Hier gibt es immer...

Kunst, Kultur, Konflikte

Bestehend aus den Ortsteilen Fesenfeld, Hulsberg, Peterswerder und Steintor zieht sich die Östliche Vorstadt rechts entlang der Weser. Parallel dazu liegt auch der Nabel des Stadtteils – das Viertel. Viele Geschäfte, Restaurants, Kneipen und Nachtclubs sorgen hier für eine begehrte Wohnlage.
19.08.2016, 16:54
Lesedauer: 5 Min
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Bestehend aus den Ortsteilen Fesenfeld, Hulsberg, Peterswerder und Steintor zieht sich die Östliche Vorstadt rechts entlang der Weser. Parallel dazu liegt auch der Nabel des Stadtteils – das Viertel. Mehr als 300 Fachgeschäfte, Restaurants, Boutiquen, Kneipen und Nachtclubs bilden vor allem um die bekannte Sielwallkreuzung einen Knotenpunkt und sorgen für eine begehrte Wohnlage. Und für hohe Mieten.

„Der Stadtteil verändert sich natürlich, weil Immobilien- und Mietpreise in den letzten Jahren gestiegen sind“, sagt Ortsamtsleiterin Hellena Hartung. Und dies, obgleich die Östliche Vorstadt einst vornehmlich Stadtteil des „kleinen Bürgers“ war. Doch längst ist das Viertel nicht mehr nur beliebt bei Menschen mit alternativem Lebensstil und jenen, die sich in den 70er-Jahren hier niedergelassen haben. In den letzten Jahren haben zunehmend Besserverdiener den Charme des Stadtteils für sich entdeckt.

Die Veränderung des Viertels – und hier im Speziellen die Mietpreise – ist ein schleichender Prozess, der schon seit Jahren im Gang ist. Immobilienfirmen kaufen Gebäude auf. Sie restaurieren und renovieren die Immobilien, die Mieten steigen – und diese Entwicklung bringt Kontroversen mit sich. Alteingesessene können sich den Wohnraum nicht mehr leisten, Zugezogene unterschätzen die nächtliche Aktivität des Viertels.

Es kommt vermehrt zu Konflikten zwischen Anwohnern und Gastronomie-Betreibern. Doch nicht ausschließlich unter den Zugezogenen finden sich Kritiker. Auch langjährige Anwohner beschweren sich zunehmend über die ansässigen Clubs und Bars und die örtliche Feier- und Gemeinschaftskultur, die sich stark gewandelt habe. Initiativen wie „Das Viertel lebt“ werden ins Leben gerufen, um gemeinsam für ein weiterhin buntes und vielfältiges Viertel einzustehen.

Die strukturellen Veränderungen haben aber auch ihre positiven Seiten: Anwälte, Studenten, Manager und freischaffende Künstler, sie alle leben hier gemeinsam und beschreiben so die gesellschaftliche Gemeinschaft; denn nicht überall gibt es Missstimmung. Die Künstler, denen zugeschrieben wird, den Stadtteil noch attraktiver gemacht zu haben, finden im Viertel ihre Plattform und richten ihre Ateliers in Hinterhöfen und ihre Galerien in Bremer Häusern ein.

Bei Veranstaltungen wie „Kunstwerk im Viertel“ laden sie Besucher ein, einen Blick in die kleinen Kreativ-Räume, die Werkstätten und Ateliers, die schönen Hinterhöfe, die Schaffenszentralen zu werfen. „Kucken Kommen“ lautet das Motto – zwei Tage lang. Hinter der Aktion stecken mehr als 60 Kreativ-Schaffende, die an einem Wochenende vielfältiges Programm bieten. Darunter Initiatorin Frauke Alber, die seit nunmehr 20 Jahren in der Östlichen Vorstadt lebt und hier ihre Keramikwerkstadt hat: „Als altes Handwerkerviertel sind wir stolz, dass wir viele alte Handwerksstätten heute als Handwerker und als Künstler beleben.“

Auf dem Weg dorthin begegnet dem Besucher die allgegenwärtige Kunst der Östlichen Vorstadt: „Kunst im öffentlichen Raum, wie die Ziege am Ziegenmarkt. Und auch am Paulskloster ist Kunst“, sagt Hellena Hartung und weist auf kleinere Aktionen hin, wie Schuhe über Bahnleitungen, ein alter Weihnachtsbaum, der auf eine Ampel an der Sielwallkreuzung befördert wurde, eingestrickte Bäume und Laternen oder auch – so in Peterswerder gesehen – Flip Flops, drapiert im Gebüsch.

