"Es muss Grenzen des Anstands geben"

Kulturwissenschaftlerin über den "sexuellen Supergau"

Kinder werden bereits früh mit Sexualität konfrontiert. Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld spricht im Interview über ihr neues Buch und die Übersexualisierung der Gesellschaft.
04.10.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Kulturwissenschaftlerin über den
Von Silke Hellwig

Kinder und Jugendliche werden bereits früh mit Sexualität konfrontiert. Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld spricht im Interview über ihr neues Buch und die Übersexualisierung der Gesellschaft.

Frau Ebberfeld, was war der Anlass für Ihr Buch?

Ingelore Ebberfeld: Ich wurde von einem Teenager gefragt, ob eine bestimmte Sexualpraktik normal sei. Das hat mich gewundert und gewissermaßen aufgerüttelt. Denn ich habe mich daraufhin umgesehen, in der Musikszene, auf der Bühne, im Fernsehen, im Internet. Auf was ich da gestoßen bin, hat mich schockiert und fassungslos gemacht. Aber es hat mir erklärt, warum sich schon 14-Jährige mit solchen Fragen beschäftigen. Kinder und Jugendliche werden nämlich fortwährend mit Sexualität bombardiert, auch in ihren drastischsten Formen. Sie können ihre eigene Sexualität gar nicht mehr entdecken, weil sie längst erfahren mussten, was in dieser Hinsicht von ihnen erwartet wird.

Dass Sexualität kein Tabu mehr ist, sondern ein menschliches Bedürfnis, über das man auch reden kann, ist das nicht auch eine gesellschaftliche Errungenschaft?

Doch, selbstverständlich, nicht alles, was wir an sexueller Freiheit errungen haben, ist schlecht. Aber die Frage ist doch, ob es nicht auch Grenzen gibt, Grenzen der Scham und des Anstands, wie altmodisch das auch klingen mag. Es macht doch einen Riesenunterschied, wo man beispielsweise über seine Sexualität spricht – in seinen eigenen vier Wänden, mit seinem Partner, vielleicht noch mit einem Therapeuten oder in aller Öffentlichkeit. Und es bleibt nicht beim Reden – nein, es wird auch alles gezeigt, bis ins letzte Detail.

Was Sie so schockiert hat, was Sie als Übersexualisierung der Gesellschaft bezeichnen, ist indes kein ganz neues Phänomen.

Das ist richtig, aber ich habe mich damit einfach nicht auseinandergesetzt. Es ist wie beim Autofahren: Man konzentriert sich auf die wichtigsten Informationen, doch im Unterbewusstsein wird auch das Drumherum registriert. Das ist das Problem, denn es hat ja Konsequenzen. Ich wusste natürlich, wie freizügig heutzutage mit Sexualität umgegangen wird, wie oft einem Sexuelles und entsprechend drastische Darstellungen im Alltag begegnen, aber das Ausmaß hat mich bestürzt. Es war, als ob man einem Fremden seine Heimatstadt zeigt und einem plötzlich auffällt, wie schmutzig es im Steintor-Viertel ist.

Der Untertitel Ihres Buchs „Wo bleiben Lust, Scham und Sittlichkeit?“ lässt auf eine erzkonservative Autorin schließen.

Ja, das mag sein, und ich bin auch schon attackiert worden, auch recht aggressiv. Es kann sein, dass manche meine Haltung zur öffentlichen Zurschaustellung von Sexualität für erzkonservativ halten. Aber wieso muss ich mich eigentlich dagegen wehren, für verklemmt gehalten zu werden, weil ich beispielsweise brutale Sexualität auf der Bühne nicht sehen will? Es ist wie mit Gewaltdarstellungen: Niemand muss Blut spritzen sehen, um Brutalität zu begreifen. Und ich frage mich angesichts dieser – weitgehend akzeptierten – sexuelle Verrohung und Verwahrlosung, was eigentlich mit dieser Gesellschaft los ist, wenn Intimes auf diese Art und Weise öffentlich gemacht wird, wenn Sprache so rüde ist, wenn im Fernsehen weit vor 20 Uhr eindeutige Szenen gezeigt werden und auf deutschen Bühnen alles möglich zu sein scheint.

Und? Was ist mit ihr los?

Das weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Womöglich liegt es in der Natur des Menschen, alle Grenzen, die ihm scheinbar auferlegt sind, auszuloten, erreichen und dann eben auch überschreiten zu wollen. Offenbar bedarf es einer Forschung, die der Frage auf den Grund geht, warum Frauen das mit sich machen lassen, sowohl in der Pornografie als auch in der Werbung, und warum es zumindest manchen Männern offenbar nach immer extremeren Spielarten der Sexualität verlangt. Unter Erwachsenen mag so mancher das alles noch akzeptabel finden, aber wenn Kinder problemlos Zugang dazu haben, hört der Spaß doch wohl auf. Wie kann es sein, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen davor nicht schützen können, es aber möglich ist, Tabakwerbung zu verbieten?

Was ist der Auslöser der Grenzüberschreitungen, die Sie diagnostizieren? Die 68er? Die Kommerzialisierung der Sexualität?

Ich glaube, dass die sexuelle Revolution der 1968er–Jahre mitgeholfen hat, den Weg dorthin zu ebnen. Eine Befreiung kann immer auch zur Ausartung führen. Aber natürlich spielt eine entscheidende Rolle, dass mit Sexualität enormes Geld verdient wird und mit Sexuellem alles vermarktet werden kann.

Im Vorwort schreiben Sie, dass Sie bei Ihren Recherchen teilweise so entsetzt waren, dass Sie mehrfach drauf und dran waren, das Buch nicht zu vollenden. Warum haben Sie es doch getan?

Ich habe Sachen gesehen, die ich mir freiwillig niemals angesehen hätte und die im Übrigen jedes Kind in jedem Computer finden kann. Aber je mehr ich gesehen habe, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass man darüber schreiben muss.

Ihr Buch ist auch nichts für Zartbesaitete. Auf dem Cover findet sich nicht von ungefähr der Hinweis „Ab 18 Jahren“.

Mir wäre es lieber gewesen, auf bestimmte Worte und Bilder zu verzichten. Aber ich vermute, dass es vielen Lesern nicht anders geht als mir: Man glaubt nicht, wie weit die Grenzen des Anstands und der Scham inzwischen überschritten sind. Und es hilft nichts, davor die Augen zu verschließen.

Das Gespräch führe Silke Hellwig

Zur Person: Ingelore Ebberfeld (63) ist Kulturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Sexualität. Die freie Autorin und Dozentin lebt in Bremen.

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