Zwei Wochen Quarantäne

Lufthansa fliegt für Polarforschung des Alfred-Wegener-Instituts

Wenn alles pünktlich klappt, wird der längste Passagierflug der Lufthansa gegen Montagmittag auf den Falkland-Inseln landen. Der Sonderflug bringt ein Team des Alfred-Wegener-Instituts in Richtung Antarktis.
01.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Lufthansa fliegt für Polarforschung des Alfred-Wegener-Instituts
Von Florian Schwiegershausen
Lufthansa fliegt für Polarforschung des Alfred-Wegener-Instituts

Kurz vor der Quarantäne winkt hier ein Teil der Lufthansa-Crew, die das Forschungsteam vom Alfred-Wegener-Institut in 15 Stunden Flug in Richtung Antarktis bringt.

LUFTHANSA

Sie tun es alle für die Forschung in der Antarktis und wollen so der Pandemie trotzen. Wenn alles nach Zeitplan läuft, wird an diesem Montag gegen 12.30 Uhr deutscher Zeit ein Airbus A 350 der Lufthansa in Mount Pleasant auf den Falkland-Inseln landen. An Bord von LH2574 ist ein Team des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Sonntagabend hob die Maschine um 21.12 Uhr in Hamburg ab. Vor Ort wird es in Port Stanley von der „Polarstern“ abgeholt, die kurz vor Weihnachten von Bremerhaven aus gestartet war. Oberste Priorität für diese Forschungsexpedition ist, dass weder jemand vom Forschungsteam noch jemand aus der Lufthansa-Crew Corona mit an Bord des Airbus und auf die Falkland-Inseln schleppt.

Zwei Wochen die Zimmer nicht verlassen

Deshalb haben sie alle die vergangenen zwei Wochen unter Quarantäne in Bremerhaven im Nordsee-Hotel im Fischereihafen verbracht – jeder für sich in einem Zimmer. Für alle, erst recht für die 17-köpfige Mannschaft der Lufthansa hat es etwas von der Big-Brother-Fernsehshow, bei der sich die Kandidaten freiwillig in Wohncontainer sperren lassen. Die Zeit der Quarantäne wird länger dauern als der Arbeitseinsatz. Flugkapitän Rolf Uzat sagte: „Trotz der Einschränkungen für die Crew haben sich allein 600 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter um diesen Flug beworben.“ Das war noch im alten Jahr. 17 von ihnen ließen sich dann ab 15. Januar in Bremerhaven ins Hotel einschließen – zusammen mit den 92 Personen für die AWI-Forschungsexpedition. Für die „Lufthanseaten“ hat dieser Einsatz seinen Reiz: Wenn sie auf den Falkland-Inseln landen, werden sie den längsten Passagierflug hinter sich haben, den es jemals bei der Lufthansa gegeben hat. Die Flugzeit beträgt 15 Stunden.

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Dafür haben Kapitän Uzat und seine Cockpit-Kollegen zusätzliche Trainings gemacht. Damit es in der Zeit bis zum Abflug nicht ganz einsam wurde, haben sie und die Kabinenkollegen sich jeden Morgen zum Gespräch per Videokonferenz getroffen. Denn die Zimmer durften sie nicht verlassen. Bettwäsche, Handtücher und Essen wurde ihnen vor die Zimmertür gestellt, um den Kontakt zum Hotelpersonal zu vermeiden. Nach diesen zwei Wochen kennt die Crew nun jedes Detail vom grünen Museumsschiff „FMS Gera“, das im Fischereihafen liegt, fast auswendig. Das konnten sie nämlich aus ihren Zimmerfenstern sehen, wie eines der Crewmitglieder berichtete.

Seit Sommer bereitet sich die Lufthansa auf diesen Flug vor

Für sie ging es am Sonntag nach Hamburg zum Flughafen in einen speziellen Teil, damit sie vor Ort den Kontakt zu anderen Personen vermeiden. Seitdem die Fluggesellschaft vom AWI im vergangenen Sommer die Anfrage für diesen außergewöhnlichen Einsatz erhalten hatten, hatte sich die Lufthansa darauf vorbereitet. So ist auf den Falklandinseln genug Kerosin für den Rückflug gebunkert. Auch das Hotel steht dort bereit, in das sich die Flug-Crew erneut in Quarantäne begeben muss. Denn am Mittwoch, also am 3. Februar, sollen sie nach München zurückfliegen, zusammen mit der Crew der „Polarstern“, die seit Dezember auf dem Schiff war, um es in die Antarktis zu bringen mit dem Nachschub für die Neumayer-III-Station.

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Die 92 Flugpassagiere, Forscherteam und neue Schiffscrew, sollen am Mittwoch an Bord der „Polarstern“ gehen und ins antarktische Weddellmeer fahren. Ziel ist das Gebiet vor dem Filchner-Ronne-Schelfeis weit im Süden des atlantischen Sektors des Südozeans. Das Team will die Wechselwirkungen und Veränderungen des Systems Ozean-Eis-Biologie im Klimawandel entschlüsseln und deren Folgen besser vorhersagen. Der Expeditionsleiter Hartmut Hellmer, physikalischer Ozeanograf am Alfred-Wegener-Institut, sagt: „Diese Prozesse beeinflussen sowohl den Meeresspiegelanstieg als auch den globalen Kohlenstoffkreislauf und damit die Fähigkeit der Ozeane, Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre aufzunehmen und langfristig zu speichern.“

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In normalen Zeiten wären sie für diese Expedition von Südafrika aus aufgebrochen. Doch die Corona-Pandemie macht Flüge nach Südafrika zu risikoreich. Schließlich soll das Virus nicht auf der „Polarstern“ ausbrechen. Sollte ein zu starker Wind aus Nordwest eine Landung auf den Falklandinseln unmöglich machen, wird der Airbus auf Feuerland ausweichen. Er wird dann in Chile in Punta Arenas landen. Die „Polarstern“ würde dort dann zwei Tage später das Forschungsteam abholen.

Info

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Die Sehnsucht nach Flugeinsätzen

Zwei Wochen Quarantäne und trotzdem waren 600 Lufthansa-Flugbegleiter bereit für den Einsatz – dafür hat Ufo-Gewerkschafts-Chef Daniel Flohr Verständnis: „Man darf nicht vergessen: Viele von ihnen sitzen seit fast einem Jahr zu Hause. Wer kleine Teilzeit macht, ist 2020 gar nicht geflogen, weil die Lufthansa sie komplett in Kurzarbeit gelassen hatte. Wenn dann die Chance da ist, zu fliegen, auch noch auf die Falkland-Inseln, wo Lufthansa sonst nicht hinfliegt, dann kann man verstehen, dass sich viele Kollegen dafür melden.“

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