Bei Kaemenas kommt die Kuhmilch vom Euter in den Kühltank und dann direkt zum Verbraucher

Kurze Wege wie in alten Zeiten

Blockland. Bernhard Kaemena steht unten in der Melkgrube und redet auf seine Kuh ein. Kinder schlecken Eis und schauen dem Landwirt beim Melken über die Schulter.
23.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Petra Scheller

Bernhard Kaemena steht unten in der Melkgrube und redet auf seine Kuh ein. Kinder schlecken Eis und schauen dem Landwirt beim Melken über die Schulter. Fünf Meter entfernt hat sich eine Schlange vor dem funkelnagelneuen Brunimat, gewissermaßen der Porsche unter den Milchautomaten, gebildet.

Ingrid und Jürgen aus Bremen-Mitte diskutieren mit Gästen aus Bremen-Nord über die Vorzüge von Rohmilch direkt vom Bauern. „Wenn man weiß, dass es das hier gibt, kann man sich seine Milchflaschen ja jedes Mal nach dem Sonntagsausflug abfüllen“, sagt eine Frau, die eigentlich mit ihren Kindern nur zum Eisessen gekommen ist.

Drei Liter Rohmilch haben sich Jürgen und Ingrid frisch gezapft. Das Nahrungsmittel kommt direkt aus dem Kühltank, der hinter der Milchstation steht. Durch dicke Schläuche läuft die Milch aus dem Euter der Kuh direkt in den Kühltank. Dort wird sie auf 4,5 Grad runtergekühlt. „Frischer geht´s nicht“, sagen die Milch-Abholer.

Zwei Milchsorten

Zwei Sorten bietet der zwei Meter hohe Edelstahl-Brunimat, der in der Nachmittagssonne glänzt: Rohmilch und pasteurisierte Milch. Letztere wird bis zu 30 Sekunden lang bei 72 bis 75 Grad kurzzeiterhitzt. Für Kaemenas ist das kein großer Aufwand. Beide Milchsorten kosten deshalb gleich viel, beziehungsweise gleich wenig: Nur einen Euro müssen Endverbraucher für den zertifizierten Liter bezahlen. „Das ist unser Einführungspreis“, sagt Birte Kaemena, die sich hauptsächlich um das Hof-Milchprojekt kümmert. Daneben gibt es ein Ferienwohnungs-, ein Eis- und ein Käseprojekt. Mal abgesehen vom Landwirtschaftsbetrieb, der ursprünglichen Einnahmequelle der Familie. Seit 1802 bewirtschaften Bauern die heutige Hofstelle. „Im Grunde produzieren wir heute wieder so, wie es in den Anfängen war. Damals war Bio kein abweichender Standard, sondern die einzige Art, wie Landwirtschaft betrieben werden konnte“, unterstreicht Bernhard Kaemena in einer kurzen Melkpause.

Vor zehn Jahren hat das Familienunternehmen mit viel Fantasie, einem 16-Stunden-Tag – sieben davon pro Woche – den Sprung vom landwirtschaftlichen Betrieb zum Erlebnisbauernhof gewagt. „Um den Betrieb aufrechterhalten zu können, und um eine Lanze für ökologisch verträgliche Landwirtschaft zu brechen“, so Birte Kaemena. Für die Bauingenieurin, die selbst auf einem Hof in Schleswig-Holstein aufgewachsen ist, „eine große, aber auch eine tolle Herausforderung.“

Auf der Weide bekommen die Kühe nur frisches Gras und Wiesenblumen zu fressen. Milchabholer Jürgen schmeckt das raus. Er schwört auf Rohmilch. Laut „Milch-ab-Hof-Abgabeverordnung“ haben Kaemenas die Erlaubnis, sie direkt an die Endverbraucher zu verkaufen. Rohmilch wird vor dem Verkauf nicht erhitzt und ist in den 1980er-Jahren aus der Mode gekommen. „Damals fand man das Ehec-Bakterium in der Milch. Das war aber eher ein Hygiene-Problem“, erklärt Bernhard Kaemena den Milchabholern. Drei Schritte seien bei der Milchkette zu beachten. „Erstens muss der Euter vorm Melken immer gesäubert werden. Zweitens darf beim Melkzug nur ganz wenig Luft eingesogen werden.Und drittens kurze Wege bis zur Abfüllstation. Und die Milch sofort runterkühlen.“

