Johann-Günther König hat über „das große Geschäft“ geschrieben

Kulturgeschichte des Aborts

Pünktlich zum Welttoilettentag im November ist Johann-Günther Königs Buch „Das große Geschäft. Eine kleine Geschichte der menschlichen Notdurft“ erschienen. Am Freitag, 4. Dezember, um 20 Uhr stellt der Autor aus dem Ostertor sein neues Sachbuch in der Georg-Büchner-Buchhandlung am Ziegenmarkt vor. Der Eintritt ist frei. Sigrid Schuer sprach mit Johann-Günther König darüber, was Fäkalsprache mit Kompositionen und durchaus auch mit Erotik zu tun haben kann.
03.12.2015, 00:00
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Von Sigrid Schuer
Kulturgeschichte des Aborts

Das Bild einer Tür mit ausgesägtem Herzchen schmückt den Titel des neuen Sachbuches von Johann-Günther König. Die Zeiten der Außentoiletten ohne Licht und fließendes Wasser sind lange vorbei. Der Autor aus dem Ostertor ist noch viel weiter zurückgegangen in der Zeit, um „Eine kleine Geschichte der menschlichen Notdurft“ zu schreiben. Obertitel: „Das große Geschäft“.

Roland Scheitz

Pünktlich zum Welttoilettentag im November ist Johann-Günther Königs Buch „Das große Geschäft. Eine kleine Geschichte der menschlichen Notdurft“ erschienen. Am Freitag, 4. Dezember, um 20 Uhr stellt der Autor aus dem Ostertor sein neues Sachbuch in der Georg-Büchner-Buchhandlung am Ziegenmarkt vor. Der Eintritt ist frei. Sigrid Schuer sprach mit Johann-Günther König darüber, was Fäkalsprache mit Kompositionen und durchaus auch mit Erotik zu tun haben kann.

Herr König, haben Sie mit Ihrem Buch „Das große Geschäft“ eine Marktlücke geschlossen?

Johann-Günther König

: In gewisser Weise bestimmt. Der konkrete menschliche Umgang mit der Notdurft seit dem Aufkommen der Gattung Homo sapiens wurde bislang in einschlägigen Sachbüchern bestenfalls am Rande thematisiert. Die Suche nach schriftlich fixierten Schilderungen der Praktiken war wirklich sehr zeitaufwendig.

Das heißt, über dieses hochnotpeinliche Thema spricht, geschweige denn schreibt man nicht so gerne.

Ja, so ist es, denn dieses allzu menschliche Bedürfnis ist meines Wissens seit jeher mit Scham behaftet. Immerhin schwindet gegenwärtig die Tabuisierung. Für mich war es ein Bedürfnis, über das zweitwichtigste physische Bedürfnis der Menschen zu schreiben. Mir war es wichtig, den vorliegenden Kulturgeschichten des Aborts etwas entgegenzusetzen, konkret: die historisch überlieferten menschlichen Gewohnheiten, Rituale und Praktiken in den Mittelpunkt zu stellen.

Es gibt ja Beispiele dafür, dass berühmte, historische Persönlichkeiten durchaus locker und humoristisch über dieses allzu menschliche Bedürfnis geschrieben haben. Das Bildungsbürgertum war ja mittelschwer schockiert, als Wolfgang Hildesheimer die berühmt-berüchtigten Bäsle-Briefe des „Götterlieblings“ Mozart ans Licht der Öffentlichkeit zerrte.

In der Tat. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass es unter tausend Briefen doch nur relativ wenige sind, in denen sehr deutlich dieses Notdurftvokabular verwendet wird. Heute könnte man einem jungen Mädchen solche Briefe wohl ohne Weiteres so nicht mehr schreiben. Übrigens war es in Mozarts Familie durchaus üblich, gewisse Praktiken und Bedürfnisse deutlich beim Namen zu nennen.

Dazu muss man sagen, dass Mozart diese Briefe ja in jugendlichem Alter verfasst hat. Aber weshalb hat er das überhaupt getan?

Mozart wollte von sich erzählen und dabei Melodien entwickeln. Er hat in diesem „dirty talk“, mit dem er sich in Schwung gebracht hat, unheimlich viel mit Worten gemalt und sich dabei zu seinen Kompositionen inspirieren lassen. In seinen Kanontexten ist die Aufforderung „Leck mich im Arsch“ heute noch zu hören.

Der Unterton war dabei aber durchaus erotisch, wenn er sich selbst beispielsweise als

scheißenden, kleinen Sauschwanz bezeichnet, oder?

Ja, sogar ziemlich erotisch. Es gibt übrigens spätestens seit dem Barock auch Beschreibungen von adligen Damen, die das „Scheißen“ als bestes Gesundheits- und Schönheitsmittel bezeichnen.

Welche Damen haben sich denn so etwas getraut?

Das ist nachzulesen in der Korrespondenz, die Kurfürstin Sophie von Hannover mit ihrer Nichte Elisabeth Charlotte von Orléans, der berühmten Prinzessin Liselotte von der Pfalz, führte. Ernst Jünger erwähnt diese Briefe aus dem französischen Barock in seinen Tagebüchern. Die französisch verfassten Originaltexte waren ganz schön mühsam zu finden: Ich liefere sie das erste Mal in deutscher Übersetzung – sie offerieren viele Überraschungen.

Bei Führungen in Versailles wird ja öfter erzählt, dass der Adel seine kleinen und großen Geschäfte ungeniert in den Ecken des Schlosses verrichtet habe. Ist da etwas dran?

Das wurde im Zuge der berüchtigten „Erbfeindschaft“ nach 1870 von Seiten der Deutschen lanciert. Allerdings gab es zweifellos logistische Probleme bei Großveranstaltungen. Da waren einfach nicht genügend Außenlatrinen und Leibstühle vorhanden. Liselotte von der Pfalz hatte übrigens einen Leibstuhl mit beigestelltem Lesetischchen.

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