Konzerte in der Glocke Würdiges Finale des Bremer Musikfests

Das Beste zum Schluss: Mit einer Aufführung der Oper "The Indian Queen" erlebte das Musikfest Bremen ein würdiges Finale. Dirigent und Musiker wurden für ihre Leistung vom Publikum minutenlang gefeiert.
12.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Würdiges Finale des Bremer Musikfests
Von Iris Hetscher

Das Beste zum Schluss: Mit einer Aufführung der Oper "The Indian Queen" erlebte das Musikfest Bremen ein würdiges Finale. Dirigent und Musiker wurden für ihre Leistung vom Publikum minutenlang gefeiert.

Es muss nicht immer ein Fragment sein. Wie man ein Stück Opernliteratur inhaltlich wie musikalisch in die Gegenwart holt, demonstrierte am Ende der Saison 2014/2015 eindrucksvoll das Theater Bremen mit einer frechen wie inspirierenden Version von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ – gegeben als Versuch über die Liebe und wie sie in unterschiedlichen Kulturen verstanden wird.

Auch die erste Schauspielpremiere am Goetheplatz an diesem Donnerstag, „Danton‘s Tod“ des Duos Gintersdorfer/Klaßen, will ausdrücklich nicht nur Büchners Text auf die Bühne stellen, sondern ihn verknüpfen mit der Geschichte der französischen Kolonie Haiti. In Spartengrenzen wird dabei schon lange nicht mehr gedacht.

Das ist auch der Fall bei „The Indian Queen“, der nur in Bruchstücken existierenden Oper des englischen Barockkomponisten Henry Purcell, der 1695 mit nur 36 Jahren starb. Der Opernregisseur Peter Sellars, auch er noch nie ein Freund von Beschränkungen jeglicher Art, und der Dirigent Teodor Currentzis, dessen musikalischen Ansatz dem inszenatorischen von Sellars sehr ähnlich ist, haben dieses Fragment zu einem Stück komplettiert, dessen konzertante Version am Sonnabend ein mehr als würdiger Abschluss des diesjährigen Musikfests Bremen war.

Oper schlägt Bogen in die Gegenwart

Musikalisch sind Sellars/Currentzis in der historischen Zeit geblieben und haben „The Indian Queen“ Kirchenlieder und Stücke aus anderen Opern Purcells hinzugefügt, die den Inhalt nicht nur spiegeln, sondern durch den neuen Kontext, in dem sie auftauchen, auch mitunter bitterböse kommentieren.

Inhaltlich hat Sellars einen Bogen in die Gegenwart geschlagen, was der doch sehr dürftigen Geschichte guttut: Als die Spanier in Mexiko einfallen, wird die Häuptlingstochter Teculihuatzin einem der Eroberer, Don Pedro de Alvarado, als „Geschenk“ zugeführt. Sie soll ausspionieren, was die Fremden vorhaben. Doch Teculihuatzin verliebt sich in Don Pedro und entscheidet sich gegen den Verrat an ihm, damit aber auch gegen ihr Volk, wie sie schmerzlich erkennen muss. Als Don Pedro sie verlässt, um eine Spanierin zu heiraten, zerbricht sie an der Zerrissenheit zwischen ihrer Liebe zu ihm und der Verwurzelung in ihrer Kultur.

Texte aus einem Roman der nicaraguanischen Autorin Rosario Aguilar, der die Eroberungsgeschichte aus weiblicher Sicht beschreibt, verschieben den Fokus der Originalgeschichte von den Männern zu den Frauen und lenken ihn zugleich auf die Massaker an der indigenen Bevölkerung. 2013 feierte diese neue „Indian Queen“ Premiere in Madrid und Perm, in einer atemberaubenden Inszenierung, die stark von einem ungemein farbstarken und abstrakten Bühnenbild, Tanzeinlagen und dem eindringlichen körperlichen wie mimischen Agieren des Ensembles lebte. Die Collage war zum Gesamtkunstwerk geworden, das die Themen Völkermord, Rassismus und kulturelle Identität abhandelte.

Konzertante Version in der Glocke

Die konzertante Version in der Glocke konnte dies naturgemäß nicht bieten, sie war inszenatorisch in erster Linie eine Lightversion – das Bühnenbild wurde durch unterschiedlich farbiges Licht ersetzt. Statt fantasievoller, semi-folkloristischer Kostüme war das Sängerensemble wie das Orchester fast komplett in Schwarz gewandet, sparsame Gesten wurden aus der Inszenierung übernommen.

Wie immer bei solchen Konzepten ruht die Hauptlast auf der Musik, was bei einer Dauer von drei Stunden durchaus ein Wagnis ist. Das es gelang, lag an der Sogkraft, die das Zusammenspiel von Orchester, Chor und Solisten ausübte. Currentzis ließ von Beginn an keinen Zweifel an der Melancholie, der dunklen Vorahnung, die diesen Abend prägen sollte.

Mit einem Grummeln im Schlagwerk beginnt er, der Anfang bietet alles in Kurzversion, was folgt: sich ins Bedrohliche steigernde Crescendo-Passagen, stark rhythmisiert gespielte Tänze, majestätisches Auftrumpfen, schon bald gefolgt von einer der schönsten Arien des Werks: „O Solitude“ von Dona Isabel, die Johanna Winkel mit ihrem würzigen, starken Sopran überragend singt. Purcells damals neuer Ansatz, sich mit Rhythmus und musikalischer Form nach den Textinhalten zu richten und wichtige Wörter durch Dissonanzen zu betonen, greift Currentzis mit Finesse auf und spitzt dies zu. Der Musicaeterna-Chor singt mit messerscharfer Präzision, da wird nie geschwelgt, sondern mit schmerzlich gedehnter Dringlichkeit gefleht.

Die Luft von Musik sanft erfüllt

Das Orchester greift die Stimmung dieser wunderbar einfachen Melodien auf, steckt dynamisch einen sehr weiten Rahmen ab, betont die Kontraste in den Tempi, agiert auch mal lautmalerisch-experimentell und entfaltet vor allem in den Tutti immer wieder diesen famosen runden Gesamtklang, der schon am Donnerstag beim Rameau-Programm zu genießen war.

Die Sopranistin Paula Murphy als Teculihuatzin meisterte die an Ausschmückungen reiche Partie mit Bravour, nichts anderes kann man über Jarrett Ott (Don Pedro), Thomas Cooley (Don Pedrarias Dávila), Willard White (Mayapriester) und Christophe Dumaux (Ixbalanqué) sagen. Einzig Countertenor Ray Chenez als Hunahpú klang stellenweise in den Höhen leicht schrill.

„Die Luft von Musik sanft erfüllt“ heißt eins der Chorlieder. Sanft geht es selten zu in der Geschichte um die „Indian Queen“, und doch waren nicht nur die Luft, sondern auch die Gedanken zum Schluss erfüllt von diesen profunden Klängen, denn nach der Pause steigerten Teodor Currentzis und sein Team sich in einen musikalischen Zustand, der dem der Transzendenz nahe kam. Wie es sich für das letzte Konzert des Musikfests gehört, jubelte das Publikum in der Glocke stehend und minutenlang.

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