70 Jahre Kriegsende in Bremen „Wir strömten wie die Kellerasseln ins Freie“

Bremen, das schon in den ersten Kriegsjahren mit den Fesselballons seltsam fremd wirkte, war nun noch mehr getarnt. Überall gab es Netze, die die Oberflächen veränderten.
26.04.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Renate Felter-Ubbelohde

Bremen, das schon in den ersten Kriegsjahren mit den Fesselballons (zeppelinartige Gebilde, die am Boden vertäut waren und die feindlichen Bomber verwirren sollten) seltsam fremd wirkte, war nun noch mehr getarnt. Überall gab es Netze, zum Beispiel über dem Bahnhof bis zum Hollersee, die die Oberflächen veränderten. Die folgende Zeit gab es Nacht für Nacht Alarm. Wir zogen uns gar nicht mehr aus und verbrachten die meisten Nächte im Bunker. In den letzten Wochen zog man mit Bollerwagen zu den Läden, da die Nazis die Nahrungsmittellager öffneten, und holte sich Vorräte.

In der letzten Woche blieb man im Bunker, der restlos überfüllt war. Mein Großvater hatte die Aufgabe zu entscheiden, wen er noch einlassen durfte. Die Treppen waren voller Menschen, die Kinder konnten oben auf den Betten liegen. Einige Leute faselten noch immer von dem Endsieg, der Tod des amerikanischen Präsidenten Roosevelt war für sie ein hoffnungsvolles Zeichen. Meine Oma rannte manchmal in unser schräg gegenüberliegendes Haus und kochte auf unserem selbst gebauten Backsteinofen.

Eine Bombe traf ein nahegelegenes Haus, und wir merkten an dem entsetzlichen Gewackel des Bunkers, das dieser bei einem direkten Treffer wohl keinen Schutz geboten hätte. Sonst gab es nur Granatfeuer, denn die Nazis hatten sich an der Parkallee verschanzt und wollten die Stadt nicht freigeben. So zerstörte eine Granate am vorletzten Tag des Kampfes einen großen Teil unseres Hauses und machte es zu einer Ruine, in der wir aber noch schlecht und recht über zehn Jahre wohnen mussten.

Irgendwann mal war der Krieg für uns zu Ende. Es war ein heißer Frühlingstag, und wir strömten wie die Kellerasseln geblendet ins Freie. Alle fünf Meter stand ein Soldat, Kanadier, wie ich später erfuhr, mit griffbereitem Maschinengewehr. Es war auch für mich ein ernster Moment. Das Gefühl „Du bist besiegt“ war verbunden mit dem Gefühl einer unendlichen Erleichterung: Frieden.

Mein Haupteindruck war: Stille, Stille, Stille. Es war keine Todesstille, sondern eine verheißungsvolle Stille, wie ein Morgen eines neuen glücklicheren Lebens. Diese Ruhe kann ich nie vergessen. Wir gingen in unsere Ruine und fanden das Haus voller Bekannten, die sich dahin geflüchtet hatten. In der Nacht waren sämtliche Betten und Sofas mit völlig erschöpften Menschen belegt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+