Frank Schmidt, Direktor der Museen Böttcherstraße, über das erfolgreiche Jahr 2016 und Pläne für 2017 „Wir entdecken gerne jemanden neu“

Herr Schmidt, Sie sind seit dem 1. Februar Direktor der Museen Böttcherstraße, also seit fast einem Jahr.
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„Wir entdecken gerne jemanden neu“
Von Iris Hetscher

Herr Schmidt, Sie sind seit dem 1. Februar Direktor der Museen Böttcherstraße, also seit fast einem Jahr. Was war das persönliche Highlight 2016 für Sie?

Frank Schmidt: Ein Highlight war sicher die Paula-Modersohn-Becker-Retrospektive in Paris, auch wenn das nicht direkt mit dem Museum zu tun hat. Bei uns hat mir unser erster Sommergast Laura Eckert viel Spaß gemacht.

Warum?

Ich kannte Ihr Werk vorher schon und bin ganz glücklich, wie gut das hier zum Haus gepasst hat. So etwas weiß man ja nicht im Vorfeld, wenn man etwas plant.

Mit Ihren beiden großen Ausstellungen dieses Jahres, Per Kirkeby und „Nolde/Modersohn“ haben Sie wieder mehr Besucher in die Museen Böttcherstraße gelockt. Nach den Flautejahren 2013, 2014 und 2015 können Sie jetzt eine Steigerung der Zahlen um 60 Prozent um 14 000 auf mehr als 37 000 Besucher vermelden. Wie kommt das?

Die Kirkeby-Ausstellung hat unsere Erwartungen einfach übertroffen, da sind mehr als 14 000 Besucher gekommen, mit ungefähr 10 000 hatten wir gerechnet. Das hat uns schon überrascht...

...warum?

Es ist schwieriger, zeitgenössische Kunst zu vermitteln, vor allem, wenn sie, wie bei Kirkeby, auch noch ungegenständlich ist, jedenfalls auf den ersten Blick. Aber das Thema hatte mit Bremen zu tun, wir haben das an dem Verkehrsturm an der Domsheide festgemacht, der von Kirkeby gestaltet wurde und den wir mit der Lichtinstallation „switch“ gemeinsam mit der BSAG und Urbanscreen in den Mittelpunkt gerückt haben. Das hat die Leute offenbar neugierig auf die Ausstellung gemacht.

Gerade ist der Spielfilm „Paula“ in den Kinos angelaufen. Das ist indirekt auch Werbung für Ihr Haus, oder?

Die mediale Aufmerksamkeit ist dadurch schon gesteigert worden. Unser Museum wird im Zusammenhang mit dem Film häufiger genannt als das erste, das weltweit einer Malerin gewidmet worden ist. Paula Modersohn-Becker ist gerade stark im Fokus, da wirkt die Ausstellung in Paris nach und auch noch die im vergangenen Jahr im Lousiana-Museum; der Film kommt jetzt hinzu. Ich hatte eine Begegnung mit einer Besucherin aus Frankreich, die die Ausstellung in Paris gesehen hat, Paula Modersohn-Becker vorher aber gar nicht kannte. Sie war dann so begeistert, dass sie mit ihrem Mann für ein Wochenende nach Bremen und Worpswede gereist ist, um sich die Orte anzusehen, an denen Paula Modersohn-Becker gelebt hat. Es gibt auch nach wie vor ein starkes Interesse anderer Ausstellungsmacher, auch im Ausland.

Das heißt, Ihre Bilder gehen demnächst verstärkt auf Reisen?

Es gibt aktuell ein Projekt: Das Bucerius-Kunstforum macht im kommenden Jahr eine Ausstellung über die Modernität bei Paula Modersohn-Becker.

Wird dieser Aspekt nicht sowieso bei jeder Ausstellung über Paula Modersohn-Becker verhandelt?

Das ist häufig so, das stimmt. Aber da soll noch mal ein anderer Blick auf das Werk geworfen werden. Daran sind wir mit Leihgaben beteiligt; wir müssen aber natürlich auch darauf achten, die Hauptwerke hier zu zeigen.

Wie schwierig ist es eigentlich für Sie, immer wieder neue Ansätze zu finden, um Paula Modersohn-Becker in Bremen zu präsentieren? Ist da nicht schon alles erzählt und gezeigt?

Für mich ist das noch relativ neu, und da sieht man schneller noch nicht gewürdigte Ansätze wie die Verbindung zu Nolde. Es gibt schon noch einiges, wenn man das Ganze weiter fasst, beispielsweise die Verbindung zu zeitgenössischen Künstlern.

Auch die erste Ausstellung im nächsten Jahr ist einer Frau gewidmet, die etwas mit Paula Modersohn-Becker zu tun hatte. Sie zeigen das Werk Annelise Kretschmers. Warum haben Sie sich für diese Fotografin entschieden?

