Rückgang und Leerstand von Belegwohnungen

Kurz vor der Obdachlosigkeit

Die Anzahlt der sogenannten Schlichtwohnung und Belegwohnung ist deutschlandweit stark zurückgegangen. Es waren einmal 3000 - jetzt sind es noch rund 100.
16.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Kurz vor der Obdachlosigkeit
Von Silke Hellwig
Kurz vor der Obdachlosigkeit

Auf Komfort kann Bernhard Richter gut verzichten. Ihm reicht seine sogenannte Schlichtwohnung in Walle vollkommen.

Christina Kuhaupt

Bernhard Richter lebt in Walle. Die Lage seiner Wohnung ist idyllisch. Sie gehört zu einem Komplex mit 40 Wohnungen. Die Gebäude sind zweigeschossig, im Innenhof hängt Wäsche, in dem kleinen Garten wird Gemüse angebaut. Allein die Tür zu Richters Wohnung hat gelitten.

Das Glas ist geborsten und notdürftig mit Klebeband geflickt. Wenn es nach Richter geht, ändert sich nichts an seinen Wohnverhältnissen. Er ist zufrieden mit seiner sogenannten Schlichtwohnung, ohne Zentralheizung und Warmwasser und mit einer Camping-Dusche. „Ich habe hier meine Freiheiten“, sagt er. „Niemand stört sich an den Hunden oder daran, ob ich laut oder leise bin.“

Richter ist kein Mieter, sondern Nutzer. Seine Wohnung ist eine sogenannte OPR- oder Belegwohnung. OPR steht für Obdachlosenpolizeirecht. Danach wurde ihm die Wohnung zugewiesen, nachdem er seine vorherige Bleibe verloren hatte und auf der Straße stand. Ein halbes Jahr war er obdachlos. Die Miete wird direkt von der Stadt bezahlt. Die schlichten Wohnungen in Walle gehören der Bremischen, die mittlerweile in der Deutschen Annington SE aufgegangen ist. Die Hälfte der Wohnungen sei momentan vermietet, sagt Bettina Benner, Sprecherin der Annington, drei davon – wie bei Bernhard Richter – als OPR-Wohnungen an die Stadt.

Bremenweit gibt es derzeit laut Bernd Schneider, Sprecher des Sozialressorts, knapp 180 OPR-Wohnungsverhältnisse und rund 100 Wohnungen. Es waren einmal etwa 3000. Vor allem die Bremische hat als ehemals stadteigenes Wohnungsunternehmen solche Appartements im Bestand. „Viele waren in einem desolaten Zustand“, sagt Berthold Reetz, Bereichsleiter für Wohnungslosenhilfe bei der Inneren Mission. Niemand habe sich gekümmert. Die Siedlungen galten jahrlang als soziale Brennpunkte, die oft unter besonderer Beobachtung der Polizei standen. Bis heute sind „die rechtlichen Anforderungen an die Ausstattung von OPR-Wohnungen niedrig“, sagt Schneider. Das sei auch mehrfach gerichtlich bestätigt worden.

Ende der 90er-Jahre änderte das Sozialressort seine Strategie und konzentrierte sich laut Schneider stärker darauf, Zwangsräumungen zu verhindern. Allerdings war das, betont Reetz, zu einer Zeit, in der die Lage auf dem Wohnungsmarkt relativ entspannt gewesen sei. Menschen mit Problemen wurden mit Hilfe der Ämter in reguläre Sozialwohnungen vermittelt, OPR-Wohnungen wurden in Sozialwohnungen umgewandelt.

Anlass für die neue Strategie seien auch die hohen Kosten gewesen, sagt Schneider. Nicht immer seien alle OPR-Wohnungen genutzt worden, bezahlt werden mussten sie dennoch. Inzwischen stehen viele „Schlichtwohnungen“ leer – sowohl am Sacksdamm in Sebaldsbrück als auch in der Reihersiedlung in Gröpelingen und in der Holsteiner Straße in Walle. „Es war ein Riesenfehler der Stadt, sich aus der Bremischen zurückzuziehen“, sagt Sozialarbeiter Jonas Pot d’Or, „damit hat sie ihren Einfluss auf diese Art von Wohnung verloren“.

