Das Nachleben der Gesche Gottfried Wie Gesche Gottfried zu einer Ikone der Popkultur wurde

Eigentlich ist Gesche Gottfried dafür bekannt, eine Serienmörderin gewesen zu sein. Mit der Zeit wurde sie jedoch auch zu einer Ikone der Popkultur - etlichen Kunstgattungen dient sie als Inspiration.
14.05.2017, 00:00
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Wie Gesche Gottfried zu einer Ikone der Popkultur wurde
Von Hendrik Werner

Eigentlich ist Gesche Gottfried dafür bekannt, eine Serienmörderin gewesen zu sein. Mit der Zeit wurde sie jedoch auch zu einer Ikone der Popkultur - etlichen Kunstgattungen dient sie als Inspiration.

Als Susanne Pfeffer, Direktorin des Museums Fridericianum in Kassel, längst noch nicht – wie in diesem Jahr – den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig verantwortete, brachte sie sich bereits mit gewagten Ausstellungen und tollkühner Akquise ins kunstsinnige Gespräch. Bevor sie Anfang 2007 als Kuratorin an die Kunst-Werke Berlin wechselte, leitete sie zwei Jahre lang das Künstlerhaus Bremen.

Es war eine gedeihliche Zeit für unkonventionelle Positionen. Dabei gelang der 1973 im westfälischen Hagen geborenen Kunsthistorikerin unter anderem das rare Kabinettstück, eine ortsansässige Kaffeefirma davon zu überzeugen, mit ihren geblendeten Wachmachgetränken eine Ausstellung ausgerechnet über Bremens berüchtigte Giftmischerin zu unterstützen: Gesche Gottfried.

Von Juni bis Oktober 2005 währte diese Schau, deren Titel Rainer Werner Fassbinders berühmtem Theaterstück „Bremer Freiheit“ abgelauscht war (das jüngst auch in einer Veranstaltungsreihe des Theaters Bremen echote). Auch das Leitwort der vom überregionalen Feuilleton gefeierten Gruppenausstellung im Künstlerhaus ging auf das 1971 am Bremer Schauspiel uraufgeführte Bühnenstück zurück. Es klingt, als sei es einem Thriller entlehnt: „Ich habe dich davor bewahren wollen, das Leben, das du führst, noch weiter führen zu müssen.“

Physische und strukturelle Gewaltausübung

Die beteiligten Künstler dachten Rainer Werner Fassbinders Stück weiter – in teilweise verstörender Radikalität. In ihren Arbeiten ging es um Formen physischer und struktureller Gewaltausübung. Und um gesellschaftliche Konstellationen, die diese Formen befördern. So befasste sich Mathilde ter Heijnes Arbeit „Suicide Bomb“ mit den Motiven von Selbstmordattentäterinnen, deren Motive sie als denen Gottfrieds verwandt begriff.

Ralf Bergers Beitrag „Kleines Miststück“, ein thematisches Echo auf den Spuckstein auf dem Domshof, ließ den an die Wand gespuckten Speichel von Betrachtern binnen Sekunden gefrieren. Clemens von Wedemeyer wiederum adaptierte den Laurel-und-Hardy Klassiker „Big Business“ aus dem Jahr 1929, reinigte ihn von allem Slapstick – und zeigte den grausamen Rest: eine Filmaufzeichnung, deren Brutalität durch die Langsamkeit und Systematik der Inszenierung zusätzlich verschärft wird. Auch die Arbeiten von Olaf Nicolai, Thomas Rentmeister und Gregor Schneider dachten den Stoff neu.

Dabei hatte Fassbinder in seinem sechzehnten Stück, das den Untertitel „Frau Geesche Gottfried – Ein bürgerliches Trauerspiel“ trägt und 1972 mit Margit Carstensen in der Hauptrolle verfilmt wurde, die Geschichte der Giftmischerin bereits denkbar kühn neu interpretiert: als Emanzipationsstück von nachgerade sozialrevolutionärer Wucht. Fassbinders – gewohnt radikale – Lesart geht so weit, die fünfzehnfache Mörderin als Opfer struktureller Gewalt und gesellschaftlicher Verkennung darzustellen.

Als Indiz dafür gilt ihm die passfertige Legende vom gefallenen Engel: Gesche, bei Fassbinder planvoll Geesche genannt, um eine künstlerische Differenz zur historischen Figur zu markieren, galt ihren Mitbürgern nämlich zunächst als gottesfürchtige und ehrenwerte Frau. Das Stück und die zugehörige Inszenierung zeichnen ihren Charakter zwar als äußerst fest und selbstbewusst, die ihr in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugeschriebene Rolle allerdings als ungenügend, unter ihren Möglichkeiten, ja als schäbig.

Wallfahrtsorte mit historischer Aura

Weil ihr Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit niemals zugestanden worden seien, so Fassbinders seinerzeit umstrittene Lesart, vergiftete die Furie mithilfe von Arsen und sogenannter Mäusebutter Eltern, Kinder, Gatten und weitere Menschen; darunter auch Zufallsopfer. Mit dem bekannten Ergebnis: Am 21. April 1831 wurde Gesche Margarethe Gottfried, geborene Timm, im Alter von 36 Jahren in Bremen hingerichtet. Nicht nur wegen der Drastik ihrer Taten, sondern auch und gerade weil es das letzte öffentliche Autodafé in der Hansestadt bleiben sollte, ernährt sich das kulturelle Gedächtnis bis heute auch jenseits von Bremen mit gepflegtem Gruseln an den Mordsverstrickungen der Tochter eines Schneidermeisters und einer Wollnäherin.

