Familie & Bande

Wie zwei Bremerinnen alte Bilder sprechen lassen

Zwei Freundinnen aus Bremen erzählen ­Geschichten zu Schwarz-Weiß-Fotografien, die sie auf Flohmärkten finden. Den Menschen auf den Bildern geben sie einen bleibenden Platz. Ihr Projekt heißt „Verinnerung“.
26.03.2020, 10:27
Lesedauer: 4 Min
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Wie zwei Bremerinnen alte Bilder sprechen lassen
Von Catrin Frerichs
Wie zwei Bremerinnen alte Bilder sprechen lassen

Monika Zobel (links) und Claudia Grabowski haben viele alte Fotos und Alben auf Flohmärkten gefunden.

Christina Kuhaupt

Manchmal sind es schöne Wörter, die als Inspiration für Texte dienen können. Es sind Wörter, die Bilder im Kopf erzeugen. Gewitterstille ist so ein Wort. Segelflattern. Oder Eierlikörtorte. In Letzterem schwingt Lebensfreude mit, Ausgelassenheit. Ein „Heute lassen wir fünf gerade sein“. Claudia Grabowski sammelt solche Wörter und holt sie bei Bedarf hervor. Immer, wenn sie sich Geschichten zu alten Schwarz-Weiß-Fotografien ausdenkt.

Mit ihrer Freundin Monika Zobel findet sie seit Jahren schon auf Flohmärkten in ganz Deutschland alte Fotografien von Fremden und schreibt Texte dazu. Das Projekt nennen die beiden Bremerinnen „Verinnerung“, ein Mischwort aus vergessen und erinnern. Manche Bilder rufen etwas hervor, Stimmungen oder einen Gedanken. Dazu finden die beiden die passenden Wörter. Beim Schreiben geht es nicht darum, die wahre Geschichte hinter dem Bild zu erzählen. Worum geht es dann? Als Antwort zitieren sie den Schriftsteller Cees Nooteboom: „In einer guten Geschichte ist die Zeit sowohl ausgehoben als anwesend. Bei Fotos ist es immer wichtig, wer nicht drauf ist, aber woher soll man das wissen? Ich meine, wenn man den Menschen auf dem Foto nicht kennt, weiß man auch nicht, wer fehlt.“

Bei den Texten geht es also nicht um Wahrheit und Fakten, sondern vielmehr darum, Risse in der Erinnerung mit Worten zu füllen. Die Zeilen sind zwar ihre eigenen Interpretationen des Lebens von Fremden und ihren Beziehungen zueinander, haben aber einen erstaunlich universellen Charakter. „Jedes Foto ist einzigartig und doch seltsam vertraut – die Art von Foto, auf das man vielleicht auf dem Dachboden oder im Keller des Hauses eines Verwandten gestoßen ist“, sagen Monika Zobel und Claudia Grabowski.

Mit ihren Texten sorgen die Freundinnen dafür, dass vergessene Menschen einen bleibenden Platz bekommen. Manchmal sogar an den Wänden ihrer Wohnungen, wo ihre Lieblingsfotos hängen. Manche Aufnahmen sind an die hundert Jahre alt. Die Personen darauf sind längst vergessen, auch die, die sich erinnern könnten, gibt es nicht mehr. So landeten die Fotografien irgendwann in den Flohmarktkisten – bis sie von Claudia Grabowski und Monika Zobel wiederentdeckt wurden – und bleiben. In ihren Wohnungen lagern viele Kartons, darin abgegriffene Alben und lose Fotos.

Vorhang auf … 
 Spieglein, Spieglein an der Wand. 
 Wer ist das ich, wer das du in diesem Land? 
 Unterbelichtet ist die junge Liebe. 
 Und vor uns liegt die Chemie 
 des Glücks, käferkribbelnde Hände, 
 Segelflattern in der Stimme, 
 Meergrummeln im Bauch. 
 Nur der Spiegel, er zerbricht nicht. 
 Wir sehen uns ähnlich. 
 - Monika Zobel -

Vorhang auf …

Spieglein, Spieglein an der Wand.

Wer ist das ich, wer das du in
diesem Land?

Unterbelichtet ist die junge Liebe.

Und vor uns liegt die Chemie

des Glücks, käferkribbelnde Hände,

Segelflattern in der Stimme,

Meergrummeln im Bauch.

Nur der Spiegel, er zerbricht nicht.

Wir sehen uns ähnlich.

