Deutscher Film „Wir brauchen uns nicht zu verstecken“

Bernd Neumann, Präsident der Filmförderungsanstalt, einstiger Kulturstaatsminister und Ehrenvorsitzender der CDU Bremen, erklärt im Interview den Erfolg deutscher Komödien.
02.11.2018, 21:21
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Wir brauchen uns nicht zu verstecken“
Von Silke Hellwig

Herr Neumann, ihre Filmhitliste für September/Oktober hat die Filmförderungsanstalt (FFA) noch nicht veröffentlicht. Entsprechend kann „Klassentreffen 1.0“, der neue Film von Til Schweiger, dort noch nicht erscheinen. Aber kaum lief er an, nahm er hierzulande nach Besucherzahlen den ersten Platz ein. Bis heute hat er sich unter den zehn meistgesehenen Filmen gehalten. Wie erklären Sie sich das?

Bernd Neumann: Til Schweiger ist seit Jahren einer der erfolgreichsten deutschen Filmemacher und hat eine sehr große Fangemeinde. Dass einer seiner Filme mal nicht auf Platz eins der Charts landet, ist eher die Ausnahme als die Regel. Bei fast 600 Erstaufführungen im Kino pro Jahr ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Filme nur eine oder zwei Wochen an der Spitze halten. In den allermeisten Fällen gehen die Besucher in einen Film, wenn er gerade im Kino gestartet ist. Vor allem die jungen Kinobesucher wollen bei neuen Filmen mitreden können.

Kommerziell erfolgreiche deutsche Filme sind offenbar beinahe durchweg Komödien – der Schuh des Manitu, Fack ju Göhte 1 bis 3. Woran liegt das?

Es ist zutreffend, dass die erfolgreichsten deutschen Filme häufig Komödien sind. Das unterscheidet uns übrigens nicht von anderen Ländern. Die Menschen wollen sich im Kino lieber unterhalten lassen und gemeinsam Spaß haben, als sich mit schwierigen Stoffen zu beschäftigen.

Auch solche Kassenknüller werden von der FFA gefördert. Warum?

Die Höhe der jeweiligen Filmabgabe der Verwerter – wie Kinobetreiber – ist abhängig von den Besucherzahlen im Kino und den Verkaufszahlen der Videowirtschaft. Je mehr erfolgreiche Filme die FFA also unterstützt, desto mehr Geld steht für die Förderung von neuen Filmen zur Verfügung. Während der Bund in erster Linie für die Kulturförderung zuständig ist, unterstützt die FFA die Produzenten unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, also die Filme, die erfolgreich im Kino sind. Das erklärt, warum die FFA auch Fortsetzungen von erfolgreichen Filmen fördert.

Lesen Sie auch

Im Jahr 2016 wertete die Filmförderungsanstalt die kommerziell erfolgreichsten Filme der vergangenen 15 Jahre aus. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich in den Top 75 deutscher Kinoproduktionen 41 Komödien fanden, aber beispielsweise nur zwei Dokumentarfilme. Wie kann die FFA dagegen steuern? Will sie es überhaupt?

Der Dokumentarfilm ist ein ganz wichtiges Genre, weil er informiert, aufklärt und schwierige Sachverhalte verständlich aufbereiten kann. Er hat es aber schwerer, weil dieses Genre für das Kino bis auf wenige Ausnahmen nicht optimal geeignet ist. Um eine große Kinoleinwand zu füllen, muss ein Film nicht nur aussagekräftig sein, sondern mit dramaturgischer Spannung den Besucher fesseln. Außerdem fehlen die Stars, die bei einem Spielfilm die Menschen ins Kino ziehen. Hier sehe ich aber auch eine besondere Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Dokumentarfilme gehören zur Grundversorgung. Natürlich fördern wir bei der FFA auch den Dokumentarfilm, wenn das Thema wirtschaftlichen Erfolg im Kino erwarten lässt. Im letzten Jahr haben wir 13 Prozent der Fördermittel in unserer Projektförderung für Dokumentarfilme bewilligt. Grundsätzlich sehe ich hier jedoch zunächst einmal die kulturelle Filmförderung des Bundes in der Pflicht.

Selbst Thriller sind nach dieser Auswertung unterrepräsentiert – gibt es dafür Erklärungen?

Es gibt sehr wohl hervorragende Thriller, die in Deutschland gemacht wurden und im Kino ausgesprochen erfolgreich waren. Als Beispiel nenne ich eine so spannende Erzählung wie den Film „Who Am I – kein System ist sicher“ und den im letzten Jahr mit dem Golden Globe ausgezeichneten Film von Fatih Akin „Aus dem Nichts“. Andererseits muss man natürlich auch sehen, dass der Krimi oder ein Thriller seit Langem eher zu einer Domäne des Fernsehens geworden ist. Nicht umsonst verzeichnet der „Tatort“ seit Jahrzehnten ein Millionenpublikum. Es ist schon eine besondere Herausforderung, ein solches Format auf die Kinoleinwand zu übertragen, wie es Til Schweiger mit „Tschiller: Off Duty“ zuletzt vor zwei Jahren versucht hat.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich ernstere deutsche Stoffe überwiegend auf reale Ereignisse in der eigenen Geschichte beziehen. So etwas wie einen deutschen James Bond gibt es dagegen nicht. Liegt es am Budget oder können die Deutschen so etwas einfach nicht, ganz platt gesagt?

