Familienfest am Jadebusen

Zu Besuch auf dem Watt en Schlick 2019 in Dangast

Näher an den Elementen als hier, an der Wasserkante des Weltnaturerbes Nordsee, dürfte man bei kaum einem anderen norddeutschen Musikfestival sein. Die sechste Auflage fing schon mal gut an.
03.08.2019, 16:42
Lesedauer: 4 Min
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Zu Besuch auf dem Watt en Schlick 2019 in Dangast
Von Hendrik Werner
Zu Besuch auf dem Watt en Schlick 2019 in Dangast

An der Wasserkante: Besonders stimmungsvoll geraten in Dangast in den Abendstunden die Konzerte auf der Hauptbühne.

Ulf Duda

Als die Dunkelheit im Nationalpark Wattenmeer das Regiment übernimmt, erheben sich plötzlich und also unerwartet drei rosafarbene, herzförmige Luftballons in den mit dezenten Wolken getupften Himmel über dem Jadebusen. Gerade so, als sei auf der Schwelle zur Nacht ein liebliches Logo in Szene gesetzt worden, das den Eröffnungstag des Watt-en-Schlick-Fests auf sinnbildliche Weise zusammenfasst. Mag das Woodstock-Revival zum 50. Jubiläum auch abgesagt worden sein: Immerhin im Landkreis Friesland gedeiht die Saat lauterer Liebe ebenso wie jene der Menschen verbindenden Musik.

Freitagabend, kurz vor halb zehn. Eben noch hat die Schweizer Sängerin Sophie Hunger samt hervorragend eingespielter Band auf der dicht umlagerten Hauptbühne ein umjubeltes Konzert gegeben, dessen vorletztes Lied durch einen glutroten Sonnenuntergang gekrönt worden ist, der beinahe zu kitschig wirkt, um wahr sein zu können.

Näher an den Elementen als hier, an der Wasserkante des Weltnaturerbes Nordsee, dürfte man bei kaum einem anderen norddeutschen Musikfestival sein. Allenfalls bei dem zeitgleich angesetzten Open-Air im schleswig-holsteinischen Wacken. Aber auch nur deshalb, weil der trubelige Heavy-Metal-Gipfel in diesem Jahr gleich mehrfach von Sturzregen und anderen Unwetter-Phänomenen heimgesucht wurde.

6000 Besucher, 1500 Camper

Dagegen: Dangast, ein sozusagen sonores Sommermärchen. Entgegen der Wettervorhersage bleibt es zumindest am lauschigen Auftaktabend dieses zum Chillen und Lauschen ladenden Festivals durchweg trocken. Und auch am zweiten Tag hat das rührige Team um Till Krägeloh, den in Bremen lebenden Leiter des Konzertreigens, gewissermaßen das Glück der Tüchtigen: Das Maximum der für Sonnabend angesagten Springtide, in deren Verlauf die Flut deutlich üppiger ausfällt als üblich, mithin den ohnedies recht schmalen Streifen Sandstrand zusätzlich dezimiert, fällt in die Nachmittagsstunden, wenn die Veranstaltungen weniger stark frequentiert sind als abends.

Rund 6000 Besucher wird das naturnahe Festival bei seiner sechsten Auflage gelockt haben, darunter 1500 Camper, die auf Weiden dreier ortsansässiger Landwirte ihre Zelte aufgeschlagen haben. Das ist ungefähr der nämliche Stand wie in den Vorjahren.

Mehr geht nicht, und mehr soll auch nicht gehen. „Die optimale Kapazität ist erreicht; weitere Bühnen als die fünf vorhandenen wird es nicht geben.“ Sagt der 37-jährige Veranstalter Krägeloh, dem daran gelegen ist, die Größe der Veranstaltung überschaubar zu halten, um die gelöste Atmosphäre nicht durch ohne Not eng gemachte Räume zu gefährden. Watt en Schlick soll nicht weiter wachsen; vielmehr: Watt en Schlick soll weiter strahlen. Durch seine Intimität, durch seine generationsübergreifenden Angebote vom Buddeln im Sand über das Schlickrutschen bis hin zum nicht minder legendären Rhabarberkuchen.

Ausgesprochen familienfreundlich gerät auch die jüngste Auflage dieses Festivals, bei dem etliche Mütter und Väter ihre Sprösslinge vor den Bühnen auf die Schultern nehmen, um ihnen freie Sicht auf die Künstler zu ermöglichen. Eigens für Kinder ausgegebene Kopfhörer in allen möglichen Quietschbuntfarben dimmen das Lärmaufkommen bei diesem multiplen Musikereignis auf ein erträgliches, ein angenehmes Level.