Aber die Gewoba gehört noch zu fast 75 Prozent der Stadt. In ihrem Bestand gibt es auch OPR-Wohnungen, die dazu formal erklärt werden, wenn es Schwierigkeiten mit Mietzahlungen gibt. Derzeit sind es laut Manfred Corbach 25. Corbach ist Prokurist für die Immobilienverwaltung. Sowohl die Behörden als auch die Gewoba bemühten sich, diesen Status nur übergangsweise beizubehalten. Grundsätzlich sei die Gewoba immer bereit, mit sich reden zu lassen, wenn sich Mietschulden aufgetürmt hätten. Meistens gelinge es, eine einvernehmliche Regelung zu finden, auch mit Hilfe der Behörden. Davon zeuge die mit 200 geringe Zahl von Zwangsräumungen pro Jahr – bei 41 600 Mietwohnungen. „Jeder hat seine Chance.“ Vor allem bei Familien sei der Geduldsfaden lang.

Auf 400 bis 500 schätzt Reetz die Zahl der Wohnungslosen in Bremen. Für sie gibt es Unterstützung. Das sogenannte „Intensiv Betreute Wohnen“ zum Beispiel. Oder die „aufsuchende Hilfe“, mit der Wohnungsverlust verhindert werden soll. Das Adelenstift und das Isenbergheim gehören ebenfalls dazu. Sie nehmen Menschen auf, „die mit aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr in eine eigene Wohnung vermittelt werden können“.

Die Gewoba hat sich vor mehr als 20 Jahren durch den mit der Stadt geschlossenen „Wohnungsnotstandvertrag“ verpflichtet, Obdachlose in freiwerdende Sozialwohnungen aufzunehmen, so Corbach. Und sie hat der Inneren Mission ein Haus zur Verfügung gestellt, wo Menschen mit professioneller Unterstützung den Weg zurück in ein eigenverantwortliches Leben in einer regulären Wohnungen finden. In den vergangenen drei Jahren, sagt Corbach, seien daraus 147 neue Mietverhältnisse erwachsen.

Reetz und Pot d’Or reicht das nicht. Die Zahl der OPR-Wohnungen sei nicht ausreichend. „Es muss die Möglichkeit geben, Menschen kurzfristig in Wohnungen unterzubringen statt in teure Notunterkünfte“, sagt Pot d’Or. Zum einen habe sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt dramatisch verändert: Alte Menschen mit niedriger Rente, Studenten, Flüchtlinge und alle anderen Menschen mit wenig Geld konkurrierten um die doch immer noch wenigen bezahlbaren Wohnungen. Obdachlose stünden ganz am Ende der Schlange. Ein sehr großer Teil der Wohnungslosen sehne sich nach einer dauerhaften Bleibe – auch wenn einige das so nicht formulierten. „Irgendwann fangen Menschen an, dass zu wollen, was sie gerade leben, weil es gar nicht anders auszuhalten ist.“

Zum anderen gebe es Menschen, die sich nicht in regulären Wohnraum vermitteln ließen, weil sie beispielsweise einen anderen Lebensstil hätten als die Nachbarschaft. „Es gibt tatsächlich relativ viele, die eine Art Nischenwohnungen suchen“, sagt Berthold Reetz. Für sie sei eine Ausstattung ohne Zentralheizung eher tolerabel, als Nachbarn, die Wert aufs pünktliche Treppenhausreinigen legten. Ein Teil der Menschen, die jetzt auf der Straße lebten, hätten früher in OPR-Wohnungen gelebt.

Die Belegrechte müssen wieder angehoben werden, sagt Reetz, zumindest übergangsweise. Er wünscht sich, dass die Gewoba die „Schlichtwohnungen“ der Deutschen Annington abkauft und saniert, „damit dort Menschen unterkommen können, die jetzt unter der Brücke schlafen. Wir hätten auf einen Schlag mehr als 100 Leute von der Straße weg.“

Bernhard Richter hängt an seiner schlichten Wohnung, nicht zuletzt, weil er weiß, wie es ist, wenn man gar keine hat. In eine reguläre Mietwohnung zieht es ihn nicht. „Dazu bin ich zu sehr Außenseiter.“ Was aus der kleinen Siedlung in Walle wird ist ungewiss. Erst Ende des Jahres werde ein Entscheidung fallen, sagt die Sprecherin der Deutschen Annington.

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