Villa Sponte präsentiert Werke von Jo Fischer und Mirsad Herenda in der Ausstellung „Land in Sicht“

Wohin der Wind uns weht

Bremen. „Land in Sicht“ – das ist nicht nur der Titel eines Liedes von Rio Reiser, sondern auch der Name der neuen Ausstellung der Villa Sponte am Osterdeich. Dass beide sich diesen Titel teilen, ist alles andere als Zufall.
14.01.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wohin der Wind uns weht
Von Alexandra Knief
Wohin der Wind uns weht

Die Skulpturen von Mirsad Herenda und die Fotografien von Jo Fischer passen wunderbar zusammen, obwohl sie unabhängig voneinander entstanden sind.

Christina Kuhaupt

Bremen. „Land in Sicht“ – das ist nicht nur der Titel eines Liedes von Rio Reiser, sondern auch der Name der neuen Ausstellung der Villa Sponte am Osterdeich. Dass beide sich diesen Titel teilen, ist alles andere als Zufall. Hier passt einfach alles zusammen. Fast wirkt es, als hätten die Künstler Jo Fischer und Mirsad Herenda, deren Werke die Villa Sponte zeigt, Reisers Musik gehört, als sie ihre Kunst schufen. Genauso scheint es, als hätten der Berliner Fotograf und der in Bremen lebende Bildhauer eng zusammengearbeitet. Die drei haben sich nie kennengelernt. Dennoch sprechen Reiser, Fischer und Herenda die selbe Sprache.

Es ist eine eher düstere Sprache mit Werken, die Geschichten erzählen. Im Fall von Mirsad Herenda größtenteils seine eigenen Geschichten. Sie erzählen von Heimat, von Krieg und Zerstörung, von Entwurzelung genauso wie von Verlust. Von schrecklichen Dingen, die der in Bosnien geborene Bildhauer selbst erfahren hat. „Der Künstler hat viele Schattenseiten im Leben erlebt. Nur so kann man Arbeiten von solch einer Intensität erschaffen“, sagt Ilona Tessmer, die gemeinsam mit ihren Kolleginnen Ida Büssing und Karin Mauelshagen vom Verein Villa Sponte Zeitkultur die Ausstellung konzipiert hat.

Acht Zeichnungen sowie 20 Skulpturen Herendas sind in der Ausstellung zu sehen. Es sind größtenteils Bäume, die Herenda erschafft. Die morschen Stämme und feinen kahlen Äste der Skulpturen wirken auf den ersten Blick, als seien sie aus echtem Holz, auf dem Naturgewalten bereits Spuren hinterlassen haben. Sie sind jedoch aus Eisen gefertigt, Äste, Stämme und Wurzeln sind in Feinstarbeit zusammengeschweißt. Ein Großteil der Bäume sieht aus, als sei er einem Sturm ausgesetzt. Festgehaltener Wind quasi, obwohl man diesen gar nicht einfangen kann. Fast hat man als Betrachter selbst das Gefühl, die Brise zu spüren, die die Bäume aus ihrem starren Gleichgewicht bringt. Gleichzeitig strahlen die Werke aber auch eine unerklärliche Ruhe aus. Gerade dieser Widerspruch ist es, der die Faszination an Herendas Skulpturen ausmacht.

Der Mensch im Mittelpunkt

Ihnen gegenüber stehen die beeindruckenden, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotografien des Berliner Fotografen Jo Fischer. 2016 lebte Fischer vorübergehend in der Nähe von Bremen und suchte im Umland nach neuen Fotomotiven. Fündig geworden ist er in Syke, insgesamt 40 Bilder entstanden hier. 20 davon stellt die Villa Sponte nun aus. Wo die Bilder aufgenommen wurden, ist bei Fischers Fotografien zweitrangig. Es sind die Menschen, die bei seinen Arbeiten im Mittelpunkt stehen.

Zwar sind auch Landschaftsaufnahmen – Bäume auf nebeligen Feldern, ein verlassener Parkplatz oder tristes Buschwerk – zu finden, es sind aber insbesondere die Porträts, die den Betrachter mit ihrer Melancholie in ihren Bann ziehen. Die Menschen auf den Bildern wollen ihrem Betrachter eine Geschichte erzählen, sehen ihn aus ihrem Rahmen heraus direkt an. Was für Geschichten es sind, wissen wohl nur die Fotomodelle selbst, ihr Gegenüber bleibt mit unglaublichem Interpretationsspielraum zurück.

Viele offene Fragen

Da wären zum Beispiel zwei Porträts älterer Damen, ungeschönt, Jo Fischer hat an jede einzelne Spur, die das Leben auf ihren Gesichtern hinterlassen hat, herangezoomt. Oder aber zwei Bilder von Händen, deren Falten und tiefe Linien neugierig darauf machen, was diese Hände geleistet, geschaffen, berührt haben. Eine andere Fotografie zeigt ein junges Mädchen, das mit einem riesigen Teddy in der rechten Hand auf einer verlassenen Wiese steht. Auch sie blickt den Betrachter, die Kapuze ihrer Jeansjacke über den Kopf gezogen, direkt an. Fast fordernd, mit dem Ansatz eines vorsichtigen, gleichzeitig unsicheren wie verschmitzten Lächelns. Der Bär hingegen blickt zu Boden. Lässt Arme und Beine hängen, schlaff und leblos.

Nur einen Rahmen weiter trifft der Ausstellungsbesucher auf einen bärtigen Mann, der mit karierter Holzfäller-Jacke und Basecap vor einem in die Jahre gekommenen Wohnwagenanhänger steht. Links vorne im Bild steht ein großer Benzinkanister, in der Hand hält der Mann einen Brief. Was steht in dem Brief? Lebt der Mann in diesem Wohnwagen? Eine schiefhängende, vergilbte Gardine verbietet weitere Einblicke ins Innere des Gefährts. Auch hier lässt Fischer den Betrachter neugierig und mit vielen unbeantworteten Fragen zurück.

Was bleibt, ist am Ende eine Mischung aus nachdenklicher Melancholie und beruhigender Hoffnung. Denn trotz ihrer Düsterheit, trotz einer gewissen Traurigkeit, die in vielen Werken mitschwingt, sagen die Bilder vor allem eines: Irgendwo ist immer Land in Sicht.

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