Neuer Mankell-Thriller Kurt Wallander kehrt letztmalig zurück

Bremen. Kurt Wallander kehrt zurück. Henning Mankell reaktiviert den berühmtesten Ermittler Schwedens - allerdings letztmals: Im Thriller 'Der Feind im Schatten', der am 30. April erscheint, gerät der Fahnder auf die Spur einer politischen Affäre, die ihn ins Herz des Kalten Krieges führt.
29.04.2010, 17:40
Lesedauer: 4 Min
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Kurt Wallander kehrt letztmalig zurück
Von Hendrik Werner

Bremen. Es ist der Höhepunkt des Krimi-Frühjahrs: Kurt Wallander kehrt zurück. Henning Mankell reaktiviert den berühmtesten Ermittler Schwedens - allerdings letztmals: Im Thriller 'Der Feind im Schatten', der heute bei Zsolnay erscheint, gerät der Fahnder auf die Spur einer politischen Affäre, die ihn ins frostige Herz des Kalten Krieges führt. Es geht um U-Boote und andere Formen des Untertauchens. Es geht um Landesverrat und familiäre Geheimnispreisgabe. Und um jene Dialektik von Schuld und Sühne, die den alternden Schweden wie keinen anderen europäischen Unterhaltungsromancier umtreibt.

Seine Fangemeinde braucht es bei der Lektüre des Hochspannungsromans nicht zu bekümmern, dass Mankell die serielle Hauptfigur angeblich nur deshalb reanimiert, weil ihm Geld für soziale Projekte in Mosambik fehlt. Ohnedies macht das Wiederlesen Freude. Dies deshalb, weil Wallander einer der beachtlichsten Protagonisten in der jüngeren Genregeschichte ist. Wohl darum hat er sich auch abseits der literarischen Vorlagen so massiv vervielfältigt wie zuvor allenfalls ein gewisser Maigret.

Mankells Dauerheld ist knorrig, knurrig, sperrig. Eigenschaften, die einen Mann kaum zum Sympathieträger qualifizieren. Und doch avancierte Kommissar Kurt Wallander Anfang der Neunzigerjahre europaweit zum Publikumsliebling. Dafür sorgten zunächst nur die literarischen Vorlagen von Mankell (Jahrgang 1948), den sein Serienermittler aus dem südschwedischen Ystad zum Bestseller-Autor machte. Mittlerweile jedoch haben sich Wallander und seine streng genommen nur neun literarischen Fälle (zuzüglich einiger Erzählungen) auf wundersame Weise vermehrt: Dutzende Hörbücher mit dem wunderbaren Axel Milberg und etliche Filme nach Romanmotiven machen aus dem Polizisten eine multiple Kunstpersönlichkeit.

Schwedische Passionsfigur

Weil die Figur zum Selbstläufer geworden ist, wundert es nicht, dass sie ihres Schöpfers nicht mehr bedarf, um crossmedial überleben zu können. Deshalb hielt sich die Aufregung in Grenzen, als Mankell vor einem Jahr bekannte, am definitiv letzten Wallander-Thriller zu sitzen. Das Buch werde, raunte er düster, 'ein tragisches Ende nehmen, aber Wallander wird nicht sterben'. Dafür, dass der bei seiner letzten Mission anrührend unter Demenz leidende Kommissar unsterblich bleibt, sorgen schon die vielen Fernseh-Adaptionen. Vergangenes Jahr trat bereits der dritte Wallander-Darsteller seinen Dienst an: Nach den schwedischen Schauspielern Rolf Lassgard und Krister Henriksson, der just in einer neuen, 13-teiligen Staffel im Ersten zu sehen ist (nächster Sendetermin: Pfingsten), war der Dritte im Adaptionsbunde ein Brite, dessen Namen man bislang mehr mit Shakespeares Krimidramen assoziierte als mit spannenden Schwedenhäppchen: der Schauspieler und Regisseur Kenneth

Branagh. Er verkörpert Wallander in einer BBC-Miniserie in wohltuend enger Anlehnung an die Literaturvorlagen 'Die falsche Fährte' (1995), 'Mittsommermord' (1997) und 'Die Brandmauer' (1998). Er tut dies schmallippig und verhärmt. Eine Passionsfigur, die - dem Weltverbesserer Mankell ähnlich - alles Leid der Welt schultert.

Schwerblütiger ist die Figur nie dargestellt worden. Nicht vom polternden Rolf Lassgard (bis 2007), nicht vom oft pragmatischen Krister Henriksson. Beide Darsteller sind formidabel, beide Reihen solides Spannungsfernsehen, das zu überbieten schwer vorstellbar schien. So schön deprimierend wie die Verfilmungen mit Branagh, der weitere Folgen drehen wird, waren sie selten. 'Nie sah ich Wallander so traurig', sagt Mankell über Branaghs Einsätze. Ohne gute Vorlagen verfängt keine noch so grandios besetzte Adaption. Es zeichnet die engagierte Literatur Mankells aus, dass jeder Wallander-Roman zeitgeschichtliche Brisanz birgt: 'Die falsche Fährte' thematisiert die Zwangsprostitution Minderjähriger, 'Die Brandmauer' ein realitätsnahes Hacker-Szenario.

Sozialkritischer Aufklärungsfuror

'Der Feind im Schatten' schließlich, vielleicht der stärkste Roman der Serie, handelt von amoralischen Banden zwischen Politik und Militär. Erneut kann es Mankells sozialkritischer Aufklärungsfuror mit dem der Genre-Ahnherren Maj Sjöwall und Per Wahlöö aufnehmen, die ihrem Dekalog 'Roman über ein Verbrechen' die bemäntelte Verderbtheit des schwedischen Sozialstaats einschrieben. Wie sonst nur sein Landsmann Stieg Larsson lädt Mankell seine Prosa mit Zeitdiagnosen auf. Ohne dabei jemals Gefahr zu laufen, dass seine Fiktionsenergie in Thesenpapiere mündet.

Zu dem oft verbissen wirkenden Gutmenschen Mankell passen die Personenkonstellationen der Kultreihe: Dieser Chef ist nur so gut wie sein Team: Unter den Nebencharakteren ragten in knapp 20 Wallander-Jahren zwei Figuren heraus: der gewitzte Assistent Stefan Lindman sowie Linda, des Kommissars Tochter. Sie, die in dem Roman 'Vor dem Frost' (2003) allein ermitteln durfte, ist der Brückenkopf zwischen dem mehr nolens als volens selbstgenügsamen Wallander und seinem Umfeld: Zum einen beglaubigt die labile Linda seine Geschichte als Melancholiker. Zum anderen baut sie dem Virtuosen der Wortkargheit Brücken, wenn er wieder an der Dekadenz des westlichen Kulturkreises verzweifelt. Als Belohnung spendiert Mankell ihr in Wallanders letztem Fall die Aussicht auf eine Hochzeit. Dass der Schwiegervater ihres Verlobten jedoch tiefer in den Fall verwickelt sein könnte, als ein U-Boot tauchen kann, ist nicht die einzige Erzählvolte in diesem gelungenen Schlussakt einer literarischen Ära. Wir werden Wallander vermissen. Dieser Vermisstenfall lässt sich leider nicht zur Zufriedenheit des Lesers klären.

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