Beim Kulturspaziergang Riensberg tauchen Besucher in die Welt von Geigenbauern und Poetinnen ein Kunst in Hülle und Fülle

Kulturschaffende verschiedenster Fachrichtungen treffen sich monatlich beim Kultur-Kataster Schwachhausen zum sogenannten „Kreativ-Ströming“. Um Interessierten an insgesamt 15 Stationen die kulturelle Vielfalt des Stadtteils zu zeigen, waren am vergangenen Sonntag beim „Kulturspaziergang Riensberg“ die entsprechenden Häuser, Studios, Manufakturen und Kirchentüren geöffnet.
28.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christiane Tietjen

Kulturschaffende verschiedenster Fachrichtungen treffen sich monatlich beim Kultur-Kataster Schwachhausen zum sogenannten „Kreativ-Ströming“. Um Interessierten an insgesamt 15 Stationen die kulturelle Vielfalt des Stadtteils zu zeigen, waren am vergangenen Sonntag beim „Kulturspaziergang Riensberg“ die entsprechenden Häuser, Studios, Manufakturen und Kirchentüren geöffnet.

Galerien, Ateliers, Gärten – wer am vergangenen Sonntag einen Spaziergang mit dem Genuss von ganz viel örtlicher Kultur machen wollte, hatte die schwierige Wahl zwischen 15 Stationen, an denen Kunst angeboten wurde. Malerei, Bildhauerei, Textilkunst, Aktionen für Kinder, Kunsthandwerk, Lesungen – beim Kulturspaziergang Riensberg musste man sich entscheiden.

Frank Wichmann in der Uhlandstraße ist Geigenbauer. Wenn man seine Werkstatt betritt, öffnet sich eine eigene Welt. Die geschwungenen Formen von Celli und Geigen, die warmen Brauntöne, mit denen die Instrumente lackiert sind, die Schubfächer und Werkzeuge – überall hat das Auge etwas zu entdecken.

Wichmann ist gebürtiger Bremer, hat aber in England gelernt. „In England und den USA ist man am weitesten im Geigenbau, man ist dort auch freigiebiger mit dem Austausch von Rezepturen und anderen Dingen“, sagt er. „Geigenbauer sind oft Bastler und Fummler, seltener sind sie selbst Musiker“, weiß er – auch aus seiner Tätigkeit als Dozent an der Volkshochschule.

Wichmann wird von einer jungen Besucherin gefragt, wie lange er brauche, um eine handgearbeitete Geige fertigzustellen. 150 Stunden sind es, die Teilnehmer in der VHS brauchen etwa zweieinhalb Jahre, „trotzdem gibt es eine irre lange Warteliste, so groß ist das Interesse“, sagt Wichmann. Seit 30 Jahren ist er der erste Geigenbauer in Bremen, der einen Ausbildungsplatz zu vergeben hat.

Ganz speziell sind die Hobel und Werkzeuge, die er benutzt. Zentimeterklein ein Messinghobel, den er selber gebaut hat. An der Wand hängt dekorativ ein Pferdeschwanz, dessen weiße Haare für die Bögen verwendet werden. „Die sind aus Asien, von extrem kälteresistenten Pferden“, erfährt man. Im oberen Raum werden die Instrumente lackiert. Ein Wunder, wie aus einem einfachen, hellen Holz solch ein goldbraun schimmernder, auf Hochglanz polierter Körper entstehen kann! Myrrhe, Benzoe und Krappwurzel sind Substanzen, die Wichmann verwendet und zum Teil seinem staunenden Publikum im wahrsten Sinne des Wortes „vor die Nase hält“.

Im Kunstkabinett des Paula-Becker-Hauses an der Schwachhauser Heerstraße gibt es Literatur mit Musikuntermalung, Bildhauerei und Textilkunst. Ursula Jaegers gewebte Bilder vollbringen etwas scheinbar Unmögliches: Sie lassen auf der ruhigen Statik auf Kett- und Schussfaden ein wie zufällig hingeworfenes Motiv erkennen. Da sind zum Beispiel die Notizen auf einem Spiralblock mit dem Eselsohr unten rechts. Oder die Bilder, die sie „Tagebuchblätter“ nennt; ähnlich untypisch für die Weberei.

Um den Prozess erkennen zu lassen, der dem Webvorgang vorausging, hat sie Skizzen und erste farbige Entwürfe neben das fertige Bild geheftet. Was sie macht, ist für sie ein spielerischer Vorgang. Manchmal hört sie ein Gedicht, fängt an zu malen – die erste Idee ist geboren.

Die Malerin und Bildhauerin Sigrid Sander zeigt Skulpturen aus Alabaster. Ein Mineral, das je nach Fundort hellgelb, weiß, rötlich, braun oder grau ist. „Je dunkler, desto härter“, erklärt die Künstlerin. Sigrid Sander geht ganz unbekümmert mit dem Werkstoff um und formt zum Beispiel kleine Kuhköpfe, die sie Paula, Elisabeth oder Clara nennt. In anderen, abstrakteren Arbeiten kommt die Schönheit des Materials voll zur Geltung. „Der Alabaster wird gern für Kirchenfenster genommen; er kann gewissermaßen Licht aufnehmen und eine wunderbare Ruhe ausstrahlen“, erzählt Sander.

In die Welt der Poesie hat eine Lesung von Olivia Douglas eingeladen; sie liest aus zehn eigenen Gedichtbänden, die im Netzwerk der „livres pauvres“ veröffentlicht wurden. Als gute Idee hat es sich erwiesen, vor der Lesung einzelne Textzeilen in der Zuhörerschaft zu verteilen, die dann die- oder derjenige wiedererkennt, als sie gelesen werden. „Da entstand so eine gute Atmosphäre“, berichtet die Poetin, die sich auch als Musikerin betätigt. Ganz besondere, berührende und rhythmische Klänge entlockt sie dem Hang (schweizerisch für Hand). Das aus Bern stammende Instrument, das aus zwei Halbkugeln aus Stahlblech besteht, wird mit Fingern und Händen gespielt. Und so werden Lesung und Musikuntermalung, ebenso wie die Form des Hang, zu einer runden Sache.

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