Bap-Frontmann im Interview Wolfgang Niedecken: "Ich werde mich nie verbiegen"

Wolfgang Niedecken, Frontman der Band Bap, spricht über Selbstzweifel, Planungssicherheit und Gestaltungswillen. Am Sonnabend, 6. Oktober, spielen Bap ab 20 Uhr in Bremen im Pier 2.
04.10.2018, 19:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Nach Ihrem Schlaganfall im Jahr 2011 hieß es, Sie wollten etwas kürzer treten. Aus dem Plan ist nicht viel geworden, oder?

Wolfgang Niedecken: Ehrlich gesagt ist es so, dass mich die künstlerischen Aufgaben nicht wirklich stressen. Ich nehme den anderen Stress auf mich, damit ich das machen darf. Es wäre nicht mein Ding zu sagen, ich mache mal zwei Jahre nichts oder gehe nur noch alle fünf Jahre auf Tournee. Ich spiele ja gerne drei Stunden plus. Auf der Bühne zu stehen, ist für mich nicht anstrengend, sondern das ist das, auf das ich hinlebe. Was mich eher stresst, ist das Organisieren drum herum, Promotion machen zu müssen und vor allem wirtschaftlich denken zu müssen. Manchmal denke ich kurz vor dem Auftritt: Gott sei Dank, gleich kannst du auf die Bühne und hast deine Ruhe.

Dieses Thema findet sich schon in ganz frühen Bap-Songs, etwa in „Koot vüür Aach“ oder „Hundertmohl“.

Ja, es gibt diese selbstzweiflerischen Stücke, die auch in ganz verschiedenen Phasen geschrieben wurden. Diese beiden Stücke stammen ja aus der Anfangszeit unseres überregionalen Durchbruchs. Damals hatte ich größte moralische Schwierigkeiten damit, mich Abend für Abend reproduzieren zu sollen. Mittlerweile kenne ich diese Situation und kann anders damit umgehen. Wenn ich das Gefühl habe, mich nur noch zu wiederholen, dann stelle ich das Programm um und baue Stücke ein, die auch mich wieder neu fordern. Natürlich kann man auch den ganzen Abend nur die größten Hits spielen, die man selber zwar kaum noch aushält, aber das Publikum freut sich einen Ast ab. Aber man will sich doch auch erneuern und nicht selbst verachten. Zum Glück haben wir das wunderbare Privileg eines riesigen Repertoires – ich muss mich auf der Bühne also gar nicht langweilen. Das Kunststück ist es, alle zufrieden nach Hause zu schicken, uns inklusive.

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Dazu trägt aktuell auch die Ergänzung der Band um einen Bläsersatz bei.

Die Bläser sind die eigentliche Sensation dieser Tour. Die kommen auf die Bühne und sind nach den ersten drei Stücken schon die Stars. Die spielen sich blitzartig in die Herzen der Zuschauer – so was habe ich so noch nie erlebt.

Bedeutet das, Sie finden neue Freiräume innerhalb der Konstellation?

Mit so vielen Leuten waren wir außer bei unserer China-Tour noch nie auf der Bühne, wir sind jetzt zu neunt. Wir hatten die Band zum „Sonx“-Album mal eingedampft auf fünf Personen. Dann kamen Anne de Wolff und Rhani Krija hinzu und jetzt eben die drei Bläser. Damit hatte ja keiner gerechnet, das war ein absoluter Glücksgriff.

Das heißt, Sie sind jetzt auch gar nicht auf der Tour zum sogenannten Familienalbum „Reinrassije Strooßekööter“?

