Zwischen Sorge und Hoffnung

Wie ein Bremer Amateurtheater mit der Corona-Krise umgeht

Drei Inszenierungen entwickelt das Bremer Union-Theater pro Jahr. Auf der Bühne stehen Hobby-Schauspieler – eigentlich. Denn wegen der Corona-Krise muss der Betrieb im Amateurtheater ruhen. Wie geht es weiter?
15.04.2020, 08:43
Lesedauer: 4 Min
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Wie ein Bremer Amateurtheater mit der Corona-Krise umgeht
Von Felix Wendler
Wie ein Bremer Amateurtheater mit der Corona-Krise umgeht

Am traditionsreichen Union-Theater wirkte Vorstandsmitglied Stefan Lüers (2. v.r.) unter anderem im Stück "Ein ungleiches Paar" mit.

Roland Scheitz

Seit mittlerweile 128 Jahren inszeniert das Union-Theater Stücke auf Bremer Bühnen – und ist damit das älteste der 25 Amateurtheater in der Hansestadt. Stefan Lüers, Vorstandsmitglied des Union-Theaters, ist es wichtig, den Begriff in das richtige Licht zu rücken. „Wir sind ein Amateurtheater, haben aber dennoch einen professionellen Anspruch“, sagt der 57-Jährige. Lüers kann nicht nur auf eine mehr als 30-jährige Bühnenerfahrung zurückblicken, sondern ist mit dem Union-Theater schon viel herumgekommen. Seit vier Jahren haben die Mitglieder der Truppe eine feste Heimat in der Union-Brauerei gefunden. Bevor man sich dort dem Bremer Kriminal-Theater anschloss, tingelten die Hobby-Schauspieler über verschiedene Bremer Bühnen, erzählt Lüers.

Drei Inszenierungen entwickelt das Union-Theater pro Jahr – meistens Komödien. Wenn Lüers die Abläufe erklärt, wird deutlich, was er mit dem professionellen Anspruch meint. „Wir lassen unseren Bühnenbau von einem externen Experten machen“, sagt Lüers. Außerdem engagiere man für alle Stücke einen professionellen Regisseur. Finanziert werde das durch die Beiträge der 70 Mitglieder und die verkauften Eintrittskarten. „Wir haben einen Stamm von Abonnenten, die feste Plätze haben und ihre Eintrittskarten zugeschickt bekommen“, sagt Lüers. 125 Leute seien das ungefähr, die Zahl sei rückläufig.

„Dieses Hobby ist sehr zeitintensiv“

Zuwachs, auch auf der Bühne, sei natürlich willkommen, sagt Lüers. Man könne nicht immer dieselben Leute spielen lassen, da damit auch viel Aufwand einhergehe. „Dieses Hobby ist sehr zeitintensiv“, sagt Lüers. Außerdem gehöre es zum Anspruch des Union-Theaters, die Rollen bestmöglich zu besetzen. „Wir kleben keinem jungen Mädchen einen Schnurrbart an und lassen sie einen Opa spielen. Solche Beliebigkeiten vermeiden wir.“ Es sei auch schon mal vorgekommen, dass man eine Rolle während der Proben umbesetzen musste, weil die Schauspielerin der Rolle nicht gerecht wurde. „Am Profitheater fliegen die Leute dann einfach raus, das geht bei uns natürlich nicht“, sagt Lüers. In so einer Situation müsse man sensibel sein und ins Gespräch gehen.

An einem Stück des Union-Theaters seien in der Regel zehn bis zwölf Leute beteiligt, erklärt Lüers. „Wir proben etwa drei Monate. Am Anfang zweimal in der Woche, später sogar drei- bis viermal.“

Aktuell jedoch ruht aufgrund der Corona-Krise auch im Union-Theater der Betrieb. Für den 7. Mai war die Premiere des Stücks „Die Wunderübung“ geplant. „Als sich vor drei Wochen abgezeichnet hat, dass wir nicht spielen können, haben wir die Proben eingestellt“, sagt Lüers. Im Nachhinein sei es ein Glück gewesen, diese Entscheidung schon frühzeitig getroffen zu haben. „Wir hatten noch keine Flyer oder Eintrittskarten gedruckt, bleiben also nicht auf Mehrkosten sitzen.“ Das Stück wolle die Gruppe im Januar oder Februar 2021 nachholen. „Wir haben das auch schon mit dem Verlag besprochen, den wir ja für die Aufführungsrechte bezahlen müssen.“

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Generell herrsche momentan viel Unklarheit, sagt Günter Gräbner. Gräbner ist Vorsitzender des Landesverbandes der Bremer Amateurtheater. Bei mindestens sechs oder sieben Bühnen seien bereits Veranstaltungen abgesagt worden. Ob die alle nachgeholt werden können, sei unklar. „An unseren Theatern sind die Leute ja nicht fest angestellt. Man weiß nie, ob diejenigen, die jetzt Zeit haben, auch im kommenden Jahr zur Verfügung stehen“, sagt Gräbner.

Am Union-Theater überdenke man aktuell auch die für den Herbst geplante Inszenierung, berichtet Stefan Lüers. Die Proben müssten im Mai beginnen, aber ob das machbar ist, sei noch vollkommen unklar. „Aktuell ruht alles“, sagt er. Die laufenden Zahlungen jedoch laufen weiter. „Wir fahren momentan keine Verluste, aber versuchen, für den Probenraum einen Nachlass oder eine Stundung der Miete zu bekommen.“

„Ich habe die Zusage, dass es dazu nach Ostern Informationen gibt.“

Wie mit den Mietvorauszahlungen und anderen Kosten bei den einzelnen Bremer Amateurtheatern umgegangen wird, kann Günter Gräbner nicht sagen. Die Lösungen seien individuell, sagt er. „Ich bin gerade dabei, eine Umfrage zu starten. Aber das läuft jetzt erst an.“

Der Bremer Landesverband sei mit seinen 25 Mitgliedern verhältnismäßig klein. In Baden-Württemberg zum Beispiel gebe es mehr als 600 Bühnen, dementsprechend gehe es da auch um viel höhere Summen. „Auch die Amateure haben Kosten“, erläutert Gräbner. Er habe schon beim Bremer Senat vorgefühlt, wie es mit einer eventuellen Unterstützung für die Amateuertheater aussieht. „Ich habe die Zusage, dass es dazu nach Ostern Informationen gibt.“ Da Kosten und Ausfälle je nach Theater unterschiedlich hoch ausfielen, erwartet Gräbner, dass jede Situation individuell geprüft werde. „Die Vereine müssen dann selbst vorstellig werden“, sagt er.

Stefan Lüers nutzt die aktuelle Situation, um für das Theater zu werben. „Der Prozess, wie aus dem Nichts ein Stück entsteht, ist hochinteressant“, findet Lüers. Auch pädagogisch sei das eine Erfahrung. Der 57-Jährige ist überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die von ihrem Talent gar nichts wissen. Dass diese Leute einfach mal im Union-Theater vorbeischauen, um die Tradition des Bremer Amateurtheaters fortzuführen, hofft Lüers. Und ebenso, selbst bald wieder auf der Bühne stehen zu können.

Weitere Informationen

Die Kontaktdaten aller Bühnen sind unter www.amateurtheater-in-bremen.de zu finden.

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