- Monika Zobel -

Foto: privat

Über einen gemeinsamen Freund lernten sich die beiden Frauen in Bremen kennen – und trafen sich zum ersten Mal auf dem Flohmarkt auf der Bürgerweide. Claudia Grabowski, 38, lebt und arbeitet seit 2007 in Bremen. Fotografie ist ihre Leidenschaft. Und Wörter auch. In ihrem Rucksack hat sie immer ein Notizblock dabei, damit sie gefundene Wörter für später aufbewahren kann.

Monika Zobel liebt das Schreiben. Die gebürtige Bremerhavenerin hat Literaturwissenschaften und Kreatives Schreiben in Seattle und San Diego studiert. Die 37-Jährige arbeitet als Übersetzerin und Autorin. Lyrik hat es ihr angetan. 2013 gewann sie den Buchpreis der auf zeitgenössische Lyrik spezialisierten Slope Editions. Ihr deutschsprachiges Debüt „Das Innenfutter der Wörter“ erschien 2015 im Grazer-Verlag Edition Keiper. Mit Lyrik, sagt sie, könne sie mit Sprache experimentieren und die Facetten ihrer Sprache voll ausnutzen. „Die Sprache wird zur Kunst.“

Das Gefühl gehört ausgestopft. 
 Und ausgestellt. 
 Weil so selten. 
 Zweihandbreit Augenblicksglück. 
 Darauf Eierlikörtorte für alle. 
 - Claudia Grabowski -

Das Gefühl gehört ausgestopft.

Und ausgestellt.

Weil so selten.

Zweihandbreit Augenblicksglück.

Darauf Eierlikörtorte für alle.

- Claudia Grabowski -

Foto: privat

Claudia Grabowski ist eine begeisterte Flohmarktgängerin. „Ich habe eine Schwäche für Altes, Vergängliches, Zurückgelassenes“, sagt sie. Schon bevor sie Monika Zobel kennenlernte, hat sie alte Fotos gesammelt. „Ich durchwühle gern Kisten und Koffer, die Fotografien müssen mich ansprechen, etwas in mir auslösen.“ So wie das Bild der beiden Erwachsenen, die einander eine Nase zeigen. Das Foto stammt aus dem Jahr 1967. Der Mann im Anzug, die Frau im adretten Kleid. Es ist kein spontanes Bild, erläutert Claudia Grabowski. „Früher musste jedes Bild entwickelt werden, da hat man eher drei- bis viermal überlegt, was man fotografieren möchte.“ Für dieses Bild hat sie eines ihrer Lieblingswörter herausgeholt: Eierlikörtorte.

Die Freundinnen erfinden die Geschichten hinter den Fotos neu. Manchmal steht etwas auf der Rückseite, eine Jahreszahl etwa oder eine handschriftliche Notiz. „Daraus lassen wir uns inspirieren. Nebenbei erfahren wir viel über die Geschichte und gehen auf Zeitreise“, sagt Claudia Grabowski. Auf anderen Fotografien gibt es keinerlei Hinweise. Dann erschließen sich die Schreiberinnen anhand von Mode, Accessoires und Möbeln, aus welcher Zeit das Motiv stammt. Manchmal sei sofort eine Idee da. Manche Dinge müssten erst einmal reifen.

Seit 2016 sind viele Textfragmente, Mikrotexte und Gedichte entstanden. So viele, dass die Geschichtenerzählerinnen auf der Suche nach einem Verlag sind, der ihre Werke herausbringen könnte. Seit einigen Monaten pflegen die zwei Bremerinnen auch einen öffentlichen Instagramaccount mit Namen „Verinnerung“. „Wir möchten unsere Entdeckungen mit anderen teilen“, sagen die Freundinnen, daher der Instagramaccount, den sie regelmäßig mit alten Fotografien und neuen Texten bestücken. Vorstellen können sie sich auch, Lesungen zu halten, bei denen sie die Schwarz-Weiß-Fotografien an die Wand werfen und dazu die Texte erzählen.

Monika Zobel und Claudia Grabowski teilen ihre Schätze auch außerhalb der Flohmarktsaison mit anderen: So sind sie im Austausch mit einer Sammlerin aus den USA und dem Fotografen Jochen Raiß aus Hamburg. Der hat sich ebenfalls auf alte Aufnahmen spezialisiert. Diese zeigen ausschließlich Menschen in Eisbärkostümen.

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