Eine besonders schaurig anmutende Reliquie beherbergt seit zwölf Jahren das Focke-Museum: einen Abguss von deren Totenmaske. Nach ihrer Enthauptung wurde Gesche Gottfrieds Haupt in Spiritus eingelegt und im Museum am Domshof ausgestellt. In mahnender und warnender Absicht, versteht sich. Einen Gipsabguss entdeckten Wissenschaftler auf einem Foto, das anno 1912 entstanden war. Die morbide, nun ja, Devotionalie befand sich im Besitz eines englischen Gefängnisarztes.

Es gibt in der Stadt einen weiteren potenziellen Wallfahrtsort mit historischer Aura: das Detentionshaus vis-à-vis der Ostertorwache. Ein Gefangenenhaus neuen Typs. Dorthin, in das heutige Wilhelm-Wagenfeld-Haus, wurde Gesche Gottfried nach zahllosen Verhören am 13. Mai 1828 überstellt. Dort saß sie knapp drei Jahre in der Zelle mit der Nummer 38 ein.

An entsetzlichen Vorstellungen weiden können sich Bremer und auswärtige Besucher auch in der altehrwürdigen Raths-Apotheke am Marktplatz; dort hatte Gesche die tödliche Mäusebutter, mit Schmalz versetztes Arsen, gekauft. Regelmäßige Anlaufpunkte von Stadtführungen sind auch Adressen der Gottfried (Pelzer- und Obernstraße) sowie der Ratskeller, in dem Michael Christoph Gottfried, Gesches zweiter Ehemann und ihr achtes Giftopfer, als Weinhändler naturgemäß oft verkehrte. Auch im Geschichtenhaus im Schnoor lässt sich dem mörderischen Tun der Gesche Gottfried vortrefflich nachspüren.

Randständige Kunstgattungen punkten mit Gesche

Dass sich künstlerische Fantasie an schwer fassbaren Untaten wie den ihren entzündet, versteht sich gleichsam von selbst. Moritaten sonderzahl bildeten und bilden ein polyphones Echo auf die Tötungsexzesse von Bremen, darunter etliche Kriminalromane, Hörspiele, Biografien, Drehbücher, darunter Thea Dorns Skript zur Bremer „Tatort“-Folge „Der schwarze Troll“ (2003). Die bedeutsamste Hommage hat Gottfrieds ansonsten vorwiegend romantisch gestimmter Zeitgenosse Adelbert von Chamisso (1781-1838) in dem Langgedicht „Die Giftmischerin“ verfasst.

„Ich führte Krieg wie jeder thut und soll, / Gen feindliche Gewalten“, bescheidet Gesche Gottfried darin. Es klingt wie eine Vorwegnahme des Antitheaterstücks von Rainer Werner Fassbinder, das der gebürtige Bremer Claus Peymann übrigens im vergangenen Jahr auf den Spielplan des Berliner Ensembles setzte. Auch für das Theater Bremen wäre es wieder mal an der Zeit, sich diesem vielfältig ausdeutbaren Stoff zu widmen.

In jüngerer Vergangenheit sind es vor allem randständige Kunstgattungen, die mit Gesche punkten und prunken. Etwa das Bremer Figurentheater „Mensch, Puppe!“, das den Stoff in der Regie von Henrike Vahrmeyer als historisches Drama aufbereitet. In „Gift – der Fall Gesche Gottfried“ brilliert Claudia Spörri im nachgerade authentischen Bühnenbild von Katja Fritschze. Inspiriert worden ist die Inszenierung, die am 10. Juni um 20 Uhr neuerlich zu sehen ist, durch die grandiose Graphic Novel „Gift“, die der thematisch jahrzehntelang einschlägig vorgebildete Bremer Schriftsteller Peer Meter und die Berliner Illustratorin Barbara Yelin im Jahr 2011 vorlegten (Reprodukt-Verlag).

Gleichfalls comichafte Züge weist eine Videoinstallation der Bremer Stadtbibliothek auf, die unter dem Leitwort „Arsen und Sterben“ – binnen einer Viertelstunde; kompakt und informativ – aus der Perspektive von fünf Gesche-Opfern an die Gräueltaten erinnert. Selbst schuld, wer hernach nicht in der Lage ist, das Gesche-Gottfried-Rätsel zu lösen.

ZDF plant Biopic

Auch das ZDF wird die mysteriösen Motive der Gesche Gottfried nicht vollends lösen können, wenn es das demnächst entstehende Biopic über die gefährlichste Cocktail-Mixerin Bremens ausstrahlt. Mit Regina Ziegler als Produzentin hat das Projekt eine mächtige Initiatorin; Annette Hess, die Drehbuchautorin, ist zwar keine Bremerin, sondern stammt aus Hannover, hat aber in der ARD-Serie „Weissensee“ ihr Händchen für historische Stoffe bewiesen.

Sie wäre gut beraten, würde sie sich zur Vorbereitung Karl Fruchtmanns Film „Gesche Gottfried“ aus dem Jahr 1978 ansehen: Die prominent besetzte Radio-Bremen-Produktion – Sabine Sinjen spielt die Titelfigur – legt das Augenmerk auf Bigotterie im Bremer Biedermeier, verortet die Motivlage der Gottfried also ebenfalls überindividuell.

Das macht auch die Band Jennifer Rostock, deren Song „Blut geleckt“ – auf dem Debütalbum „Ins offene Messer“ (2008) – Gesche Gottfried einen ebenso rockigen wie kryptischen Auftritt beschert: „Da ist was im Busch / Sie war der Engel von Bremen / Doch Luzifer eröffnete sein Nadelbüffet / Und jeder darf sich nehmen.“

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