Interview mit Komponistin Ilgin Ülkü „Männer hören anderen Männern zu“

Die 1993 geborene Komponistin Ilgin Ülkü wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für die Werke von Frauen. Sie sei auch einer Quote in Konzertprogrammen nicht abgeneigt, sagt sie im Interview.
05.03.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„Männer hören anderen Männern zu“
Von Iris Hetscher

Frau Ülkü, wie und warum sind Sie Komponistin geworden?

Ilgin Ülkü: Meine Eltern sind Pianisten, ich habe schon als kleines Kind sehr viel Musik zu Hause gehört, auch zeitgenössische Musik. Die Klänge haben mich sehr beeindruckt; als ich mit fünf Jahren begonnen habe, Klavier zu spielen, habe ich das Instrument sofort genutzt, um zu komponieren. Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich acht Stücke fertig. Ich habe seitdem nicht mehr aufgehört zu komponieren.

Sie haben Klavier und Violine gelernt, spielen Geige in renommierten Ensembles. Da mussten Sie doch sicher auch üben, oder?

Natürlich. Vor allem, als ich auf dem Konservatorium war. Aber für mich waren die Instrumente interessant, um die Klänge und Ideen, von denen ich träume, in Musik umzusetzen. Das war immer spannender für mich als beispielsweise das Werk eines anderen Komponisten zu interpretieren. Daher habe ich nicht nur Geige studiert, sondern parallel Komposition.

Lesen Sie auch

Sie haben in Istanbul mit dem Studium begonnen. Sind damals schon Kompositionen von Ihnen aufgeführt worden?

Beim Klangreise-Festival in Istanbul, das der Neuen Musik gewidmet ist, sind zum ersten Mal meine Werke aufgeführt worden. Mein erstes Stück für Solovioline habe ich selbst gespielt, mein Vater hat mein Klavierstück interpretiert, außerdem wurde ein Stück für Piccolo-Flöte aufgeführt.

Nun ist es immer noch eher selten, dass Werke von Komponistinnen auf dem Programm von Konzerten stehen. Auf welche Widerstände sind Sie bisher gestoßen?

Es ist wirklich schwer, die Motivation nicht zu verlieren. Auch während meines Studiums habe ich gemerkt: Männer hören anderen Männer eher zu, sie trauen ihnen auch mehr zu. Da gibt es wenig Begeisterung für die Werke von Frauen, so, als wenn die Stücke grundsätzlich nicht so gut komponiert wären wie die von Männern. Dieses Vorurteil schwingt immer noch mit, und es zeigt sich ja auch dadurch, dass die Namen von Komponistinnen auch heute fast immer in Bezug zu einem Mann gesetzt werden: Clara Schumann als Ehefrau von Robert Schumann, Fanny Hensel als Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Es gibt also so eine Art Old-Boys-Musik-Netzwerk, dessen Mitglieder sich selbst fördern?

Ältere, erfahrene Komponisten schützen und fördern jüngere und sorgen dafür, dass Frauen wenig Chancen haben. Das sind Verhaltensweisen, die als völlig selbstverständlich etabliert und schwer aufzubrechen sind. Solche Erfahrungen schmerzen mich.

Beim digitalen Gesprächskonzert „Küche, Kinder, Kirche – 200 Jahre Kompositionen starker Frauen“ des Kammerensembles Konsonanz am Weltfrauentag wird Ihr Streichquintett „Sich motivieren“ aufgeführt. Ein symptomatischer, aber auch ungewöhnlicher Titel für ein Werk.

Das ist ein Ergebnis dieser schwierigen Situation. Ich habe mit dieser Musik sozusagen auf die störenden Klänge um mich herum reagiert. Es zeigt die unterschiedlichen Gedankenspiele, die in unseren Köpfen ablaufen. Vor allem die dissonanten Figuren in dem Stück sollen darauf anspielen, wie sich die Sicht auf die Welt manchmal ändern kann. Alle müssen kämpfen und werden enttäuscht, das ist in allen Branchen so. Ich beziehe mich natürlich auf die Musikbranche. Das Stück wurde 2020 vom Kammerensemble Konsonanz in der Berliner Philharmonie uraufgeführt.

Wie würden Sie die Musik, die Sie komponieren, beschreiben?

Für mich sind Kompositionen wie Menschen mit eigenen Persönlichkeiten. Sie haben etwas zu erzählen, kommunizieren mit anderen Menschen oder anderen Künsten. Bei jedem Stück befreie ich meinen Geist; dann fließen Erinnerungen ein, Träume, Utopien. Jeder und jede, der oder die die Musik hört, wird sich anders damit verbinden.

Haben Sie Vorbilder oder gibt es eine Kompositionsrichtung, zu der Sie sich hingezogen fühlen?

