Im Stiftungsdorf Blumenkamp kümmert sich Rainer Bensch als Clown um Demenzkranke Kurze Lichtblicke des Geistes

Von ULf Buschmann
01.03.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von ULf Buschmann

St. Magnus. "Wer bist Du?", fragt die Dame. Der Clown schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern. Die Dame fragt erneut: "Wer bist Du?" Der Mann mit der roten Nase, dem breit geschminkten Mund und den quietschroten Haaren antwortet mit krächzender Stimme: "Max Greger!". Sie glaubt es nicht und wiederholt ihre Frage ein drittes Mal. "James Last", krächzt der Clown und nimmt die Dame in den Arm. Sie freut sich riesig.

Hinter dieser Maske steckt Rainer Bensch. Der examinierte Altenpfleger und Diplom-Pflegewirt, der sich in vielfältiger Art und Weise als Betreuungsassistent um das Wohlbefinden Demenzerkrankter kümmert, nutzt im Stiftungsdorf Blumenkamp der Bremer Heimstiftung die Spielräume, die das Gesetz seit einigen Jahren in der Betreuung alter Menschen zulässt. Das Ganze steht unter der Überschrift "Zusätzliche Betreuungsleistungen".

Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz bietet dem Pflegeheim die Möglichkeit, den betroffenen Heimbewohnern, bei denen ein erheblicher Bedarf an Betreuung anerkannt wurde, zusätzliche und individuelle Betreuung anzubieten.

Dieses Mehr an Betreuung der Senioren bedeutet für das Stiftungsdorf Blumenkamp, dass Bensch im Rahmen der psycho-sozialen Betreuung unter anderem als Clown im Einsatz ist - "sehr wohl dosiert", wie er selbst sagt. Hier zählt das Motto, dass weniger manchmal mehr ist. Einige der Menschen mit dementieller Erkrankung hätten Misstrauen gegenüber dem Clown. "Deshalb muss man da mit Bedacht herangehen", sagt Bensch.

Poesievolle Bewegungen

Das tut er sehr wohl: Langsam und vorsichtig, nicht polternd, nähert er sich seinen älteren Schützlingen. In großem Bogen streckt der Clown ihnen die Hand zum Gruß hin oder streichelt ihnen sanft über die Wange. Poesievoll wirken die Bewegungen, wie im Zirkus. Mimik und Gestik drücken hier Gefühle aus.

"Demenz ist der Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit einem Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientierung und Verknüpfen von Denkinhalten einhergehen und die dazu führen, dass alltägliche Aktivitäten nicht mehr eigenständig durchgeführt werden können", erklären die Autoren der Internetseite www.alzheimer.info.

"Clown" Rainer Bensch ist heute in der Hausgemeinschaft aktiv, in der Bewohner mit einer weit fortgeschrittenen dementiellen Erkrankung betreut werden. Er pustet Seifenblasen in die Luft, eine Frau versucht sie einzufangen. Am Tisch nebenan bläst der Clown einen gelben Luftballon auf. Nachdem der Clown Platz geschaffen hat, spielen er und die Bewohnerin zusammen. Da macht der außenstehende Beobachter spontan mit. Es scheint, als möchte die Dame stundenlang weitermachen.

Einige Meter weiter freut sich ein Herr über den Clown. "Ahoi!", begrüßt er ihn, flüstert einige Worte in sein Ohr und geht weiter. Rainer Bensch schaut ihm gedankenverloren nach. Er kennt die Biografie des Mannes ziemlich genau. Und weil im Stiftungsdorf Blumenkamp zahlreiche alteingesessene Nordbremer leben, weiß Rainer Bensch, wie die Menschen waren, bevor sie an einer Demenz erkrankt sind - wie zum Beispiel der ehemalige Schulleiter, der an seinem Tisch sitzend in sich gekehrt die ganze Zeit nach unten auf ein Bilderbuch blickt. Ihn kann Rainer Bensch heute nicht aus seiner Versunkenheit herauslocken. Er lebe nur noch in der Welt der Lehrer und Schüler vergangener Tage.

Dafür ist der Herr unten im Foyer umso intensiver dabei: Er spielt mit dem Clown, schneidet Grimassen, fängt die Seifenblasen auf. Der Clown Rainer Bensch und sein Gegenüber strahlen so etwas wie eine besondere Art kindlicher Gelassenheit aus.

Dörte Fiedler, Sozialdienstleiterin des Stiftungsdorfes, sieht mit eigenen Augen, dass das Konzept, ein Angebot zu machen, "was auch Spaß und gute Laune bringt", aufgeht: "Wir möchten bei den Bewohnern die Neugierde anregen und ihr Erstaunen und ihre Freude erleben." Der bunte Gast weckt Gefühle, bringt Lachen und schafft eine fröhliche Atmosphäre auch bei den Mitarbeitern. Er schenkt Zeit und Vertrauen. Bensch meint mit einem Augenzwinkern, dass ein Clown mit Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, irgendwie seelenverwandt sei: "Demenzkranke und Clowns stehen oft im Abseits." Der Clown macht wie sie kuriose Dinge, passt sich jeder Situation an, probiert und versagt, aber er verzweifelt nie, steht immer wieder auf und versucht sein Glück neu.

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