Nein, das ist schon wieder ein Schritt weiter. Ich hoffe, dass das irgendwann mal verstanden wird: Es ist egal, was ich ansonsten „außerbandlich“ treibe. Alles hat seinen Einfluss auf Bap und bleibt im Fluss, das ist mein Ziel. Alle meine Soloplatten haben einen positiven Einfluss auf die Band gehabt. Ohne das „Zosamme alt“-Album hätte es nie die Unplugged-Tour gegeben. Aber innerhalb einer festen Band bekommt man diese dynamischen Entwicklungen gar nicht hin, nicht zuletzt, weil man gar nicht mehr so eng zusammen steckt. Ich bin mittlerweile der Einzige, der noch in Köln wohnt. Der Rest lebt Gott weiß wo, in Hamburg, Berlin, Salzburg … Man trifft sich für eine Platte oder eine Tour, aber die Ideen, wie es danach weitergehen könnte, bündeln sich alle bei mir. Letztlich entscheide ich dann auch, wo es langgeht, und hoffe, dass die anderen Lust haben, mitzu­machen.

Manifestiert sich das auch im Namen? Seit einigen Jahren heißt die Band ja wieder „Niedeckens Bap“.

Meinen Namen habe ich nur vorangestellt, damit ich Planungssicherheit habe. Ich kann nicht davon ausgehen, dass immer alle Zeit haben, wenn ich los will, denn die haben ja alle auch noch andere Verpflichtungen. Natürlich werfe ich frühzeitig den Hut in den Ring. Auf jeden Fall wollen die Leute etwas Ordentliches geboten bekommen und deshalb muss man als Profimusiker gucken, wie man das auf die Reihe bekommt.

Dennoch ist das schwer zu vermitteln.

Ich gebe mir alle Mühe! Ich achte auf meine Privatsphäre, bin auch sehr geduldig, aber ich werde mich nie verbiegen.

Haben Sie während dieser großen Tour mit der Band auch schon wieder andere Projekte, Solo-Konzerte oder Ähnliches im Hinterkopf?

Im Hinterkopf habe ich so etwas immer. Ich muss mich nur selber diesbezüglich ein bisschen bremsen, denn wenn ich immer noch weitere Sachen anleiere, werde ich kaum dazu kommen, neue Songs zu schreiben. Billy Joel hat seit 25 Jahren keine Songs mehr geschrieben. Er sagt, ihm falle nichts mehr ein. Das glaube ich ihm aber nicht. Ich denke eher, dass ihn das Publikum, das immer nur die gleichen Songs hören will, frustriert. Der Antrieb, Neues schreiben zu wollen, kann nur von innen kommen. Wirkliche Künstler haben einen Gestaltungswillen. Das ist bei mir so, aber ich muss mich dann auch zurückziehen und es einfach mal fließen lassen. Dieser Zustand rückt jetzt wieder näher.

Das Motto dieser Tour heißt „Live und deutlich“, was politisch verstanden werden kann. Ein Gegensatz zum „Familienalbum“?

Das stimmt, aber als Gegensatz habe ich das gar nicht gesehen. Das Familienalbum ist vielleicht eher leise und deutlich. Aber wir leben momentan in Zeiten, in denen die Werte abhandenkommen. Ich stelle mich zwar nicht auf die Bühne und doziere über Lösungen, aber ich verliere so langsam das Urvertrauen in die Demokratie. Es ist ja egal, wie man das nennt – Nächstenliebe, Mitgefühl oder Solidarität. Aber wenn das nicht mehr gegeben ist, geht unsere ganze Zivilisation den Bach runter. Was ein Künstler tun kann, ist ja nur, den Leuten auf Augenhöhe zu begegnen, Denkanstöße zu geben und sie vor dem Verhärten zu bewahren – gerade als Musiker kann man Leute an ihre Gefühle erinnern und an Dinge, die ihnen mal wichtig waren.

Das Gespräch führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Wolfgang Niedecken (67)

studierte Malerei und gründete 1976 die Band Bap in seiner Heimatstadt Köln. Elf der bislang 23 Alben kamen auf Platz eins der Charts. Der Sänger und Gitarrist, der für sein gesellschaftliches Engagement bereits 1998 das Bundesverdienstkreuz erhielt, veröffentlichte zudem verschiedene Soloplatten, ist jetzt aber wieder mit seiner Band auf Tour. Am Sonnabend, 6. Oktober, spielen Bap ab 20 Uhr im Pier 2.

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