Der deutsche Film ist von großer Vielschichtigkeit und Facettenreichtum; er umfasst alle Genres, die die Faszination des Kinofilms insgesamt ausmachen. Die durchschnittlichen Produktionskosten eines deutschen Films liegen bei knapp über fünf Millionen Euro; Produktionen vom Kaliber eines James Bonds haben dagegen ein Budget von weit über 150 Millionen Dollar, weil die großen amerikanischen Filmstudios ganz andere Möglichkeiten haben als europäische und auch deutsche Produzenten.

Lesen Sie auch

Gelegentlich konnte man lesen, dass es hierzulande eher an guten Drehbüchern mangelt, nicht etwa an Produktionsstätten, Regisseuren und Schauspielern – wie beurteilen Sie das?

Wir brauchen uns mit unserer Filmwirtschaft vor niemandem zu verstecken. In Deutschland gibt es eine gesunde Produzentenlandschaft, wir haben in allen Bereichen eine Vielzahl von hervorragenden Kreativen und ausgezeichnete filmwirtschaftliche Betriebe bis hin zu weltweit anerkannten Spezialisten für die Herstellung von Animationsfilmen. Aber es ist nun einmal so: Ohne ein gutes Drehbuch kann kein guter Film entstehen. Aus genau diesem Grund haben wir Anfang letzten Jahres die Drehbuchförderung und -entwicklung enorm gestärkt – sowohl materiell als auch mit der Betreuung eines einmal geförderten Drehbuchs durch erfahrene Autorinnen und Autoren. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir davon schon bald spür- und sichtbare Veränderungen bei Filmen erwarten dürfen, die demnächst in die Kinos kommen werden.

Wie hat sich der deutsche Film in den vergangenen Jahren generell entwickelt?

Es gab Zeiten, da lag der Marktanteil deutscher Filme in unseren Kinos im einstelligen Bereich und kaum jemand nahm Notiz von ihm. Heute ist der deutsche Film mit einem Marktanteil von bis zu 27 Prozent zu einer starken und zuverlässigen Konstante im deutschen Kinomarkt geworden, besitzt ein hohes Ansehen im In- und Ausland und ist auf den wichtigsten internationalen Festivals vertreten. Diese positive Entwicklung über die Jahre ist enorm wichtig, weil wir dadurch einerseits unsere Filmwirtschaft stärken und es darüber hinaus schaffen, nicht von Hollywoodfilmen erdrückt zu werden, die eine ganz andere Kultur vertreten. Ich glaube, dass wir unsere Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft haben und halte einen Marktanteil von 30 Prozent für durchaus realistisch.

Streaming-Anbieter und Serienproduzenten wie Netflix oder Sky machen dem Kino allerdings Konkurrenz. Namhafte Schauspieler scheuen sich inzwischen nicht mehr, dort Rollen zu übernehmen. Vom Regisseur Wim Wenders stammt etwa die Feststellung: „TV-Serien sind das neue Erzählkino.“ Teilen Sie diese Einschätzung?

Man kann schon sagen, dass die Kinos – und damit unsere gesamte Filmlandschaft – durch das zusätzliche Angebot im Online-Bereich vor besondere Herausforderungen gestellt werden. Die Möglichkeit, zu Hause auch die neuesten Filme anzusehen, wie sie die Streaming-Plattformen anbieten, nimmt den Kinos Besucher weg und könnte die seit Jahrzehnten gewachsene und bewährte Verwertungskette zerstören. Andererseits entstehen durch die Digitalisierung zweifellos auch neue Chancen für die Filmwirtschaft. Man muss jedoch sehen, dass sich Serienformate in erster Linie auf das Fernsehen konzentrieren und dass das Fernsehen niemals die besondere Ästhetik einer großen Leinwand und das Gemeinschaftserlebnis in einem Kino ersetzen kann.

Vor wenigen Tagen wurde ein 100-Millionen-Euro-Programm zur Digitalisierung und Sicherung des Filmerbes verabschiedet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Viele historische Filme aus weit über 100 Jahren deutscher Filmgeschichte, die analog hergestellt wurden, sind akut vom Zerfall bedroht. Hier muss etwas getan werden. Deshalb haben sich die FFA, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Länder zusammengetan. Diese Partner stellen zusammen für einen Zeitraum von zunächst zehn Jahren jährlich bis zu zehn Millionen Euro für die Restaurierung und Digitalisierung von Kinofilmen zur Verfügung. Der Film ist Abbild der Geschichte eines Landes und Spiegelbild der Gesellschaft – und somit das Gewissen der Kultur. So wie wir Burgen und Schlösser erhalten, ist es unerlässlich, dass wir auch unser nationales Filmerbe für nachfolgende Generationen konservieren.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Bernd Neumann ist seit 2014 Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA). Zuvor – von 2005 bis 2013 – war er Kulturstaatsminister. Er ist Ehrenvorsitzender der CDU Bremen und saß für die Christdemokraten von 1987 bis 2013 im Bundestag.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+