Da steckt Musik drin

Zeitung in der Schule: In Utbremen den Projektauftakt gefeiert

Da soll einer sagen, in der Zeitung stecke keine Musik drin. Spätestens seit der Zisch-Auftaktfeier in der Europaschule Schulzentrum S II Utbremen gibt es daran keinen Zweifel mehr.
12.01.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Zeitung in der Schule: In Utbremen den Projektauftakt gefeiert
Von Catrin Frerichs
Zeitung in der Schule: In Utbremen den Projektauftakt gefeiert

Rapper Izan macht morgens um 11 Uhr Stimmung in der Schulaula.

Frank Thomas Koch

Da steckt Musik drin

Da soll einer sagen, in der Zeitung stecke keine Musik drin. Spätestens seit der Zisch-Auftaktfeier in der Europaschule Schulzentrum S II Utbremen gibt es daran keinen Zweifel mehr. Zum Beginn der neuen Runde des Projekts „Zeitung in der Schule“ (Zisch) haben junge Erwachsene des Fachs Projektmanagement am Montag ein großes Fest veranstaltet. Sie präsentierten in der Schulaula ein kurzweiliges und sehr musikalisches Programm vor vollem Haus. Der Star des Vormittags war der Rapper und ehemalige Schüler Umut Hatay, alias IzaN, der die Gäste mit Songs aus seiner neuen DC „Komm mit“ beschallte. Die Musiker der Lehrerband schlugen mit Piano, Bass und Trommelkiste ganz andere Töne an. Sarah Felsmann (Gesang) und Jeremy Rögner (Klavier) spielten das ruhige Grönemeyer-Stück „Halt mich“.

„Heute ist ein Tag zum Feiern“, sagte eingangs der 22-jährige Moderator Marcel Wenigerkind, der mit viel Witz durch die Feier führte. „Vor allem auch, weil heute keine Schule ist.“ Einige Zisch-Klassen hatten den Unterricht in die Utbremer Aula verlegt – aus den Oberschulen am Barkhof, an der Hermannsburg und der Ronzelenstraße, dem Gymnasium Horn, der Wilhelm-Olbers-Schule und der Oberschule an der Egge. „So voll war es in unserer Aula noch nie“, betonte Schulleiter Tobias Weigelt zur Begrüßung.

Sogar eine vierte Klasse der Grundschule am Pürschweg aus Lüssum war gekommen. „Das ist das erste Mal, dass eine Grundschule bei uns zu Besuch ist“, sagte Weigelt. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – die vielen unterschiedlichen Schulformen von der Grundschule bis hin zu berufsbildenden Schulen zeigten, dass das Zisch-Projekt für alle geeignet sei.

Für 130 Schulklassen gehört nun drei Monate lang das allmorgendliche Zeitunglesen dazu. Dabei werden die jungen Zischler lernen, mit dem Medium Tageszeitung umzugehen, wie die Zeitung aufgebaut ist und Berichte von Kommentaren zu unterscheiden. Sie werden die Themen aus der Zeitung herauspicken, die sie am meisten interessieren, und ganz nebenbei ihre Allgemeinbildung schulen. „Für mich gehört nach dem Aufstehen die Tageszeitung dazu, es ist ein Ritual“, verriet Nicola Schroth vom Bildungsressort. Sie selbst fange den Morgen am liebsten mit dem Sportteil an.

Die Schüler werden sich auch kritisch mit den Inhalten auseinandersetzen. Nachrichten kritisch zu lesen – die medienkritische Rezeption, wie es heißt – ist eine Eigenschaft, die für alle Medien gleichermaßen nützlich ist. „Im Internet wird viel verbreitet“, sagte Stefan Dammann, beim WESER-KURIER zuständig für die redaktionellen Projekte. Darunter sei viel Spannendes zu finden, aber es gebe dort auch viele ungeprüfte Nachrichten. „Journalisten sammeln Informationen, überprüfen, sichten und ordnen sie, und schließlich geben sie eine Einschätzung ab.“

Das Schreiben eigener Zeitungsberichte gehört ebenfalls zum Zisch-Projekt. Die Beiträge der Schüler werden nach den Osterferien einmal wöchentlich in Zisch-Journalen veröffentlicht. Einer, der es nicht lassen kann, ist Marco Fahjen. Der Lehrer am Schulzentrum S II Utbremen unterrichtet das Fach Projektmanagement. Seit acht Jahren ist er bei Zisch dabei, wie er verriet.

