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Kulturelle Vielfalt im Bremer Viertel in Gefahr?

Kneipen-, Club- und Cafébetreiber sehen die kulturelle Vielfalt im Viertel in Gefahr. Sie registrieren immer mehr Beschwerden gegen ihre Lokale. Mal gehe es um Lärmbelästigung, mal um Dreck.
23.03.2015, 15:53
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Weth

Wenn es etwas Neues im Viertel gibt, weiß es Norbert Schütz so ziemlich als erster. Der Mann ist Geschäftsführer im „Litfass“ und arbeitet wie ein Barkeeper. Sein Platz ist nicht nur am Schreibtisch, sondern auch an der Theke, wo ihm viel erzählt wird.

Manches hat er schon oft gehört. Zum Beispiel, dass immer mehr Reiche ins Viertel kommen und Studenten verdrängen. Dass Häuser zu Spekulationsobjekten werden. Und dass die neuen Nachbarn sich schnell beschweren. Etwa über Clubs, Cafés und Kneipen wie das „Litfass“, dessen Gäste zu laut und die Straße davor zu dreckig sei. Schütz kennt das schon. Neu für ihn ist jedoch, wie häufig inzwischen die Klagen kommen und wie die neuen Quartiersbewohner vorgehen: „Sie diskutieren nicht, sondern kommen gleich mit einem Anwalt ins Amt.“

Die Lage im Viertel ist mittlerweile so ernst, dass ein Berufskollege von Schütz einen Brandbrief auf Facebook veröffentlicht hat. Fernando Guerrero heißt er und ist Chef im „Eisen“. Guerrero spricht von einer neuen Generation von Nachbarn, die nicht mehr am Dialog interessiert sei. Von ihrem Willen, Läden komplett dichtzumachen. Über die Folgen ihres Feldzugs gegen kulturelle Vielfalt im Viertel das zu einem reinen „Wohnfriedhof für Wutwohnbürger“ werden soll. Und von ihrer „destruktiven Leidenschaft“, Lücken in Verordnungen und Gesetzen zu suchen und zu finden, um ihr Ziel zu erreichen.

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Guerreros Schreiben haben mehr als 1000 Bremer auf ihrer Facebook-Seite übernommen. Und über 300 haben zugesagt, ihn zu unterstützen und mitzureden. Guerreros Brandbrief ist nämlich zugleich ein Aufruf einer Wirtevereinigung, die sich Clubverstärker nennt. Für diesen Dienstag ist im „Karton“ eine Art Krisentreffen geplant, eine Podiumsdebatte mit Kulturmachern, Wirten und Diskobetreibern. Die alles entscheidende Frage: „Wie wichtig ist eine lebendige Kultur- und Clubszene für den Wirtschaftsstandort Bremen?“ Das sollen Politiker beantworten – von den Grünen und der SPD.

„Litfass“-Barkeeper Schütz wird ebenfalls auf dem Podium sitzen. Genauso wie Stadtamtsleitern Marita Wessel-Niepel. Sie bestätigt, was die Wirte beklagen: „Die Zahl der Beschwerden hat zugenommen.“ Zumindest „gefühlt“ sei es so. Eine Statistik über Beschwerden gibt es nicht. Fest stehe aber, dass es mittlerweile pro Monat mehrere sind. Mal geht es um Zigarette rauchende Besucher vor einer Kneipe oder zerschlagene Flaschen und Gläser auf der Straße. Mal um lärmende Discobesucher auf dem Heimweg oder laute Musik aus geöffneten Türen oder Fenstern eines Clubs.

Wessel-Niepel beschreibt das Vorgehen der Beschwerdeführer ähnlich so, wie es Barmann Schütz beschrieben hat. „Anwälte kommen zu uns ins Stadtamt, um Einsicht in Verordnungen und Konzessionen für jenes oder dieses Lokal zu verlangen.“ Auf den Besuch folge nicht selten ein Schreiben, in dem das Amt aufgefordert werde, einzuschreiten oder etwas zu überprüfen: Öffnungszeiten, Auflagen für die Bewirtung unter freiem Himmel, wie Werbeschilder auf dem Bürgersteig stehen oder wie oft Konzerte in einem Club oder einer Kneipe angeboten werden. Manchmal muss das Amt tatsächlich tätig werden. Zum Beispiel gegen das „Litfass“. Schütz: „Wir mussten die Zahl unserer Konzerte von 20 auf acht reduzieren.“

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Gelegentlich greift das Stadtamt allerdings nicht so durch, wie es ein Anwohner fordert. Von einem ist es jetzt verklagt worden. Weil das Amt der „Lila Eule“ erlaubt hat, auch donnerstags länger geöffnet zu haben, muss es sich in einem Rechtsverfahren verantworten. Wessel-Niepel nimmt das gelassen: „Es kommt immer mal wieder vor, dass jemand mit einer Entscheidung von uns nicht einverstanden ist.“ Auf der sicheren Seite sieht sich die Amtsleiterin schon deshalb, weil im Viertel ein anderer Lärmpegel gilt als etwa in Borgfeld. Und der sei bei einer Kontrolle im Bereich der Disko nicht überschritten worden. Der Flächennutzungsplan weise das Viertel als ein Gebiet mit einem „bunten Kultur- und Nachtleben“ aus. Wessel-Niepel: „Wer dort wohnt, wohnt unweigerlich lauter.“

>> Kommentar über die Klagen im Viertel

Das sieht Norbert Caesar von der Interessengemeinschaft Viertel, die Gewerbetreibende vertritt, ähnlich. Vielfalt, sagt er, werde im Quartier nun mal großgeschrieben. Das mache das Quartier schließlich zu dem, was es für viele sei: Ein Ort zum Einkaufen, zum Spaß haben und Kultur erleben. Caesar bedauert, dass er von den Problemen der Club- und Kneipenbetreiber nicht von ihnen selbst erfahren hat. „Wenn wir etwas erreichen wollen, dann am besten gemeinsam.“ Er kündigt an, mit der Wirtevereinigung in Kontakt zu treten.

Das will auch Hellena Harttung, Leiterin des Ortsamtes Mitte und Östliche Vorstadt. Sie sitzt beim Krisentreffen zwar nicht auf dem Podium, aber in den Reihen der Zuhörer – um sich ein Bild über die Probleme zu machen, wie sie sagt. Dass es Schwierigkeiten mit Anwohnern gebe, sei ihr bekannt, nur nicht deren Ausmaße. Harttung ist offiziell erst sei drei Wochen im Amt.

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