RKK stellt zum ersten Mal seine Sammlung aus / Podiumsdiskussion zum Thema „Sammelleidenschaft“

Kunst im Krankenhaus

Unter dem Titel „Bella Figura“ gewährt das Rotes Kreuz Krankenhaus bis zum 26. Januar zum ersten Mal Einblick in die breit gefächerte Kunstsammlung des Hauses. Im Café K werden ausgewählte Werke gezeigt, die im Laufe der vergangenen 15 Jahre im Krankenhaus-Café ausgestellt wurden. Gemälde und Plastiken von insgesamt 19 verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern werden gezeigt. Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Sammelleidenschaft von Menschen.
15.09.2013, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer
Kunst im Krankenhaus

Zum ersten Mal zeigt das Rotes Kreuz Krankenhaus seine breit gefächerte Kunstsammlung. Dazu gehört auch „Vorhang“ von Reinhard Osiander. FOTOS: WALTER GERBRACHT

Walter_Gerbracht

Unter dem Titel „Bella Figura“ gewährt das Rotes Kreuz Krankenhaus bis zum 26. Januar zum ersten Mal Einblick in die breit gefächerte Kunstsammlung des Hauses. Im Café K werden ausgewählte Werke gezeigt, die im Laufe der vergangenen 15 Jahre im Krankenhaus-Café ausgestellt wurden. Gemälde und Plastiken von insgesamt 19 verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern werden gezeigt. Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Sammelleidenschaft von Menschen.

Anlässlich der Vernissage der Ausstellung „Bella Figura“ im Café K des Rotes Kreuz Krankenhauses erörterten Kurator Tom Gefken, Carsten Ahrens, viele Jahre Direktor der Weserburg, und Walter Klingelhöfer, Kaufmännischer Geschäftsführer des Rotes Kreuz Krankenhauses (RKK), auf einer Podiumsdiskussion das Thema: „Sammelleidenschaft – Für dich? Für mich? Für alle?“. Im Fokus stand die Frage: Weshalb sammeln Menschen Kunst?

Carsten Ahrens hat eine einleuchtende Antwort parat: „Sie bringt uns zum Nachdenken über den Sinn des Lebens. Sie steht im Gegensatz zu dem Hamsterkäfig, in dem wir Tag für Tag Dinge tun müssen, die wir für sinnvoll halten. Francis Picabia hat es einmal so formuliert: Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung wechseln. Und die Gegenwartskunst hat da einen sehr radikalen Ansatz. Sie fordert mit Tabubrüchen die Grenzen des guten Geschmacks heraus.“ Oder, um es mit Walter Klingelhöfer zu formulieren: „Kunst holt uns aus der Komfortzone des gelangweilt vor sich hin Lebens heraus.“ Und wie Carsten Ahrens ergänzt: „Sie rüttelt uns auf. Es macht was mit einem, deshalb lieben wir das Zeug auch so sehr.“

Genau aus diesem Grund sammele das Rotes Kreuz Krankenhaus seit 15 Jahren Kunst, so Walter Klingelhöfer. Die Sammlung umfasst inzwischen rund 400 Kunstwerke: „Die Werke geben Mitarbeitern und Patienten Kraft, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.“ In den Augen von Carsten Ahrens wird das Rotes Kreuz Krankenhaus dadurch anders als andere Krankenhäuser, „nicht zur Gesundheitsmaschine, die Effektivitätszwängen unterworfen ist. Normalerweise beschleichen mich ungute Visionen, sobald ich im Krankenhaus jemanden besuche. Das Gefühl hatte ich hier noch nie, eben weil hier Kunst hängt.“

Ja, Kunst macht etwas mit dem Betrachter, ist sich auch Kurator Tom Gefken sicher, selbst bildender Künstler und seit einigen Jahren Kurator der Kunstsammlung im RKK. „Kunst muss uns fesseln und berühren“, unterstreicht er. Sein Ansatz: Er empfiehlt grundsätzlich nur die Werke regionaler Künstler für Ausstellungen und zum Ankauf. „Die können locker mit der internationalen Kunstszene mithalten. In Bremen und umzu gibt es ganz viel qualitativ hochwertige Kunst“, betont Gefken. Das Künstlerdasein sei allerdings oft ein Lotteriespiel, viele vegetierten am Existenzminimum, bis sie endlich davon leben könnten. „Diejenigen, die keine fette Galerie an der Hand haben, müssen sich selbst vermarkten“, weiß Tom Gefken. Aber auch bei einer Galerie unter Vertrag zu stehen, sei nicht immer der Schlüssel zum Erfolg. „Einige Galerien treiben die Preise für das Werk eines plötzlich angesagten Künstlers in die Höhe, und lassen ihn dann fallen, wenn er verbrannt ist. Das ist natürlich ganz bitter, wenn dann die Preise in den Keller fallen“, weiß der Kurator.

Erschwerend komme hinzu, so Carsten Ahrens, dass viele Museen schon seit vielen Jahren über keinen eigenen Ankaufsetat mehr verfügten, der vom Bund Bildender Künstler gefordert wird. „Wenn dann doch mal ein Kurator ein Werk ankauft, dann sichert er sich bei seinen Kuratorenkollegen 100000 Mal ab, ob sie das auch toll finden. Erst dann kauft er. Das führt aber dazu, dass man in allen Museen die gleichen Künstler sieht“, moniert er. „Das große Verdienst der Privatsammler ist es, dass sie auch Werke unbekannter Künstler ankaufen, die ihnen gefallen. Diese Ausreißer, die ungemein bereichernd sind, hätten wir sonst gar nicht kennengelernt. Sie bringen frischen Wind in den immer gleichen Kunstkanon.“ Auch das RKK übernehme die kulturelle Verantwortung, regionale Kunst zu fördern. „Museen für Gegenwartskunst könnten ohne Privatsammler nicht existieren. Sie leisten die großartigste Unterstützung der Kunstszene in diesem Land“, sagt der Kunstexperte.

Ahrens hat selbst mit der Weserburg lange Jahre ein Sammlermuseum geleitet: „Private Sammlungen sind Schatzkammern, aus denen wir aussuchen und unsere Sammlungen konzipieren können.“ Walter Klingelhöfer befragt ihn auch zu den Vorwürfen, er habe keine neuen Sammler in die Weserburg holen können. „Wir haben so viele Sammler, dass wir sie gar nicht alle zeigen konnten. Von den sieben großen Sammlungen haben wir Teile von zwei bis drei Sammlungen permanent ausgestellt. Noch mehr hätten wir nur in dem Neubau in der Überseestadt zeigen können, der schon durchfinanziert war. Allerdings wird von Sammlern bezweifelt, ob die Stadt Bremen überhaupt gewillt ist, die Weserburg am Leben zu erhalten“, betont Ahrens.

Ganz anders sehe die Situation indes in München aus. Dort habe Ingrid Goetz ihre bedeutende Sammlung von Videokunst und Arte Povera gerade dem bayerischen Staat geschenkt, der dafür die Folgekosten von zwei Millionen Euro pro Jahr trage. „Ein wunderbares Gentleman’s Agreement, in Zeiten, in denen Kunst und Kultur um die finanzielle Absicherung immer mehr zu kämpfen haben“, betont Ahrens. Private Sammler wie Ingrid Goetz und Harald Falckenberg, der größte Privatsammler Europas, der in Hamburg sitzt, frönten ihrer Leidenschaft, um eben den immer gleichen Konventionen des Lebens zu entkommen.

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