Neu in Bremer Kinos

Wohnungslose Frauen als Film-Heldinnen

„Der Glanz der Unsichtbaren“ erzählt von wohnungslosen Frauen und ihren Betreuerinnen. In Frankreich war die liebenswerte Komödie ein großer Überraschungserfolg - nun läuft sie im Cinema Ostertor.
04.10.2019, 15:29
Lesedauer: 3 Min
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Wohnungslose Frauen als Film-Heldinnen
Von Alexandra Knief
Wohnungslose Frauen als Film-Heldinnen

Packen es gemeinsam an: Die Sozialarbeiterinnen und wohnungslosen Frauen des L'Envol-Tageszentrums im französischen Film "Der Glanz der Unsichtbaren".

Piffl Medien

Bremen. Ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt wird auf dem Lebenslauf mit nur ein paar Klicks zur „Rehabilitation“, der Gefängnisaufenthalt lieber mal schnell unter den Teppich gekehrt. Die Sozialarbeiterinnen des L'Envol, einem Tageszentrum für wohnungslose Frauen, geben alles, um ihren Schützlingen bei der Reintegration zu helfen. Doch all das reicht nicht. Das Zentrum soll geschlossen werden, die Stadtverwaltung findet es nicht effektiv genug. Die Frauen sollen in einer anderen Einrichtung Hilfe in Anspruch nehmen, in der sie auch übernachten können. Aber keine von ihnen will dahin. Um ein bisschen nachzuhelfen, lässt die Stadt das Zeltcamp der Frauen räumen.

Doch die Sozialarbeiterinnen des L‘Envol lassen die wohnungslosen Frauen nicht einfach so im Regen stehen und erlauben ihnen heimlich, in den Räumen zu schlafen, die eigentlich nur am Tag Schutz bieten sollen. Und das ist noch nicht alles: Als Sozialarbeiterin Audrey (Audrey Lamy) mitbekommt, wie die wohnungslose Chantal im L'Envol ganz nebenbei alle kaputten Waschmaschinen repariert (und diesen Einsatz nur mit einem trockenen „Es war die Dichtung“ kommentiert), kommt ihr eine Idee. Warum nicht auf die individuellen Talente der Frauen setzen und sie voneinander lernen lassen? Es entsteht ein Rehabilitationsansatz, fernab aller bürokratischen Pfade.

Zwischen Realität und Fiktion

Louis-Julien Petits Spielfilm „Der Glanz der Unsichtbaren“ beruht auf dem Buch „Sur la route des invisibles“ von Claire Lajeunie und einer darauf basierenden Filmdokumentation aus dem Jahr 2015. Die beeindruckte Petit derart, dass er einen Film daraus machen wollte. Das Ergebnis: eine Komödie mit ernsten Momenten, die die Geschichten der Frauen aus dem Buch weitererzählt und durch neue Figuren ergänzt.

Der Film bewegt sich dabei geschickt zwischen Realität und Fiktion. Zum Cast gehören neben professionellen Schauspielerinnen auch Frauen, die tatsächlich Erfahrungen mit dem Leben auf der Straße gesammelt haben. Außerdem war Petit selbst ein Jahr lang in Unterkünften für Wohnungslose unterwegs, hat mit ihnen und den Sozialarbeitern vor Ort gesprochen. Alleine das verleiht dem Film eine unglaubliche Authentizität. In der Geschichte sind die Figuren gleichberechtigt, es spielt keine Rolle, wer Schauspiel gelernt hat und wer nicht, es spielt keine Rolle, ob eine Frau Sozialarbeiterin oder Hilfesuchende ist.

„Der Glanz der Unsichtbaren“ erzählt vom täglichen Kampf, den das Leben auf der Straße mit sich bringt. Der Film würdigt aber nicht nur die wohnungslosen Frauen, sondern verdeutlicht auch die aufopferungsvolle, nicht immer leichte Arbeit der Sozialarbeiterinnen, die in diesem Film stellvertretend für so viele engagierte Helferinnen stehen, die versuchen, den Gefallenen wieder auf die Beine zu helfen.

Er erzählt von Rückschlägen, Momenten, in denen die Helferinnen und Helfer am liebsten alles hinschmeißen würden und von Momenten, die neue Hoffnung geben. Petit gelingt es, jeder einzelnen Frau im Film eine ganz besondere Tiefe zu geben. Der Zuschauer leidet mit den Figuren auf beiden Seiten, hofft mit ihnen, solidarisiert sich. Ein beeindruckender Erfolg für einen Film, der ein Thema behandelt, vor dem viele Menschen im Alltag am liebsten die Augen verschließen. Besonders beeindruckt die technikbegabte Chantal, gespielt von Adolpha van Meerhaeghe, die sich trotz wiederholter Aufforderungen ihrer Betreuerinnen, ruhig auch mal Dinge zu verschweigen, jedes potenzielle Jobangebot durch ihre Ehrlichkeit kaputt macht. „Hab ich alles im Gefängnis gelernt“, sagt sie ohne Umschweife vor einer Familie, deren Elektrogeräte sie reparieren soll. „Ich habe meinen Mann umgebracht.“

In Frankreich zog der Film mehr als eine Million Menschen in die Kinos und wurde zum Überraschungserfolg. „Der Glanz der Unsichtbaren“ hat es auf jeden Fall verdient, dass es in Deutschland genauso läuft.

Weitere Informationen

Am Sonntag, 6. Oktober, ist der Film um 17.30 Uhr als Preview im Cinema Ostertor zu sehen. Ab Donnerstag, 10. Oktober, läuft der Film dann im regulären Programm des Kinos. Weitere Infos unter www.cinema-ostertor.de.

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