Fotoreportage La Strada - Die ganze Welt ist eine Bühne

Das Internationale Festival der Straßenkünste La Strada feiert an diesem Wochenende sein 25-jähriges Jubiläum. Wir haben einige Künstler und Künstlerkollektive hinter den Kulissen begleitet.
16.06.2019, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Bernd Kramer (Fotos) und Sigrid Schuer (Text)

Konfetti für alle: Mal poetisch und leise, mal trashig und laut und vor allem fröhlich und friedlich ist „La Strada“.

Peter Trabner gibt bei seiner „La Strada“-Premiere alles. Er schwitzt und schreit, spritzt mit Wasser und legt schließlich mit Hilfe eines flugs rekrutierten Mitspielers aus dem Publikum einen formidablen Strip auf die Bühne. „Die Unterhose bleibt aber an“, lässt er einen zweiten Mitspieler rufen. Der Mann, der da unter dem riesigen Baum auf der Wall-Wiese wie ein Berserker im Volksbühnen-Stil Bambule macht, hat einen gewissen Promi-Status.

Vielen Tatort-Fans wird er als Dresdner Gerichtsmediziner Dr. Lammert bekannt sein. Ausgangspunkt seines Ein-Mann-Impro-Theater-Spektakels ist Friedrich Hölderlins Dramen-Fragment „Der Tod des Empedokles“ von 1797. Trabner nimmt seine Zuhörer mit auf eine politisch schwer korrekte Theaterprobe, in der quasi alles verboten ist, was der Schauspieler mit Vorliebe für trashige Kraftausdrücke, in dessen Rolle er schlüpft, so liebt: Curry-Pommes mit Majo-Ketchup und Billigklamotten vom Textil-Discounter. Und nun das: eine esoterische Grüntee-Stimmung wie bei Marina Abramovic.

Was es mit der Künstlerin auf sich hat, lässt er eben mal die junge Sarah erläutern, die er aus dem Publikum pickt und auf die Bühne holt. Andere Zuschauer werden als veganer Problemwolf oder tückischer Jäger im Handumdrehen dienstverpflichtet. Der Rest des Publikums mimt die chorische Geräuschkulisse, wenn Trabner brüllt: „The circle of nature“, alles hänge eben mit allem zusammen. Und wer wagt, vor dem Ende des Stückes aufzustehen, wird von ihm angepflaumt: „Ey, was soll das denn, wo wollt ihr hin?“

Trabner rezitiert immer wieder Hölderlins poetische Original-Verse, um dann die elegante Kurve zur Kritik an Kapitalismus und Konsum-Terror zu kriegen. Peter Trabner, der in jungen Jahren in der Taubenstraße in Bremen gewohnt und hier auch seine Schauspiel-Leidenschaft entdeckt hat, kommt vom Straßentheater, ergo ist er bei dem internationalen Festival für Straßenkünste „La Strada“ goldrichtig. „Der direkte Kontakt mit dem Publikum stärkt mich fürs Drehen", resümiert er. „Beste Show des Abends“, stellt einer seiner Mitspieler fest. „Ey, Leute, das war mein erstes Theaterstück, in dem ich mitgespielt habe“, brüstet er sich gegenüber seinen Kumpels. Donnernder Applaus. Andere Flaneure haben sich andere Acts zur „besten Show“ des Abends auserkoren. Wie die „Golden Flamingos“ weiter oben am Olbers-Denkmal, die sich erstmal mit der Lautstärke, die aus der Ferne von Vollblut-Schauspieler Trabner herüberschallt, arrangieren müssen.

Auch das Quartett, das sich nach 15 Jahren eigens für „La Strada“ wieder zusammen gefunden hat, spielt vor vollbesetzten Reihen und zwar drei Stunden en suite. Am 3. Juli haben sie im „Salon Puschel“ in der Schaulust am Güterbahnhof ihren nächsten Auftritt. Und da die Bremer Stadtmusikanten in diesem Jahr 200. Jubiläum haben, ist schon klar, welcher Wunsch an die Flamingos herangetragen wurde: Pyramiden in Stadtmusikanten-Manier bauen. Und das tierische Wahrzeichen passt ja auch ganz gut zum Thema alternder Künstler, findet Uli Baumann, die in Ausschnitten aus der Krimi-Operette „Die Todesspirale“ mal als Seiltänzerin, dann wieder als imaginäre Dompteuse, Trapezkünstlerin oder sogar Robbe agiert. Die Rest-Flamingos, das sind Alexander Seemann am Keyboard, Holger Meierdierks an der E-Gitarre, auch bekannt als Friedrich der Zauberer, und Jan Fritsch mit Zigaretten-Spitze am Schlagzeug.

Die Stimmung bei „La Strada“ ist fröhlich und friedlich, die vielen Flaneure genießen am Sonnabend den Sonnenschein. Kreativität und Menschenfreundlichkeit setzen die Mitglieder des Blaumeier-Ateliers dem abgrundtiefen Hass entgegen, den so manche Zeitgenossen hegen. Die Passanten zücken auf dem Domshof die Smartphones, um Fotos und Videos zu machen, als sich die „Maskapelle“ in ihren pittoresken, schweißtreibenden Kostümen und Masken in Bewegung setzt. Die neueste Erfindung des integrativen Vorzeigeprojektes wurde jüngst beim Mittenmang-Festival aus der Taufe gehoben.

Heiner Holthusen, seit sechs Jahren bei den Blaumeiers dabei, strahlt: „Wir sind schon eine tolle Truppe, aber eben auch ein bisschen durchgeknallt“. Das Sahnehäubchen des Walking Acts ist die Konfetti-Maschine, aus der goldenes Konfetti auf die Schaulustigen niederregnet. Gerade eine Ladung abbekommen haben Anna-Maria Mücke und ihr anderthalbjähriger Sohn Maro: „Letztes Jahr war das ja noch ziemlich stressig für ihn. Aber jetzt findet er das ganz interessant mit all den verkleideten Leuten und der Musik“. Beide wippen im Takt der Walzermusik mit, während die Mitglieder der „Maskapelle“ ein Tänzchen wagen.

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