"Familiarität ist unser wohl größter Trumpf“

Dass Groß und Klein gleichermaßen auf ihre Kosten kommen, ist dem Paten der entspannten Festspiele, die von 200 Freiwilligen aus dem gesamten Bundesgebiet unterstützt werden, ein primäres Anliegen. „Familiarität ist unser wohl größter Trumpf“, sagt Krägeloh. „Das gilt für Besucher und Künstler gleichermaßen.“ Denn in Dangast kommen die Musiker, anders als bei vergleichbaren Events, zwanglos im Backstagebereich zusammen und feiern gemeinsam, statt vereinzelt in sogenannten Künstlergarderoben zu versauern.

Das ist nur ein Grund dafür, dass es auf Musikerseiten so einige Wiederholungstäter gibt, die trotz signifikant gestiegener Bekanntheit und den entsprechenden Verkaufszahlen wie selbstverständlich zu einem weiteren Auftritt in den nicht einmal 600 Einwohner zählenden Kur- und Künstlerort zurückkommen. So wie die deutsche Indie-Gruppe Giant Rooks um den charismatischen Sänger und quirligen Perkussionisten Frederik Rabe, der die Menge am frühen Freitagabend mit seiner markanten Stimme und seinem schier unstillbaren Bewegungshunger begeistert. „2016 hat die Band erstmals bei Watt en Schlick gespielt, war aber noch relativ unbekannt“, sagt Krägeloh. „Jetzt ist sie eine Größe – und ihrerseits zu einem Fan des Festivals geworden.“

Überraschungsgast: Zum Auftritt des Sängers Max Herre gesellte sich am Freitagabend dessen Lebensgefährtin Joy Denalane. Gemeinsam intonierten sie unter überbordendem Jubel "1ste Liebe", ihr persönliches Wiedervereinigungslied.

Überraschungsgast: Zum Auftritt des Sängers Max Herre gesellte sich am Freitagabend dessen Lebensgefährtin Joy Denalane. Gemeinsam intonierten sie unter überbordendem Jubel "1ste Liebe", ihr persönliches Wiedervereinigungslied.

Foto: Ulf Duda

Die Verbindung des Organisators zu Dangast ist sozusagen schlagend: Sage und schreibe 15 Jahre hat Till Krägeloh, der im nahe gelegenen Varel die Schule besuchte, in dem Nordseebad gearbeitet – auch noch während seines Studiums der Kulturwissenschaften und der Betriebswirtschaft in Bremen. Zuerst als Tellerwäscher und Kellner, später als Veranstalter zunächst nur sporadisch stattfindender Lesungen und Konzerte.

Mehr und mehr wuchs damals seine Idee, diesen anatomisch kuriosen Küstenzipfel einmal im Jahr zum Ort eines anheimelnden Festivals umzuwidmen. Eine logistische Herausforderung allererster Güte. Freilich eine lohnende. Kaum ein Festivalgast, der nicht versonnen in die Sonne blinzelt, während er (m, w, div) sich Moules frites, Handbrot oder ökologisch korrekte Pizza schmecken lässt. Gelassenheit könnte in Großbuchstaben über dem Veranstaltungsgelände prangen, zu dessen prägnantesten Punkten ein phallisches Kunstwerk und ein idyllischer Hafen zählen – spektakuläre Aussicht bis Wilhelmshaven inbegriffen.

Freitagabend, 22.40 Uhr. Vor zehn Minuten hat Max Herre die Bühne betreten und das Publikum vor der Hauptbühne prompt in den Bann seiner vorwiegend empfindsamen Songs geschlagen. Auf die elegisch grundierte Sehnsuchtsballade „Athen“, Titelsong seines jüngsten Albums, folgt „Villa auf den Klippen“, eine nicht minder gefühlvolle Zusammenarbeit mit Trettmann. Während der Trap-Rapper nur und immerhin per Videoprojektion in Dangast präsent ist, materialisiert sich die Duettpartnerin des nächsten Songs überraschenderweise auf der Bühne: Unter frenetischen Beifallskundgebungen zelebriert Max Herre das anrührende Wiedervereinigungslied „1ste Liebe“ mit seiner Lebensgefährtin Joy Denalane, die ihren Partner samt den gemeinsamen Kindern an den Jadebusen begleitet hat.

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