Karneval auf der Ziellinie Witzigkeit kennt kein Pardon

Mit den Rosenmontagszügen hebt das Finale der sogenannten fünften Jahreszeit an. Dass am Aschermittwoch alles vorbei ist, hat gute soziale und kulturhistorische Gründe.
02.03.2019, 11:34
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Witzigkeit kennt kein Pardon
Von Hendrik Werner

An diesem Montag trägt sich in den Karnevalshochburgen Mainz und Köln viel Frohsinn zu. Nebst Spaß, Jux und Dollerei. Wie alle Jahre wieder. In der fünften Jahreszeit, die im November aus gutem Grund mit einer Schnapszahl anhebt, werden hierzulande Käfige voller Narren geöffnet, die am Aschermittwoch hoffentlich wieder verriegelt sind. Einmal mehr wird sich an diesem Montag, der im Namen der Rose steht, zwischen Bier, Bütt und Bashing zeigen, dass Witzigkeit kein Pardon kennt. Rheinischer Mummenschanz lebt vom Ritual – und, wie alle Volksfeste, vom Wunsch des Einzelnen, sich ulkend mit der Masse gemein zu machen.

Das Fest trägt sich auf einer Schwelle zu, die je nach Lesart und Ausprägung zwischen Winter und Frühjahr, Fasten und Schlemmen, Askese und Orgie, Oben und Unten, Innen und Außen, Gesetz und Tabubruch angesiedelt ist. Das Wesen des Karnevals ist der Wandel, sein äußerlicher Ausdruck die Maske. Karneval stülpt Werte und Normen um; das ihn begleitende Lachen richtet sich auf und gegen das Höchste, das rituell erniedrigt wird, bevor am Aschermittwoch wieder die Alltagsordnung mit alten Autoritäten und vertrauten Instanzen einsetzt.

Es war die Wiederentdeckung zweier spektakulärer Studien, die in den 80er-Jahren das Interesse an dem Transfer- und Travestie-Phänomen neu beflügelte. Darunter „Literatur und Karneval“, ein Essay des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin (1895-1975). Der hatte den Karneval in den 20er-Jahren als Umsturz-Utopie gegen das stalinistische Regime ausgelegt: als Gegenfest zur offiziellen Ernstkultur, in der für politisch Andersdenkende kein Platz war. Zudem wurde eine Untersuchung von Florens Christian Rang (1864-1924) neu aufgelegt: In „Historische Psychologie des Karnevals“ (1909) zeigt der Theologe, dass Karneval auf antiken Festen wie den Dionysien gründet, in denen sich Individuen, berauscht von der sie umgebenden Masse, verwandeln und erneuern. In Mainz, Köln und Konsorten dürfte es dieser Tage – immerhin! – vielfach zum Rausch kommen.

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