Rilke in Bremen

Wie Rodin in die Kunsthalle kam

Für die Wiedereröffnung der umgebauten Kunsthalle am 15. Februar 1902 sollte Rainer Maria Rilke eine Inszenierung des Dramas „Schwester Beatrix“ auf die Beine stellen.
02.11.2018, 19:51
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Wie Rodin in die Kunsthalle kam
Von Alexandra Knief
Wie Rodin in die Kunsthalle kam

Ein historisches Bild der Kunsthalle Bremen, aufgenommen um 1910.

Kunsthalle Bremen

„Ich bin jetzt öfters in Bremen“, schreibt Rainer Maria Rilke seiner Mutter Phia am 8. Januar 1902. Und das hat seinen guten Grund. Rilke hat einen Auftrag bekommen, der ihm sehr am Herzen liegt, aber gleichzeitig auch viel Zeit in Anspruch nehmen sollte. Für die Wiedereröffnung der umgebauten Kunsthalle am 15. Februar soll er eine Inszenierung des Dramas „Schwester Beatrix“ des belgischen Dramatikers Maurice Maeterlinck auf die Beine stellen. Es soll das erste und einzige Mal sein, dass Rilke in seinem Leben als Regisseur arbeitet. „Das macht viel Arbeit, aber auch viel Freude!“, schreibt er seiner Mutter im selben Brief weiter.

Die Idee, genau dieses Stück aufzuführen, kommt von Rilke selbst. In langen begeisterten Briefen schreibt er seinem Bekannten, Gustav Pauli, warum genau dieses Stück das richtige für die Wiedereröffnung sei. Sogar eine Skizze, wie seiner Meinung nach die Bühne am besten aufgebaut sein soll, fügt er den Briefen bei.

Pauli (1866-1938), Sohn des Bremer Bürgermeisters Alfred Pauli, war erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthalle tätig und von 1905 bis 1917 deren erster Direktor. Es gab wohl einige Probleme in Bezug auf das Stück, die in den Briefen Rilkes nicht näher erläutert, aber zumindest angedeutet werden.

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Eines war zum Beispiel, überhaupt die Erlaubnis für die Aufführung mit selbst ausgesuchter Musik zu bekommen. So schreibt Rilke Pauli bereits im November 1901: „Unser Beatricen-Plan wird, fürchte ich, nur eine Reihe von Hindernissen aufwecken…“ und warf mit den Worten „wenn indessen der Schwierigkeiten kein Ende wird und alle Steine gegen uns aufstehen und Riesen werden“ noch einige Alternativen zur Aufführung in den Raum. Auch, wenn er, wie er schreibt, eigentlich viel zu sehr an dem Plan hinge.

Hofmannsthal oder Schnitzler schlägt er für den Notfall vor, doch dazu kommt es nicht. Rilke überzeugt mit seinem Beatrix-Enthusiasmus. Und so wird das Stück bei der Wiedereröffnung auch aufgeführt. Um die Kostüme und Requisiten kümmert sich Rilkes Freund Heinrich Vogeler, der unter anderem auch das Programmblatt zu „Schwester Beatrix“ und der Eröffnungsfeier entwirft. Und auch Rilkes Frau Clara ist an der Aufführung beteiligt: Sie entwirft eine Madonnen-Maske, die Teil der Inszenierung wird.

Nicht nur das Stück kommt gut an

Die Hauptrolle der Schwester Beatrix übernimmt mit Else Vonhoff eine professionelle Darstellerin vom Theater Bremen. Mit ihrer Leistung zeigt sich Rilke während der Proben wenig zufrieden, wie ein Auszug aus seinem damaligen Tagebuch (erschienen 2000 im Insel-Verlag) zeigt: „Heute: Bremen: Proben... Nonnen besser, Beatrix ganz schlecht, ganz leer, ganz Pathos....“. Doch es besteht noch Hoffnung in den Augen von Rilke. Drei Tage später schrieb er: „Probe: Frl. Vonhof[f] nimmt sich sehr zusammen. Ich lese ihr Schwester Beatrix vor“.

Die Presse feiert die Aufführung – und Else Vonhoff – am Ende überwiegend mit Lob. Und nicht nur das Stück kommt gut an: Rilke schreibt für die Wiedereröffnungsfeier auch eine Festspielszene, ein Zwiegespräch zwischen einem alten und einem jungen Mann, das von zwei Laienschauspielern aufgeführt wird. Rilke selbst versucht, sich während und nach der Aufführung in der Garderobe zu verstecken, tritt, als er dort entdeckt wird aber notgedrungen doch noch kurz vor das ihn feiernde Publikum. Gustav Pauli schreibt hierzu: „vielleicht war der stürmische Beifall, der Rilkes ‚Zwiegespräch‘ auf der Freitreppe der Kunsthalle zuteil ward, der erste laute Erfolg, den er genoß.“

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Doch die Freude ist nicht von Dauer. Schon während der Proben zu „Schwester Beatrix“ denkt Rilke an die Zeit danach, und die macht ihm große Sorgen. Geldsorgen, um genau zu sein. Prager Verwandte hatten angekündigt, Rilke nicht mehr wie bisher monatlich finanziell zu unterstützen. Also wendet dieser sich erneut in einen Brief an seinen Vertrauten Pauli und fragt, „ob nicht in Bremen, wo ich als ein Fremder so liebe und vertrauensvolle Aufnahme gefunden habe, irgendeine Stelle wäre, an der ich mich brauchbar erweisen könnte. Macht die Erweiterung der Kunsthalle keine Ergänzung des Personals notwendig?“

Sein Einsatz als Regisseur hat mit der Aufführung zur Eröffnung schließlich ein absehbares Ende. Und wieder reicht ihm Pauli eine helfende Hand und vermittelt ihm einen Auftrag über eine Worpswede-Monografie, mit Essays über Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Fritz Overbeck und andere Künstler, die er eigentlich selbst schreiben wollte. Auch, dass Clara Rilke-Westhoff Bildhauerkurse in einem Atelier der Kunsthalle geben dürfe, ist im Gespräch. Dieser Plan wird allerdings nie umgesetzt.

Nicht das Ende der Geschichte

Etwas später kann Rilke sich indirekt für die Hilfe Paulis erkenntlich zeigen. Der Breslauer Kunsthistoriker Richard Muther kommt im November 1901 für zwei Vorträge nach Bremen. Einer davon findet in der Kunsthalle statt und ist dem Bildhauer Auguste Rodin gewidmet. Muther, der Rilke bereits seit 1899 kennt, bietet ihm an, ein Buch über Rodin für die Reihe „Die Kunst. Sammlung illustrierte Monographien“ zu schreiben. Ein Angebot, das Rilke dankend annimmt.

Er geht im Herbst 1902 nach Paris, im darauffolgenden Jahr erscheint das Buch. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Ab 1905 arbeitet Rilke als Rodins Privatsekretär in Paris und organisiert unter anderem auch einen Verkauf von drei Bronzen Rodins: An Pauli und die Bremer Kunsthalle. Die Bronzen gehören zu der aus fünf Figuren bestehenden Plastik „Die Bürger von Calais“. Auch eine Marmorskulptur und Rodins Bronzeskulptur „Das eherne Zeitalter“ sollte die Kunsthalle dank Rilkes Vermittlung noch erwerben.

Info

Zur Sache

Die Ausstellung „Rilke in Bremen“ ist noch bis zum 6. Januar 2019 in den Museen Böttcherstraße zu sehen. Am Sonnabend findet hier außerdem von 15 bis 17 Uhr ein szenisches Programm zu Künstlerpaaren von der Moderne bis zur Gegenwart statt.

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