Angst vor schwierigen Themen hat er nicht. In dieser Runde wolle er sich mit den Schülern den Flüchtlingen in Bremen widmen. Im vergangenen Jahr haben sich seine Schülerinnen und Schüler mit dem Thema „Prostitution“ beschäftigt. Zuvor hatte sich Fahjen mit der Arbeit der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspender-Datei, auseinandergesetzt. Zwei seiner ehemaligen Schüler, Umut Hatay „IzaN“ und Kolja Hirsch, haben seinerzeit einen Rap für die DKMS getextet und komponiert, der auszugsweise bei der Zisch-Feier auf einer Leinwand gezeigt wurde. Jetzt studieren beide Rapper auf Lehramt.

Weniger musikalisch, aber nicht minder unterhaltsam ging es mit einem Lehrerquiz, dem Format „Wer wird Millionär“ nachempfunden, weiter. Zehn Fragen zu Zisch – ohne Joker – mussten drei der Gäste beantworteten. Wann ist der erste WESER-KURIER erschienen? Richtig, am 19. September 1945. Da zum Ende Punktgleichstand herrschte, musste eine Entscheidungsfrage her. Was kostet der WESER-KURIER wochentags am Kiosk? Genau, 1,40 Euro.

Gewinnerin Kirsten Gebeyehu, Lehrerin an der Wilhelm-Olbers-Schule, bekam als Hauptgewinn eine Ehreneintrittskarte für den Sonntagsfrühschoppen der Bremer Sixdays. Welches Thema sie mit ihrer Klasse für Zisch bearbeite? „Wir behandeln das Glück.“ Passt.

Wie viel Kreativität in den jungen Erwachsenen steckt, zeigten auch Cansu Arsian und Silja Schumacher. Sie lasen selbst verfasste Texte vor, die sie und weitere Mitschüler in einem Buch über Bremen veröffentlichen wollen (siehe auch den nebenstehenden Artikel).

Zum Schluss hatten vier Kinder von der Grundschule am Pürschweg ihren Auftritt. Sie lasen eine Geschichte vor: Ein Junge war beim Schlittschuhlaufen auf der Bremer Semkenfahrt eingebrochen, ein Mann kam ihm zu Hilfe. Passend dazu sagten die Kinder dann auswendig das Gedicht „Vom Büblein auf dem Eis“ von Friedrich Güll auf. „Ihr wart für mich die Helden des heutigen Tages“, lobte Moderator Marcel Wenigerkind.

Dialog im Kühlschrank

Dieser Poetry-Slam-Text stammt von Silja Schumacher, Schülerin an der Europaschule Schulzentrum S II Utbremen.

Ich mache den Kühlschrank auf, Dunkelheit. Dafür aber wildes Geschrei. „Was ist hier los?“, will ich wissen. Sofort kehrt Stille ein, ich schalte das Licht in der Küche an. Die Lebensmittel nehmen blitzschnell ihre gewohnte Position ein. Die Kiwi pfeift vor sich hin, als wäre nichts gewesen. Doch einen gibt es immer, der schwach wird „Oh nein, unser Geheimnis ist gelüftet“, ruft der Joghurt. „Und mir ist schlecht“, ruft der verschimmelte und entsprechend schlecht gelaunte Frischkäse in den Raum. Wenn ich mich die ganze Zeit rechts im Kreis drehen würde, wäre mir auch schlecht. „Machs doch andersrum, ist eh gesünder.“

