Im Reich der Untoten

Zombie-Apokalypse an einer Gröpelinger Schule

Im neuen Stück der Jungen Akteure des Theaters Bremen wird eine Gröpelinger Schule zum Schauplatz der Zombie-Apokalypse. Der Besucher ist dabei nicht bloß Beobachter, sondern Teil der Geschichte.
23.06.2019, 20:27
Lesedauer: 3 Min
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Zombie-Apokalypse an einer Gröpelinger Schule
Von Katharina Frohne
Zombie-Apokalypse an einer Gröpelinger Schule

Zombies schlurfen nur röchelnd durch die Gegend? Von wegen. Auch sie lieben Smartphones und Computer. Und vor allem: Selfies.

Jörg Landsberg

Der Weltuntergang beginnt in der Ernst-Waldau-Straße 1a. Hier, in der Neuen Oberschule Gröpelingen, hat sich eine Meute hirnhungriger Zombies verschanzt. Kontrolliert wird sie von einer Einheit Überlebender, den Agenten der sogenannten Umbrella Company. Wer das Gelände passieren will, wird von ihnen begleitet. Zur Sicherheit. Denn die Untoten seien zwar meistens ganz zahm, würden aber manchmal, nun ja, sehr plötzlich hungrig. „Die letzten sechs Gruppen“, sagt eine der Agentinnen, „haben es leider nicht geschafft“.

Sie kommen! Wer "Zombie" besucht, wird durch die Untoten besetzte Neue Oberschule Gröpelingen gelotst. Das Ensemble besteht aus 20 Schülerinnen und Schülern.

Sie kommen! Wer "Zombie" besucht, wird durch die Untoten besetzte Neue Oberschule Gröpelingen gelotst. Das Ensemble besteht aus 20 Schülerinnen und Schülern.

Foto: Jörg Landsberg

Mit diesen Worten beginnt „Zombie“, die neue Produktion der Jungen Akteure des Theaters Bremen, die am Sonnabend Premiere feierte. Und sie wären wohl gelassener hinzunehmen, wäre das Ganze ein Stück wie jedes andere; würde alles, was passiert, auf einer Bühne passieren, in sicherer Distanz. Doch hier, auf dem Schulhof, gibt es keine Bühne, keine Zuschauerränge, nur Tischtennisplatten, Bänke, vollgesprayte Wände. Die Besucher sind selbst mittendrin, sind Teil der Geschichte. Und, potenziell: des Gemetzels.

Entsprechend unruhig ist die Stimmung, als sich die erste Truppe Todesmutiger vor dem Eingang einfindet. Nervöse Blicke nach links und rechts, sind sie schon irgendwo? War das ein Röcheln? Oder hat da nur wer gehustet?

Nein, gibt Nathalie Forstman, künstlerische Leiterin der Jungen Akteure, Entwarnung. Los gehe es erst drinnen, im Schulgebäude. Forstman lacht. Und sagt dann sehr ernst: „Passt gut auf euch auf.“ Also rein, wenn auch minimal widerwillig. Auf einem dunklen Flur erfährt der Besucher, was, um Himmels willen, überhaupt passiert ist. Aus Radiolautsprechern knarzt die Stimme eines Nachrichtensprechers: Es sei der 8. Oktober 1998 und die Welt stehe kopf. Ein gefährlicher Virus gehe um, Betroffene seien ins Oslebshauser Diako-Krankenhaus eingeliefert worden, Genaueres sei nicht bekannt. Symptome der geheimnisvollen Infektion: Unwohlsein, Schwindel, Dauerhunger.

Was machen Zombies, wenn sie unter sich sind?

21 Jahre später ist nichts, wie es war. Die Zombies haben sich ausgebreitet, haben längst eine Parallelgesellschaft gebildet. Untote und Überlebende bekriegen einander, Zäune trennen Menschen- und Zombie-Gebiete.

An dieser Stelle setzt die Handlung ein. Die Besucher werden von den drei Agenten der Umbrella Company in Empfang genommen. Bevor es weitergeht, zählen die auf, was im Ernstfall zu tun ist. Weniger besorgt scheint eine vierte Begleiterin zu sein: Frau Professor Doktor Neumann, Zombieforscherin. Sie betrachtet die Untoten weniger als Bedrohung denn als Untersuchungsgegenstand. Den Gang durchs Schulgebäude sieht sie deshalb als Chance, diese „unglaublich faszinierenden“ Wesen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. „So nah dran“, verkündet sie vorfreudig, „ist man selten.“

Was machen Zombies, wenn sie unter sich sind? Denken die irgendwas, außer „Ich will dein Hirn essen!“? Und warum eigentlich darf der Mensch Zombies töten, aber nicht umgekehrt? Das Stück wolle „dem Mythos Zombie nachgehen“, hatten die Theatermacher auf dem Flyer angekündigt. Und tatsächlich drängen sich im Laufe des zweistündigen Spaziergangs – über den an dieser Stelle nicht mehr verraten werden soll – Fragen auf, die sich die wenigsten bisher gestellt haben dürften.

Fragen, die, natürlich, grundsätzlicher Natur sind, die längst nicht nur das Zusammenleben von Mensch und Zombie betreffen. Fragen danach, wie es einer Gesellschaft gelingen kann, Konflikte beizulegen. Und wie wichtig es ist, trotz tief sitzender Vorurteile fair miteinander umzugehen.

20 Schüler sind Teil des Ensembles

Drei Monate haben die Jungen Akteure gemeinsam mit Gesine Hohmann, Kristoffer Gudmundsson und Stephan Stock vom Künstlerkollektiv „Vorschlaghammer“ und 20 Schülerinnen und Schülerin der Neuen Oberschule Gröpelingen an der Produktion gearbeitet. Der Bühnenbildner Stefan Gottwill und der Sounddesigner Sebastian Kunnas haben Klassenzimmer und Chemielabore in den atmosphärischen Schauplatz einer Zombie-Apokalypse verwandelt.

Ihr Einsatz hat sich gelohnt. Herausgekommen ist ein Stück, dem man den Spaß aller Beteiligten anmerkt – und das gekonnt die Balance hält zwischen Grusel und humoristischer Überspitzung, Ernst und Spaß. Einziger Wermutstropfen ist die nicht immer ideale Akustik. Manches Mal möchte man die jungen Darsteller auffordern, ruhig etwas lauter zu sprechen. Denn ja, sprechen können die Zombies, einige zumindest – dank eines eigens entwickelten Sprachserums. „Faszinierend!“, würde Professor Doktor Neumann sagen. Recht hat sie.

Ob es für Menschen und Zombies ein Happy End gibt? Das sollte jeder Besucher selbst herausfinden. Nur so viel: Am Ausgang des Stücks wird er nicht ganz unbeteiligt sein.

Weitere Informationen

„Zombie“, Neue Oberschule Gröpelingen. Weitere Termine: 25., 26., 29. und 30. Juni, jeweils um 19 Uhr.

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