Uraufführung am Theater Bremen

Zwischen Baum und Borke

Bremens Schauspielsparte zeigt Akın Emanuel Şipals etwas anderes Spätheimkehrerstück „Ein Haus in der Nähe einer Airbase“.
03.02.2018, 16:35
Lesedauer: 3 Min
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Zwischen Baum und Borke
Von Hendrik Werner

Oh, wie schön ist Adana. Millionenstadt mit mediterranem Klima und prosperierender botanischer und akademischer Infrastruktur. Eine Metropole, in der es sich ausweislich der im Kleinen Haus gezeigten Videos von Skyline, Vegetation und touristenträchtigem Postkartenidyll trefflich leben lässt (Rebecca Riedel, Elisa Gómez Alvarez).

Oh, wie hässlich ist Adana. Die Gestade des Naherholungsziels Stausee sind verdreckt. Unentwegt schlagen Hunde an. Fliegen surren durch die schwüle Luft. Flugzeuge dröhnen, zumal in İncirlik, dem zehn Kilometer östlich des Stadtzentrums gelegenen Luftwaffenstützpunkt der allzeit agilen türkischen Armee. Realitätsnaher Sehnsuchtsort, probate Projektionsfläche – oder eine verästelte Mixtur aus beidem?

Das ist bloß eine der existenziellen Fragen in der von Frank Abt besorgten Uraufführung des Stücks „Ein Haus in der Nähe einer Airbase“. Geschrieben hat es Akın Emanuel Şipal, 1991 in Essen geboren und derzeit Gastdramaturg sowie „Author in residence“ am Theater Bremen. Vor zwei Jahren hatte sein autobiografisch und essayistisch grundierter Dokumentarfilm „Baba Evi“ Premiere, der als Vorstudie zum Bühnenstück über die Heimkehr einer Familie nach Adana gelten kann.

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Baba Evi bedeute Vater-Haus, heißt es in einem Geleittext des Dramatikers Şipal, dessen erstes Stück „Vor Wien“ (2012) die kulturelle Zerrissenheit eines türkischen Geschäftsmanns und Vielfliegers namens Erol inspiziert. Ein Vater-Haus ist in Şipals Perspektive auch ein mythisch aufgeladener Ort, der Zugehörigkeit und Identität verheißt, diese zumindest suggeriert.

Bei der instabil und unfertig anmutenden Behausung, die Susanne Schuboth aus teils noch gefüllten Umzugskartons andeutungsweise auf der Bühne errichtet hat, scheint dieses Potenzial noch nicht vollends ausgereizt, um es behutsam zu formulieren. Jedenfalls nicht für die aus Deutschland zurückgekehrte Familie, die es bevölkert, diese jahrelang nur als Ferienhaus genutzte Bleibe, die als festes Domizil vielleicht gar nicht taugt.

„Das undichte Dach, der poröse Stuck. Wie mein Vater 15 Jahre mit dem Holzwurm gekämpft hat“, sagt die schulpflichtige Tochter (Fania Sorel), mithin ein junges Bäumchen, das mehr nolens als volens von seinen Eltern nach Adana verpflanzt worden ist.

Grau ist alle Theorie

Zumindest rhetorisch erzeugen ihre Erzeuger über weite Strecken des 110-minütigen Entwurzelungsstücks mehr Zuversicht, als erfahrene Baumschulen mit Umtopfungsschwerpunkt erlauben dürften. Umso mehr, als die analysescharfe Mutter (passagenweise überwältigend sardonisch: Irene Kleinschmidt) und der Vater (ein Sonnenbotschafter mit diplomatischem Gestus: Siegfried W. Maschek) seit ihrer Umsiedlung von Deutschland in den Südosten der Türkei Geschäftsideen hegen, an deren Fruchtbarkeit sie zumindest anfänglich unbeirrbar glauben.

Sie: an eine Psychotherapiepraxis, die Seelen erhellt; er: an Solarenergie, die umweltverträglichen Segen enthält. Doch ach! Grau ist alle Theorie. Tatsächlich ist sich die Kleinfamilie, deren Zusammenhalt bröckelt wie des Vaters Haus, nicht immer grün, wie einige von Fania Sorel expressiv nachgestellte Konflikte nahelegen, deren lässlichster noch der um die Güte des türkischen Krankenhauswesens ist.

Ins Mythische erweitert wird diese Spätheimkehrer-Versuchsanordnung mit ihrem von Frank Abt gut herausgearbeiteten Entfremdungspotenzial durch eine vierte Figur. Die trägt den Namen John, wird gespielt von dem rührigen Schauspiel-Gast Marco Massafra – und zeigt schon an der niedrigen Gangart ihrer Einführung, dem Herein- und Heranrobben, dass sie für martialische Aspekte der Landeskunde zuständig ist.

Nach Assur verschleppt

John nämlich ist so etwas wie der ewige Soldat. Ein Mann, der Töten als Handwerk begreift. Ein Mann, der die barbarische Zerstörung der Hochkulturen des Alten Orients durch islamistische Terrormilizen billigend im Munde führt. Zweck. Mittel. Heilig.

Die gegenwartspolitische Aufladung wie auch die kulturhistorischen Anspielungen auf das assyrische Reich sind stimmig – und doch dürfte ihre hohe Dosierung die Aufnahmefähigkeit der Zuschauer strapazieren, die überdies noch Maskeraden eines designierten Sultans namens Erdogan verarbeiten müssen.

Etwas weniger an Xenophon geschulte Chronistenpflicht wäre der Sache von Şipal womöglich dienlicher. Poetisch eindringlich ist sein Text, der verheerende Haus-, Wald- und Flächenbrände assoziieren lässt, über ein Leben zwischen Baum und Borke allemal. Davon zeugt auch der herzliche Beifall des Premierenpublikums.

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