Wir entdecken gerne mal jemanden neu, das war schon bei Oda Krohg so, und diese Ausstellung ist gut angenommen worden. Annelise Kretschmer, die in den 1920er-Jahren begann zu fotografieren, ist in Vergessenheit geraten, aber sie passt gut zu uns. Sie hatte Kontakte nach Worpswede, ihre Eltern besaßen sogar Bilder von Paula Modersohn-Becker. Die Ausstellung ist vom Kollwitz-Museum in Köln konzipiert worden, und wir zeigen sie gerne. Das ist sicher auch ein Wagnis; so viele Besucher wie die Nolde-Schau werden wir da nicht haben, aber auch das Wiederentdecken von Künstlern sehe ich als unsere Aufgabe. Zudem es nicht so viele Fotografie-Ausstellungen in Bremen zu sehen gibt.

Was macht Annelise Kretschmer so spannend für Sie?

Sie hat überwiegend Menschen fotografiert, eröffnete in den 1920er-Jahren als eine der ersten Frauen ein Porträtatelier in Dortmund. Das macht sie auch als Person ungeheuer interessant.

Mit Annelise Kretschmer steigen Sie ein, wie geht es dann weiter?

Danach werfen wir einen Blick auf die Sammlungsgeschichte. Wir sind ja das Haus der Sammlung von Ludwig Roselius, aber wir zeigen ab dem 21. Mai die Werke eines anderen frühen Sammlers, des Barons August von der Heydt aus Elberfeld. Er hat sehr früh gekauft, 30 Arbeiten bereits 1913, das Beste vom Besten sozusagen. Vermittelt hat das Bernhard Hoetger. 17 der ehemals 30 Werke gibt es noch, die zeigen wir. Parallel dazu geht es weiter mit dem zweiten Sommergast.

Wer ist das?

Das ist Slawomir Elsner, ein in Berlin lebender polnischer Zeichner und Maler. Wir präsentieren neue Arbeiten, in denen er Bilder alter Meister mit Farbstiften adaptiert und zu Erinnerungsbildern umwandelt. Dieser Künstler ist auch im Kontext des Roselius-Hauses zu sehen: Er wird einige der Werke, auch von Lucas Cranach, interpretieren. Die Ausstellung wird daher „Cranach²“ heißen. Wir hoffen, dass dadurch auch wieder mehr Besucher ins Ludwig-Roselius-Museum kommen, das für mich ein absolutes Schmuckstück ist. Den Effekt hatten wir bei Laura Eckert auch.

Die große Ausstellung für nächstes Jahr steht wieder im Herbst an, sie wird sich mit dem Schlaf befassen. Das klingt sehr umfassend – wie grenzen Sie das als Ausstellungsthema ein?

Die Anregung dazu habe ich von Bildern Paula Modersohn-Beckers bekommen, die ihren schlafenden Ehemann Otto gemalt hat, dann gibt es die liegende Mutter mit Kind, und weitere Bilder, die schlafende Kinder zeigen. Das war die Ausgangslage – mich hat dann interessiert, wie andere Künstler sich dem Thema genähert haben. Da gibt es sehr viel, aber eine Ausstellung mit Bildern über den Schlaf gab es zumindest in Deutschland noch nicht...

...im Grunde genommen ist das ein schier unerschöpfliches Thema.

Deswegen werden wir uns zeitlich beschränken. Wir starten in der Zeit Paula Modersohn-Beckers und gehen dann bis in die Gegenwart, und zwar in verschiedenen Medien. Darin steckt viel Potenzial für Kooperationen mit anderen Einrichtungen, wir sind da aber noch in der Planungsphase.

Zu Beginn des Gesprächs habe ich Sie gefragt, welches für Sie der Höhepunkt des Jahres 2016 war. Was ist Ihnen im vergangenen Jahr denn negativ aufgefallen, was muss noch verbessert werden?

Wenn man von außen kommt wie ich, dann ist man zunächst einmal fasziniert von dieser reichen Museums- und Kulturlandschaft in Bremen. Ich halte das für einen wichtigen Faktor für die Stadt, auch touristisch. Das wird nicht immer ausreichend berücksichtigt, finde ich. Was unser Museum angeht, müssen wir weiter daran arbeiten, dass unser Eingangsbereich besser sichtbar ist. Das ist allerdings keine einfache Aufgabe, weil viele Faktoren berücksichtigt werden müssen, beispielsweise der Denkmalschutz. Aber wir arbeiten daran.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Zur Person

Frank Schmidt hat das Direktorat der Museen Böttcherstraße am 1. Februar 2016 übernommen. Der Kunsthistoriker (45) war zuvor wissenschaftlicher Direktor der Kunsthalle Emden.
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