktionsunterwäsche angelegt hat, die ihm zuletzt bei einem Polarnachtaufenthalt auf Spitzbergen bei zweistelligen Minusgraden unverzichtbare Dienste erwiesen hat. Doch abgesehen von der Eisfläche, die zumal in den unteren Körperregionen der Läufer für eine gewisse Grundkühle sorgt, ist die Halle so moderat temperiert, dass sich einige risikofreudige Zeitgenossen mit Kapuzenpullovern oder gar Shirts als Oberbekleidung begnügen. Es ist nicht zuletzt dieser klimatische Umstand, der einem scheinbaren Paradox zuarbeitet: dem Mümmeln von Speiseeis auf den Besuchertribünen, die ebenso dem Verschnaufen dienen wie das der Halle angegliederte Café.

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Denkbar unterschiedliche Fortbewegungsarten lassen sich auf der geeisten Fläche studieren. Manche darunter lassen an „Das Ministerium der albernen Gänge“ denken, einen Sketch der britischen Komikertruppe Monty Python aus dem Jahr 1970. Ehrgeizige und elegant gekleidete Eisprinzessinnen und Eisprinzen, die vorwiegend tänzelnd vorankommen, sind ebenso zu besichtigen wie ausdauernde Langläufer, die mit schweißnasser Stirn und dezent verkniffenem Gesichtsausdruck Runde um Runde zurücklegen, als absolvierten sie in der Waller Halle ein professionelles Trainingsprogramm. Dann wiederum gibt es die Fraktion der stöckelnden, staksenden und stolpernden Anfänger, zu denen sich auch der Reporter rechnen muss, der in der Paradice-Frühzeit einmal so unglücklich und schmerzhaft auf seinen Steiß plumpste, dass er sich in den folgenden anderthalb Jahrzehnten Wintersportfreuden strikt versagte.

Erst einmal eine halbe Proberunde

Das soll ihm diesmal nicht passieren! Weshalb er sich zunächst für eine halbe Proberunde entlang der Bande hangelt und dabei elastisch in den Knien zu federn versucht, um ein Gefühl für die angemessene Balance zu entwickeln. Weiter kommt er nicht, weil eine Gruppe Schulkinder partout nicht weichen will. Auch sein zweiter Versuch, eine Hallenumrundung in Gänze zu vollbringen, scheitert leider. Nachdem sich der Reporter eine vermeintlich herrenlose Laufhilfe aus Plastik geschnappt hat, die ein Eisbärchen darstellen soll, und diese Krücke, die er vor sich herschiebt, seine Fahrt durchaus sicherer macht, ja beflügelt, wird er nach wenigen Minuten von zwei Schülern gestellt. Mmmpf. Mieten könne, nein: müsse man ein solches Vehikel, klären sie ihn freundlich auf. Aber dafür ist unser Mann zu geizig. Oder zu ambitioniert. Schließlich hat er in seligen Kindertagen auf den gefluteten Auewiesen am Schloss Schönebeck auf Gleitschuhen für Furore gesorgt. Wenn auch nur wegen seiner ungelenken Motorik, die ihn für einen halsbrecherischen Fahrstil prädestinierte.

Doch siehe: Auf anfängliche Ängste folgt bald ein Hauch Souveränität – und eine leidlich sicher, zumindest sturzfrei absolvierte Runde. Ein auf dem Eis und in der journalistischen Rhetorik gleichermaßen eleganter Rudi Cerne wird der Reporter in diesem Leben wohl nicht mehr. Aber man muss ja nicht alles können. Überdies: Lust- wie auch Erkenntnisgewinn hält eine Stippvisite im Paradice auch für jene vorrätig, die das bewegte Treiben auf dem Eis lieber aus sicherer Entfernung beobachten als ihrerseits aktiv zu werden. Schließlich werden einem die Umstände des Menschseins selten so plastisch vorgeführt wie hier: das Streben und das Scheitern, die Verletzlichkeit und das Lernvermögen, die eigene Kraft und die Notwendigkeit, mit anderen Menschen zu interagieren – und sei es nur, um ihnen beizeiten auszuweichen.

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Wem das nicht gelingt, ist bei jener Rettungsassistentin gut aufgehoben, die just mit einer Kiste voller Pflaster, Binden und Tinkturen ihrer, nun ja, Praxis am Rand der Eisbahn zustrebt. Kollisionen seien selten, sagt Uwe Kirsch, aber man sei vorbereitet. Der Betriebsleiter kennt sich in der glatten Branche aus: Seine Eltern betreuten in der Frankfurter Eislaufhalle den Schlittschuh-Verleih. Kirsch weiß, was Schlitterfreunde wünschen: Sukzessiv hat er die Aktivitäten in seinem coolen Beritt ausgebaut. Hat eine Eis-Disco etabliert – die nächste findet am 2. Februar statt –, hat Kontakte zwischen Laien und Eishockey-Profis wie den Weserstars gestiftet und die Bekanntheit seines Beritts überregional gesteigert: Am Montag suchen erneut 800 Schüler aus dem südwestfälischen Hagen das Paradice heim. Kirsch würdigt die Eishalle als Treffpunkt für Jugendliche. Umso mehr, als soziale Medien die Motorik nicht förderten.

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