Ich versuche, die unterschiedlichen Charaktere und die Gemeinsamkeiten der Instrumente zu berücksichtigen. Wir sind viel zu sehr daran gewöhnt, wie Streich- oder Blasinstrumente zu klingen haben, dabei kann man mit diesen Erwartungen auch spielen und sie brechen. Darüber denke ich nach. Diese Kombinationen zu suchen und ihnen einen neuen Charakter zu geben, ist ein Prozess, der mich sehr beschäftigt.

Lesen Sie auch

Mit diesem Ansatz dürften Sie es nicht nur schwieriger haben, weil Sie eine Frau sind, sondern auch, weil der Konzertbetrieb doch eher konservativ ausgerichtet ist, oder?

Er ist von Gewohnheiten geprägt. Es herrscht oft die Meinung vor, wir interpretieren lieber Musik, die schon lange bekannt ist, weil das Publikum die kennt. Es gibt zu wenig Mut, Musik von Komponistinnen und sowieso von zeitgenössischen Komponistinnen als ganz selbstverständlichen Bestandteil des Repertoires anzusehen. Aber es ist wichtig, das zu korrigieren, damit zumindest in 100 Jahren Musik von Komponistinnen so bekannt ist, das wir die Benachteiligung nicht mehr zum Thema machen müssen. Das Publikum wird dann genauso viele Erinnerungen und Erwartungen damit verknüpfen wie heute mit Werken von Brahms oder Beethoven.

Was halten Sie von einer Quote, beispielsweise als freiwillige Verpflichtung von Orchestern, mindestens ein Werk einer Komponistin pro Konzert zu spielen?

Das könnte für den Anfang durchaus eine gute Lösung sein. Weil das bedeuten würde, wir würden garantiert mehr Musik von Komponistinnen hören. Trotzdem klingt das etwas mechanistisch für mich. Besser wäre es natürlich, wenn diejenigen, die die Programme zusammenstellen, so überzeugt von den Stücken wären, dass sie sie ohne Quote aufnehmen.

Info

Zur Person

Ilgin Ülkü

wurde 1993 in Istanbul geboren. Sie ist Violinistin, hat in Istanbul, an der HfK Bremen und in Hannover unter anderem Komposition studiert. Sie spielt Solo-Violine im Ensemble Konsonanz und ist unter anderem bereits mit dem West-Eastern Divan-Orchestra von Daniel Barenboim aufgetreten.

Info

Zur Sache

Frauen in der Musikbranche: Gesprächskonzert zum 8. März

„Mehr als Kinder, Küche, Kirche – 200 Jahre Kompositionen von starken Frauen“ lautet der Titel eines Streamings-Gesprächskonzerts des Bremer Ensembles Konsonanz in Zusammenarbeit mit dem Pianisten Albert Lau. Anlass ist der Weltfrauentag am Montag, 8. März. Das Konzert ist an diesem Tag kostenlos um 19.30 Uhr unter der Adresse www.konsonanz.com abrufbar, die Organisatorinnen freuen sich aber über Interssenten, die kostenpflichtige sogenannte Supporter-Tickets buchen.

Bei der digitalen Veranstaltung wird nicht nur Musik von Fanny Hensel, Sofia Gubaidulina, Ethel Smyth, Luise Adolpha Le Beau, Amy Beach, Lili Boulanger und Ilgin Ülkü erklingen. In Video-Einspielungen und Statements von Expertinnen geht es zudem grundsätzlich um die Rolle, die Musikerinnen in Orchestern spielen und um die Wahrnehmung der Werke von Komponistinnen. Mit dabei sind Freia Hoffmann, Mitbegründerin des Zentrums für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Oldenburg und des Sophie Drinker-Instituts in Bremen, Siegrid Ernst, Mitbegründerin des Internationalen Arbeitskreises „Frau und Musik“ sowie unserer Gesprächspartnerin, die Komponistin und Ensemble-Konsonanz-Musikerin Ilgin Ülkü aus Hannover.

Sie diskutieren unter anderem über folgende Fakten, die die geringe Repräsentanz von Frauen im Konzertbetrieb belegen: 1,9 Prozent der in Abo-Reihen klassischer Musik gespielten Kompositionen stammen von Frauen, vier Prozent der 130 deutschen Berufsorchester werden von Frauen dirigiert, 18 Prozent der deutschen Musikverbände werden von Frauen geleitet. Laut einer Erhebung des deutschen Musikrats sind knapp 40 Prozent der Mitglieder deutscher Berufsorchester weiblich; mit steigendem Renommee des Orchesters und in höheren Positionen sinkt der Anteil der Frauen. In Spitzenorchestern ist er bei Konzertmeistern oder Solopositionen mit knapp 22 Prozent besonders niedrig.

Die höchsten Frauenanteile gibt es mit 94 Prozent bei den Harfen und mit 65 Prozent bei den Flöten. Typische Männer-Instrumente sind demnach die Tuba mit 98 Prozent, die Posaune mit 96 Prozent und die Pauke sowie die Trompete mit 95 Prozent.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+