Radio-Bremen-Tatort „Stille Wasser“ heute Abend in der ARD

Wo das Leben gefristet wird

Bremen. Heute Abend zeigt die ARD den Radio-Bremen-Tatort „Stille Wasser“: Ein dichtes Kammerspiel, das weniger von der Geschichte denn von seiner Atmosphäre profitiert. Der Film spielt fast komplett in einem Hochhaussilo. Eine Vorab-Kritik von Iris Hetscher.
09.02.2011, 10:29
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Wo das Leben gefristet wird
Von Iris Hetscher
Wo das Leben gefristet wird

In ihrer Undercover-Rolle kann Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel, links) der alkoholsüchtigen Rebecka Gressman

Radio Bremen

Bremen. Am Sonntag zeigt die ARD den Radio-Bremen-Tatort „Stille Wasser“: Ein dichtes Kammerspiel, das weniger von der Geschichte denn von seiner Atmosphäre profitiert. Der Film spielt fast komplett in einem Hochhaussilo. Eine Vorab-Kritik von Iris Hetscher.

Am Anfang wähnt man sich in einem dieser Werbespots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Junge Menschen planschen ausgelassen in einem Pool, die Farben sind psychedelisch, es kreisen Flaschen von Hand zu Hand, Musik gibt’s auch. Dann krampft eines der Bikini-Girls und sinkt tot auf den Grund des Beckens.

„Bad Eyes“ sagt der Gerichtsmediziner: Eine neue Designerdroge hat ein weiteres Opfer in der Bremer Szene gefordert. Doch ehe der Zuschauer vor dem Fernsehgerät abgeklärt nicken kann und sich auf einen weiteren Tatort über die Drogenmafia und leicht verführbare Mittelschichtskinder einstellt, hat sich die Szenerie schon wieder geändert. Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und ihr Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) stehen in einer Wohnung in den Neubaublöcken der Grohner Düne, auf dem Boden liegt ein Ehepaar in seinem Blut.

Der Radio-Bremen-Tatort „Stille Wasser“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) startet rasant und temporeich, mit schnellen Schnitten. Lürsen und Stedefreund werfen sich Dialogfetzen zu, während sie atemlos nach dem verschwundenen Kind von Frank und Yvonne Berthold suchen. Als Inga die neunjährige Nadine (Sina Monpetain) entdeckt, wechselt das Tempo und Regisseur und Drehbuchautor Thorsten Näter inszeniert seinen Krimi fortan als Kammerspiel.

Dabei ist es nicht die mäßig originelle Geschichte, mit der Näter punktet. Das große Plus von „Stille Wasser“ ist die Atmosphäre: düster, eiskalt und freudlos ist das Miteinander im Hochhaussilo, man beäugt sich misstrauisch. Die Kamera tastet sich durch unwirtliche Flure und zwängt sich in Küchen, in denen die Wodkaflasche stets griffbereit auf der Anrichte steht. Hier wird Leben gefristet, mehr nicht.

Die neunjährige Nadine hat den Mörder ihrer Eltern beobachtet, ist also eine Bedrohung für den Mörder. Das Kind ist aber so schwer traumatisiert, dass es mit niemandem mehr spricht. Lürsen zieht in die Mord-Wohnung ein, gibt sich als Stieftante aus – komplett mit Fluppe im Mundwinkel, Leoparden-T-Shirt und rosa Haargummi - und versucht so, den Täter erneut anzulocken. Dabei deckt sie immer mehr Details um Drogenschiebereien im Freihafen (ja, genau: „Bad Eyes“) und gescheiterte Beziehungen auf.

„Stille Wasser“ kann sich dabei auf seine hochkarätige Besetzung verlassen. Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes und Dagmar Manzel interpretieren eine jeweils eigene Variante von Verzweiflung, Sina Monpetain ist als Nadine fast schon so verstörend wie eines dieser Kinder des subtilen Hollywood-Horrors.

Da macht es nichts, dass Näter für die Auflösung der Geschichte einen Lösungspfad beschreitet, der so breitgelatscht ist wie ein Wanderweg im Schwarzwald. Fesselnd ist dieser Tatort trotzdem.

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