Eine Kunstform, die noch deutlicher das Stadtteilbild prägt, sind Graffiti. An fast jeder Hausfassade im Vor dem Steintor findet sich die Straßenkunst. Ausgenommen sind jene Gebäude – und davon gibt es viele – an denen professionelle Auftragskünstler am Werk waren. Denn es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass das Werk eines anderen Künstlers nicht übermalt werden dürfe. Und daran halten sich (fast) alle.

Adem Sahantürk ist ein solch professioneller Gestalter. Er hat sich mit seiner Gestaltungsagentur einen Traum erfüllt. Vom Street-Art-Künstler zum Selbstständigen, das hätte der 40-Jährige damals in den 90er Jahren nicht zu träumen gewagt. Mit seinen Arbeiten leistet auch er heute seinen Teil für die erwähnte Vandalismusprävention. Ebenso wie Hellena Hartung, sie berät in Sachen Fassadenschutz: „Wir haben Anwohner dahingehend beraten, dass sie ihre Wände selbst bemalen, um in diese Richtung vorzubeugen.“ Denn nicht alles, was an die Wände gerät, ist auch erwünscht. Für viele Anwohner ist es ein empfindliches Thema, zwischen legaler und illegaler und zwischen Kunst und „nicht Kunst“ zu unterscheiden. Schließlich läge es „im Auge des Betrachters“, heißt es, solange das Eigentum anderer eben unangetastet bliebe.

Was fast ausnahmslos allen, nämlich 98 Prozent, gefällt, ist eines der größten Projekte, über das nun das gesamte Viertel, ganz Bremen und die Besucher der Hansestadt, urteilen können. Das Chamäleon. Im Frühjahr 2014 hat Adem Sahantürk mit seinem Team das Kunsttier entwickelt. Nun sitzt es auf seinem Giebel und schaut versteinert von oben herab. In 300 Arbeitsstunden haben die Künstler ein Wahrzeichen für das Viertel geschaffen, bunt und gigantisch, über eine Fläche von 65 Quadratmeter. Und in Kooperation mit der Interessensgemeinschaft „das Viertel" e.V.

Neben solchen Großaufträgen sind es auch die Ladenbesitzer und Anwohner im Viertel, die die Gestaltung ihrer Hausfassaden oder auch Garagentore in Auftrag geben – Flächen, die dem Team um Sahantürk als Leinwand dienen. Seit 26 Jahren ist er jetzt in diesem Geschäft und lebt mit jeder geleerten Sprühdose noch immer seine Passion. Für die er aber auch mal angegangen wird, zumindest in seiner Mittelsmannfunktion zwischen Anwohnern und Street-Art-Künstlern: „Manchmal kommen Menschen ins Geschäft, die ich nicht kenne. Sie sind ungehalten und beschweren sich über Kunst an ihren Fassaden, mit der ich nichts zu tun habe. Aber in dem Moment diene ich als offizielles Gesicht.“ Seit 2002 ist die Agentur fester Bestandteil im Viertel und wird von den Menschen überwiegend positiv wahrgenommen. „Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Polizei mich bei meinen Aufträgen nicht unterbricht.“

Überhaupt sei das Viertel ein Ort der „bunten Vielfalt und der unterschiedlichsten Kulturen“. Das spiele, so Sahantürk auch bei der Kunst auf der Straße eine wichtige Rolle. Vom Jugendlichen, der sich ausprobieren, über den Linksgerichteten, der möglicherweise eine politische Botschaft transportieren möchte, bis hin zum professionellen Street-Art-Künstler ist hier jeder vertreten. Neben politischen Botschaften sind es auch kleine lyrische Passagen oder „Hints“ – also Hinweise – die in den Bildern versteckt sind. Und wie in der Kunst üblich, ist vieles Interpretationssache. Die sogenannten „Paste Ups“ – Papierwerke, die mit Klebemittel an den Untergrund befestigt werden – bereiten die Künstler oftmals aufwendig andernorts vor.

Sahantürk sagt: „Das Viertel ist vor allem bekannt für seine temporären Aktionen." Dazu zählt das Aufkleben von Kulleraugen auf Briefkästen oder das Nachzeichnen des eigenen Schattens. Und oft sind es bewegliche Dinge. So gab es einen Künstler, der gebastelte Schafe im Steintor verteilte. Diese waren allerdings so niedlich, dass sie schnell mitgenommen wurden. „Für mich sind das alles Formen der Kunst! Es sollte nur nie das persönliche Eigentum beschädigt werden“, sagt Sahantürk. Über 200 Fassaden und mehr als 1000 Bilder hat der Bremer in mehr als einem Vierteljahrhundert in seiner Heimatstadt gestaltet. Sein Credo: „Jeder ist in seinem Bereich ein Künstler!“

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