Ungewisse Aussichten für Bremer Einrichtung Länderzentrum statt Verein

Das Institut für niederdeutsche Sprache mit Sitz im Bremer Schnoor sucht neue Geldgeber, nachdem die vier norddeutschen Länder ihre Finanzierung gestrichen haben.
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Von Elke Gundel

Plattdeutsch erlebt in Bremen gerade einen Umbruch: Seit über 40 Jahren ist das Institut für niederdeutsche Sprache (INS), ansässig im Schnoor, die erste Adresse fürs Niederdeutsche. Trotzdem wird Anfang 2018 ein neues Länderzentrum für Niederdeutsch aus dem Boden gestampft. Es soll ebenfalls in Bremen angesiedelt sein und sich um die Förderung der niederdeutschen Sprache kümmern. Ob diese Parallelstruktur sinnvoll ist, dazu gehen die Auffassungen auseinander.

Aus der Bremer Kulturbehörde heißt es, die bisherige Praxis habe gezeigt, dass Angebote des Instituts für niederdeutsche Sprache wie etwa die Sprachvermittlung nicht allen beteiligten Ländern in gleicher Form und ausreichend zugute gekommen seien. Hintergrund: Die vier Nordländer Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg haben das INS in der Vergangenheit mit 271.000 Euro jährlich finanziert; 80.000 Euro davon hat Bremen beigesteuert. Daher, so die Erklärung des Kulturressorts weiter, habe bei den Landesregierungen das Interesse bestanden, im Sinne der beteiligten Bundesländer ein eigenes Angebot zur Koordinierung und Vernetzung zu schaffen.

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Reinhard Goltz, Leiter des INS, sagt dagegen, die Beweggründe der vier Nordländer seien für ihn nicht klar geworden. Zumal es vor der Entscheidung, die Finanzierung für das INS zum Ende des Jahres 2017 einzustellen, keine Kommunikation darüber gegeben habe, was aus Sicht der Geldgeber falsch laufe und was geändert werden sollte.

„Uns hat das damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen.“ Damals, das war im Mai 2016. Fast 40 Jahre lang, seit 1979, ist das INS von den vier Bundesländern finanziert worden, war aber inhaltlich und strukturell unabhängig von den Geldgebern. Zunächst, erklärt Goltz, hatte das Institut die Hoffnung, dass die Landesregierungen doch noch zur Fortsetzung der Zusammenarbeit bewegt werden könnten. Doch diese Hoffnung habe sich zerschlagen.

Nun weiß das INS nicht genau, was das kommende Jahr bringt. Träger des Instituts ist ein privater Verein. Er ist Eigentümer des Gebäudes im Schnoor 41-43, in dem das INS untergebracht ist. Die Mitgliederversammlung habe im Oktober „eindeutig entschieden, dass es hier weitergehen soll“, sagt Goltz. Also sucht das Institut nun neue Geldgeber. Anträge wurden beim Bund und bei der EU gestellt. Ob Berlin beziehungsweise Brüssel das INS künftig finanziell unterstützen, sei aber noch nicht entschieden.

Bundesweit einmaliges Institut

Diese Ungewissheit ist für die vier Mitarbeiter, die sich drei Stellen teilen, belastend. Sie kümmern sich zum Beispiel um die Bibliothek, die rund 35 000 Titel umfasst – vor allem Bücher, aber auch andere Medien. Wenn Schulen überlegen, wie Plattdeutsch sinnvoll in den Unterricht integriert werden kann, stehen die INS-Mitarbeiter ihnen ebenfalls mit Rat und Tat zur Seite – durch Schulungen der Lehrer oder mit Tipps zu geeigneter Lektüre.

Übersetzungen von Internetauftritten, zum Beispiel von Landkreisen oder Gemeinden, gehören ebenso zu den Aufgaben des Instituts wie die Beratung darüber, wie Plattdeutsch in die Altenpflege eingebunden werden kann. Das Spektrum der Tätigkeiten sei vielfältig, sagt Goltz. Das Institut sei bundesweit einmalig und habe sich seit seiner Gründung Mitte der siebziger Jahre Kompetenz sowie überregionale Bekanntheit erarbeitet.

Goltz wurde für sein Engagement 2011 sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen. Wer auch immer sich mit der niederdeutschen Sprache beschäftigt, landet also über kurz oder lang bei der Bremer Einrichtung. Und nebenher schauen viele Touristen herein, die im Schnoor unterwegs sind. Nur aus den Beiträgen der Vereinsmitglieder lasse sich das Institut aber nicht finanzieren, betont Goltz.

Budget liegt bei 271.000 Euro im Jahr

Während es also beim INS einen eingeführten Namen, eingespieltes Personal und ein festes Domizil gibt, aber kein Geld, ist es beim neuen Länderzentrum umgekehrt: Die Finanzierung ist gesichert, alles andere fehlt. Bremen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen sind laut Bremer Kulturressort zu gleichen Teilen Gesellschafter der neuen Institution, die als gemeinnützige GmbH organisiert ist. Der Gesellschaftsvertrag wurde kürzlich unterzeichnet.

Die Ausschreibung für einen Geschäftsführer beziehungsweise eine Geschäftsführerin laufe, untergebracht werden soll das Länderzentrum zunächst provisorisch in der Kulturbehörde. Derzeit werde nach geeigneten Räumlichkeiten Ausschau gehalten, die angemietet werden können. Sobald die Geschäftsführung installiert sei, sollen zwei weitere Mitarbeiter gesucht werden.

Das Budget für die neue Organisation liegt bei 271.000 Euro im Jahr, also exakt der Summe, die bisher an das Institut für niederdeutsche Sprache geflossen ist. Und genauso wie in der Vergangenheit teilen sich die vier Geberländer die Kosten. Die nächsten Monate, da ist sich Goltz sicher, werden schwierig. Für das INS, das um sein Überleben kämpft. Aber auch für alle anderen, die sich für die niederdeutsche Sprache einsetzen. „Ihnen wird ein Ansprechpartner fehlen.“

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