Beim Pasteurisieren gehe der Vitamin-C-Gehalt verloren, deshalb schwöre er auf Rohmilch, sagt Kaemena. Für ihn sei die Reinigung der Flaschen das A und O, fügt ein Gast hinzu. „Abgekochtes Wasser, ein bisschen Spüli und alles mit der Flaschenbürste gut reinigen. Auch den Deckel! Hinterher gut trocknen lassen.“ Eine Spülmaschine schaffe das nicht, ergänzt Birte Kaemena.

26 Liter Milch gibt die kaemenasche Kuh im Schnitt pro Tag. 72 Kühe werden hier jeden Tag gemolken. Morgens von 6 bis 7.30 Uhr und nachmittags von 16.30 bis 18 Uhr. Wer will, kann zugucken. Bislang werden nur rund 15 Liter Milch täglich direkt abgeholt. „Auf Dauer zu wenig“, sagt die Ingenieurin. Sie hofft auf mindestens 30 bis 45 Liter pro Tag, damit sich das Ganze rechnet. Täglich führt sie Buch über die abgeholten Liter – auch fürs Veterinäramt. Zum Vergleich: 20 000 Liter Milch werden auf dem Hof jährlich zu Eis verarbeitet. Rund 520 000 Liter gehen an die Molkerei Dehlwes. Wie viel letztendlich direkt verkauft werden wird, bleibt abzuwarten. Die Nachfrage bestimme letztendlich das Angebot. „Früher sind immer mal Leute vorbeigekommen und haben nach Milch gefragt. Der erste morgens um acht, die letzten Rennradfahrer abends um zehn. Das ist jetzt einfacher“, findet Birte Kaemena und lacht. „Was noch fehlt ist ein Hocker, damit die Kinder an den Auslass kommen.“

Jana Pahla und ihr Sohn Niklas schaffen es auch ohne Hocker. Niklas darf die Flasche in die Zapfnische stellen. Alles Weitere übernimmt seine Mutter. Einmal in der Woche kommen die beiden aus Horn hergeradelt. „Man schmeckt den Unterschied zur Supermarktmilch“, unterstreicht Jana Pahla. „Abends bringen wir das Ländliche mit nach Hause, das ist schön.“

Michael Boldt wohnt in der Nachbarschaft. Routinemäßig holt er vier Milchflaschen aus seiner blauen Kühltasche. Heute soll er die pasteurisierte Milch kaufen. „Weil die länger hält.“ Er hat im Oberblockland ein Wochenendhaus. Die Milch sei für seine Enkelkinder. „Ich komme ein paar Mal in der Woche vorbei. Bei uns ist die Milch schnell weg. Die schmeckt so sahnig, so köstlich!“

Fünf Liter Rohmilch zapft sich der letzte Abholer ab, der in dieser Stunde auf dem Hof aufkreuzt: Selbst gebautes Lastenfahrrad mit Isolierkiste vorm Lenker, neonfarbene Leuchtweste, neonfarbener Fahrradhelm. Ein Maschinenbauingenieur aus Riensberg. „Diese Milch und Supermarktmilch? Das ist ein himmelweiter Unterschied! Das hier ist der Geschmack von richtiger Milch!“ Er sei im Studium drauf gekommen. Damals habe er einen Freund auf einem landwirtschaftlichen Betrieb besucht. „Seitdem weiß ich, wie Milch eigentlich schmeckt.“

Die Kaemenas leben mit vier Generationen im Niederblockland 6 in Bremen. Milch kann rund um die Uhr gezapft werden. Eisdiele, Galerie und Spielplatz haben wechselnde Öffnungszeiten. In den Sommerferien täglich von 11 bis 18 Uhr.

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