Ich mache mich auch bemerkbar „Wie? Häääää?“ Dann kann der Joghurt nicht mehr an sich halten: „Jeder hat hier seine Aufgabe, und plötzlich ist nichts wie es war. Weil die Eier so faul sind, ist die Milch sauer und die Leberwurst beleidigt. Sogar der Käse ist stinkig, und die Melone wird pampig.“ Ich verstehe gar nichts mehr und frage: „Und äh, hier lebt ihr also?“

„Na klaro, wir sind doch Lebensmittel du Idiot!“, pampt mich der Quark an. „Nein, ich meine Leben, also so richtig mit Sozialgefüge und so was?“ „Von wegen sozial“, schreit die Aubergine. „Asoziales Pack und Rassistenschweine, die hassen mich nur, weil ich schwarz bin. Dabei bin ich gar nicht richtig schwarz, ich bin aubergine! Ich musste schon mit den Migranten, also mit der Ananas, den Litschies und Kiwis, eine Gang bilden, um nicht dauernd Druckstellen von denen verpasst zu bekommen.“

„Und ich werde gemobbt, weil ich angeblich zu fett bin“, sagt die Sahne.

„Alles hat damit begonnen…“, erzählt das Pesto aus der hinteren Ecke, „dass Ketchup und Senf miteinander flirteten. Es war widerlich und hat sich ungefähr so angehört: ,Ach Heinz, du bist so schön groß, und dich kann man so gut drücken.’ Der Ketchup errötete. ,Und dich Tomy, dich finde ich scharf, zwar nur so mittel, aber ich mag dich trotzdem.’ Das ging sogar so weit, dass die Zwiebel, die sich auch auf dem Weg zum Heinz machte, zu weinen begann. Aber irgendwann reichte es ihm nicht mehr aus, die Kühlschrankweiber klarzumachen, denn sogar die Karotte machte ihm schöne Augen. Nein, er wollte der Chef im Kühlschrank sein und beleidigte auch noch die JA! Grillsoße, weil sie keine Markenklamotten trägt. ,Revolution’, rief die Hefe und ging in diesem Gedankengang voll und ganz auf. Doch dafür waren alle zu feige. Der Pudding bekam allein beim Gedanken an einen Aufstand weiche Knie, und die Tube Mayonnaise verdrückte sich sogar.

Die Stimmung kocht. So schlimm ging es hier nicht mehr zu seit der großen Kühlschrankkrise 2011, als dem Kühlschrank der Saft ausging. Das ließ niemanden kalt.

Beschimpfungen fliegen durch den Kühlraum, besonders die Bionade und das Forellenfilet geben sich eins auf die Birne, nachdem die Bionade zu dem Filet sagte: „Ey, du hast doch kein Rückgrat.“ – „Pass auf, was du sagst, sonst kannst du die Radieschen und das Gemüse gleich in fünf Minuten anschauen.“ Der pazifistische Sekt mischt sich auch noch ein. Er hat zwar keinen Mumm in den Knochen, findet diese Streiterei aber nicht prickelnd. Um die beiden abzukühlen, macht er das Gefrierfach auf und ruft „Eisberg voraus“. Da hat er den Salat, die Stimmung wird noch eisiger.

Und auch die Paprika, die unglücklich in einem falschen Körper geboren war, weil sie eigentlich das Fleisch der Vegetarier ist, beklagt: „Der Parmesan starrt mir immer in den Ausschnitt.“ Der rechtfertigt sich aber damit, dass sich die Wurst mit „Du darfst“ vorgestellt hatte.

Die Krise sorgt im ganzen Kühlschrank für angespannte Stimmung. Als der kleine Sohn der Kiwis seine Eltern fragt, ob er nach unten zum Träubchen gehen dürfe und mit ihm spielen, sagt der Vater „Nein, mit Essen spielt man nicht.“ Die kleine Kiwi, die noch grün hinter den Ohren ist, muss eben in den sauren Apfel beißen.

Ja, es war eine schlimme Zeit, bis der Kühlschrank wieder lief. Morgen gehe ich einkaufen.

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